Die Aufklärung bei Wirecard steht nach Monaten der Arbeit des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses erst am Anfang: Diese Erkenntnis erläuterten die drei Oppositionspolitiker Florian Toncar (FDP), Fabio De Masi (Linke) und Danyal Bayaz (Grüne) am Mittwoch in einer Zwischenbilanz.

Ironischerweise ist diese Erkenntnis ein Beweis der Leistungsfähigkeit des Ausschusses, nicht seines Scheiterns. Die drei Abgeordneten haben sich durch nichts von ihren Ermittlungen abhalten lassen: Die kriminellen Verschleierungserzählungen, die aus dem Wirecard-Empire auch noch lange nach dem Crash lanciert wird; die schiere Fülle an Akten, E-Mails, Dokumenten, die es zu lesen, zu verstehen und einzuordnen gilt; die zahllosen Zeugen mit ihren teilweise bemitleidenswerten Gedächtnislücken; die heroischen Schweigegelübde der Wirtschaftsprüfer; die falschen Fährten, die Bundesregierung und Spin-Doktoren hinter den Kulissen zu legen versuchen; die Bauernopfer diverser Rücktritte – die Abgeordneten des Ausschusses haben nicht lockergelassen und konnten der Öffentlichkeit wichtige Einsichten vorstellen.

Es ging, wie sich immer deutlicher zeigt, bei Wirecard nicht nur um einen Bilanz-Betrug, sondern offenbar um Geldwäsche. Hier stehe man noch am Anfang, so Florian Toncar. Die Geheimdienste und die Staatsanwaltschaft München hätten immer wieder ein „bemerkenswertes“ Verhalten an den Tag gelegt, so Fabio De Masi. Es hätte ein „Kollektivversagen“ der Institutionen gegeben, sagte Danyal Bayaz. In den ersten Monaten sei jedoch klar geworden, dass man sogar ohne die Lektüre der Financial Times (FT) dem Verbrechen auf die Spur hätte kommen können, so der Tenor der Parlamentarier. Die FT hatte über die Auffälligkeiten berichtet, ohne bei der deutschen Aufsicht eine entsprechende Resonanz zu erhalten.

Mandat für Wirecard-Ausschuss endet im September

Auf der Arbeitsebene in deutschen Behörden und Ämtern hatten viele Sachbearbeiterinnen und Fachleute unabhängige und kompetente Untersuchungen angestellt und seien, so die Politiker, zu eindeutigen Schlussfolgerungen gelangt. Die Bedenken der Mitarbeiter wurden jedoch nicht gehört, versickerten in den Apparaten oder wurden zugunsten der Verbrecher an der Wirecard-Spitze uminterpretiert. Es stelle sich, so die Abgeordneten, unter anderem die Frage, warum Bundeskanzlerin Angela Merkel nach all dem, was intern bekannt war, Wirecard als ein Highlight auf ihrer China-Reise präsentiert hat. Die Beantwortung dieser und der anderen, entscheidenden Fragen könnte sich bis nach der Bundestagswahl ziehen – ein Problem für den Ausschuss: Sein Mandat endet im September. Fabio De Masi hat bereits angekündigt, nicht mehr für den Bundestag zu kandidieren. Sein Fachwissen und sein investigatives Know-How werden damit in einer möglichen Neuauflage des Untersuchungsausschusses fehlen. Ob die anderen wieder eine Lizenz zum Aufklären bekommen, liegt in den Händen des neu gewählten Bundestags.

Wirecard, ein einstiges Vorzeigeunternehmen der deutschen Innovationskraft, hatte im vergangenen Sommer ein Bilanzloch von 1,9 Milliarden Euro eingeräumt und daraufhin Insolvenz angemeldet. Von dem Geld fehlt jede Spur. Der Hauptverdächtige, der Wirecard-Manager Jan Marsalek, ist trotz internationaler Fahndung wie vom Erdboden verschluckt. Der CEO von Wirecard, Markus Braun, sitzt in Untersuchungshaft und schweigt.