Der Wirecard-Ausschuss ergab am Donnerstag, dass das von der Bafin verhängte Leerverkaufsverbot für Wirecard-Aktien im Wesentlichen unbegründet gewesen sein dürfte. Andreas Mitschke, Leiter der Handelsüberwachungsstelle an die Börsenaufsicht Hessen, sagte vor dem Wirecard-Untersuchungsausschuss des Bundestags, man habe keine Transaktionen beobachtet, die den Verdacht einer spekulativen Attacke gegen Wirecard hätten begründen können. Mitschke sagte, dass die Handelsüberwachungsstelle nicht von der Finanzaufsicht Bafin über das bevorstehende Leerverkaufsverbot informiert worden sei. Seitens seiner Stelle habe man „keine Auffälligkeiten“ gefunden, die auf eine Attacke gegen Wirecard hingewiesen hätten. Die Bafin hatte das Verbot verhängt, weil Wirecard-Manager der Aufsicht von einer Attacke erzählt hatten. Die Verhängung des Leerverkaufsverbots hatte weitreichende Konsequenzen: Viele Banken und Unternehmen nahmen die Entscheidung der Bafin als Beleg dafür, dass die kritische Berichterstattung der Financial Times (FT) falsch sei und hinter den Vorwürfen des Betrugs eine Verschwörung mit Shortsellern stecken könnte. Mit der Verhängung des Leerverkaufsverbot ging unter anderem ein Ermittlungsverfahren gegen die kritischen FT-Journalisten einher, das die Staatsanwaltschaft München anstrengte.

Der FDP-Abgeordnete Florian Toncar sagte dieser Zeitung: „Der Leiter der Handelsüberwachungsstelle hat eindeutig ausgesagt, dass es 2019 keine Hinweise auf eine Spekulationsattacke gegen Wirecard gab. Diese wurde von Wirecard erfunden und von der Finanzaufsicht BaFin vollkommen unreflektiert übernommen. Daraus wurden dann strafrechtliche Ermittlungen gegen Wirecard-Kritiker und ein Leerverkaufsverbot. Braun und Marsalek müssen sich gefühlt haben wie kleine Könige: sie hatten es geschafft, BaFin und Staatsanwälte für ihre Zwecke einzusetzen. Es ist tragisch zu sehen, wie leicht man den Betrug hätte stoppen können, wenn die Behörden einfach die Handelsdaten vernünftig ausgewertet beziehungsweise auf die Experten gehört hätten.“

Der grüne Abgeordnete Danyal Bayaz sagte: „Die Staatsanwaltschaft München reiht sich nahtlos in das Behördenversagen in Sachen Wirecard ein. Sie hat die abenteuerliche Opfergeschichte von Jan Marsalek und seinen Leuten nicht nur geglaubt, sondern auch ungeprüft an die Bafin weitergeleitet. Dieser Vorgang war der Ausgangspunkt des Leerverkaufsverbotes, das die Bafin zudem auf rechtswidriger Basis verhängt hat. Eine Fehlentscheidung, die für viele Anleger zum Verhängnis wurde.“

Besonders unangenehm für Bafin und Staatsanwaltschaft: Mehr als ein Jahr vor Auffliegen des Wirecard-Skandals ist bereits über eine Aussetzung des Handels von Wirecard-Aktien an der Deutschen Börse gesprochen worden. Aus Sicht der Börsenaufsicht habe es zum damaligen Zeitpunkt, im Februar 2019, jedoch keinen Grund für ein Handelsverbot gegeben, sagte der hessische Wirtschaftsminister, Tarek Al-Wazir (Grüne), im Ausschuss. Al-Wazir zufolge kontaktierte die Finanzaufsicht Bafin die Börsenaufsicht und bat sie um eine Einschätzung zur Handelsaussetzung. Zuvor hatte es Hinweise der Staatsanwaltschaft München gegeben, dass Wirecard möglicherweise erpresst werde. Ungefähr zum selben Zeitpunkt sprach die Bafin auch das Leerverkaufsverbot für Wirecard-Aktien aus.