Für Stephan Freiherr von Erffa hätte der Besuch des lichtdurchfluteten Paul-Löbe-Hauses in Berlin eine willkommene Abwechslung aus dem trüben Alltag in der Gefängniszelle sein können: Der frühere Chefbuchhalter von Wirecard sitzt wegen des Milliarden-Betrugsfalls in Untersuchungshaft und wurde am Donnerstag von den Abgeordneten des Wirecard-Untersuchungsausschusses als Zeuge gehört. Das Vergnügen für von Erffa hält sich jedoch in Grenzen. Das Gesicht des Buchhalters ist farblos, sein Blick unsicher, er schafft es kaum, Sätze gradlinig zu formulieren. Stephan Freiherr von Erffa, an dem die Haft nicht spurlos vorübergegangen ist, ist im Grund nur auf eines bedacht: Er will jeden Eindruck zerstreuen, in einen bandenmäßigen Betrug verstrickt zu sein. Die Strafverteidiger der Wirecard-Manager fahren nämlich die Strategie, dass es sich bei dem Skandal nur um eine Markmanipulation gehandelt habe. Damit soll das Strafmaß minimiert werden. Erffa versucht aus diesem Grund, jedes Wissen über seltsame Vorgänge bei Wirecard von sich zu weisen.

Zu Beginn sagt von Erffa, es tue ihm leid, dass der Fall mit den Mechanismen innerhalb des Unternehmens nicht aufgeflogen sei: „Es war für mich unvorstellbar, dass sowas passieren konnte.“ Er habe eigentlich gedacht, Wirecard sei in Sachen Compliance, interne Revision und beim Aufsichtsrat gut aufgestellt, sagt der Buchhalter.

In der Befragung gab sich der 46-Jährige ahnungslos, obwohl die Details der dubiosen Zahlungsströme über seinen Schreibtisch gegangen sein müssen. Doch von Erffa will sich selbst nicht belasten und antwortet zum Beispiel auf die Frage nach vier erfolglosen Überweisungen zu jeweils 110 Millionen Euro, mit denen Wirecard in seiner Schlussphase noch einmal an Geld kommen wollte: „Das habe ich, ähm, das, wann wie wo die Details da habe ich keine Kenntnis.“ Oder auf die Frage nach dem rätselhaften Unternehmen Hermes: „Wir machen mit der Hörmes, also wir nennen Sie Hörmes, also ähm äh äh wir machen ähm Geschäft wir verkaufen Flugtickets.“ Zum Wirecard-Plan, die Deutsche Bank zu übernehmen, und zur diesbezüglichen Aussage eines Whistleblowers sagte von Erffa: „Ääääääähmmmmm,… ich glaube, dass das ein großes Missverständnis ist, also äähm, ich komme da nur am Rande vor, ähmm…“ und schließlich dann schnell, um das Thema loszuwerden: „Das soll dann die Staatsanwaltschaft machen.“ Von Erffa sagt Sätze wie: „Ich kann den kausalen Zusammenhang von meiner Seite wenigstens definitiv ausschließen.“ Zum Fall einer Mitarbeiterin, die Wirecard mit einer hohen Zahlung zum Rauswurf zum Schweigen anhalten wollte: „Ich war mit dem Vorgang nicht befasst, ich hatte aber mitbekommen, dass man mit der Qualität ihrer Arbeit nicht zufrieden war, ich war auch nicht zufrieden.“

Von Erffa verwendet immer wieder den typischen Jargon von Konzern-Mitarbeitern, spricht vom „Flurfunk“, erläutert Abläufe nüchtern und im Präsens, als würde der Konzern noch bestehen und der Oberbuchhalter jeden Morgen pünktlich seine Position am Schreibtisch beziehen. An einer Stelle fragt der SPD-Abgeordnete Jens Zimmermann, ob von Erffa einen besonders verdächtigen Vertrag mit dem berüchtigten Mauritius-Fonds EMIF kennt. Von Erffa sagt, er wisse nicht, wer diesen Vertrag unterschrieben habe: „Ich kann mich nicht erinnern.“ Zimmermann legt den Vertrag vor und fragt: „Da sind in der Mitte zwei gut lesbare Unterschriften. Wer ist denn das?“ Ohne Zögern sagt von Erffa: „Braun und ich.“ Darauf Zimmermann: „Ach, Sie haben den sogar unterschrieben? Das ist ja interessant.“ Doch mehr als sarkastische Bemerkungen können die Abgeordneten nicht aufbieten – weil von Erffa eben in ein Strafverfahren verstrickt ist und daher auch rechtlich sagen kann, was er will.

Florian Toncar von der FDP sagte dieser Zeitung: „Wie alle Wirecard-Manager versuchte der Zeuge, sich für nicht verantwortlich zu erklären. Der Auftritt zeigt, dass die Mechanismen im Unternehmen nicht funktioniert haben. So sagte der Zeuge, dass er dem Urteil von EY vertraut habe – eine Absurdität, weil EY ihn ja prüfen musste.“

Nach mehreren Stunden kehrte Stephan Freiherr von Erffa am frühen Abend aus dem Bundestag in seine Gefängniszelle zurück.

Im Zeugenstand nimmt der Aufsichtsratsvorsitzende der Wirecard AG, Thomas Eichelmann, Platz und legt seine Darstellung der Ereignisse vor. Er beschreibt den Freiherrn von Erffa als einen Mann der Zahlen. Er sei im Detail alle Zahlen stets auf der Höhe der Zeit gewesen. Schwierig sei es aber geworden, wenn man eine andere Meinung zu einzelnen Fragen vertrat. Dann habe der Chefbuchhalter von Wirecard schon auch mal „unangemessen“ reagiert.