Am Donnerstag, um etwa 21.45 Uhr, wird es plötzlich ganz still im Europa-Saal des Paul-Löbe-Hauses, als der FDP-Abgeordnete Florian Toncar die Zeugin Fahmi Quadir mit leiser Stimme auffordert: „Wenn es Ihnen nichts ausmacht, bitte erzählen Sie uns von dem Überfall auf Sie in New York.“ Quadir blickt kurz zu Boden. Sie hat sich gut vorbereitet auf ihren Auftritt vor dem Wirecard-Untersuchungsausschuss des Bundestags.

Schließlich sagt die aus New York angereiste Hedgefonds-Managerin, schnell und bestimmt, als hätte sie auf den Moment gewartet: „An dem Tag, da ich angegriffen wurde, hat meine Mitarbeiterin Christine angerufen und gesagt, der Server ist abgestürzt. Nur unser Server. Alles andere in dem Bürogebäude hat funktioniert, nur unser Server nicht. Da wusste ich, das wird wieder einer dieser Tage. Wir hatten oft erlebt, dass wir gehackt wurden. Bevor ich ins Büro ging, ging ich mit meinem Pudel Gassi. Plötzlich hat mir ein Mann, der ganz in Schwarz gekleidet war und eine Maske trug – und das war vor Corona! – auf den Kopf geschlagen, wohl mit einem Schlagring. Und obwohl die Polizei innerhalb von wenigen Minuten am Tatort war, gab es keine Spuren, nichts. Das FBI hat mir gesagt, ich solle aufpassen, und das haben wir von da an auch gemacht.“

Quadir atmet durch. Es ist das erste Mal, dass sie über den Zwischenfall spricht. Sie wirkt erleichtert. Sie hat ohne Pathos vorgetragen. Bis heute weiß niemand, wer hinter dem Angriff steckt: „Das war professionell. Mir wurde gesagt: Das ist eine Warnung.“

Fahmi Quadir ist sich sicher: Der Angriff kam aus dem Umfeld von Wirecard. Quadir war zu diesem Zeitpunkt die gefährlichste Gegnerin von Wirecard. Ihr Unternehmen wurde im Auftrag von Wirecard von einer indischen Cyber-Firma überwacht.  Phishing und Hacker-Attacken waren normal. Quadir konnte nicht ahnen, dass sie wenige Jahre später in Berlin gemeinsam mit Abgeordneten des Deutschen Bundestages nach den Ursachen eines beispiellosen Kriminalfalls forschen würde – als Gewinnerin.

Seit 2018 beschäftigt sich Fahmi Quadir mit Wirecard

Quadir beschäftigt sich seit 2018 mit Wirecard. Die Tochter von aus Bangladesch nach New York eingewanderten Eltern ist eine sogenannte Shortsellerin. Shortseller wetten auf fallende Kurse eines Unternehmens oder auf den Niedergang eines Staates. Manche Shortseller lancieren gezielt Attacken, um die Kurse künstlich nach unten zu treiben. Andere beschäftigen sich akribisch mit Unternehmen und prüfen, ob deren Geschäfte solide sind. Der Vorsitzende des Wirecard-Ausschusses, Kay Gottschalk, möchte von Quadir wissen, warum der Ruf der Shortseller vor allem in Deutschland so schlecht ist, manche sagen, die Shortseller gelten gar als die „Teufel“ der Märkte.

Quadir beantwortet die Frage grundsätzlich: „Es gibt Teufel unter uns. Ich kann nicht für alle Shortseller sprechen. Ich wette nicht gegen Staaten. Ich wette nicht gegen ethisch gut geführte Unternehmen. Ich wette ausschließlich gegen Unternehmen, die Menschen ausbeuten oder die Verbrechen begehen.“

In ihrem Einleitungsstatement hatte die 30-jährige Amerikanerin gesagt: „Werte sind nicht nur Hülsen. Sie bestimmen mein Leben.“ Sie hatte von ihren Erfahrungen erzählt, die sie bei einem Aufenthalt in Bangladesch gemacht hatte, von ihrer Arbeit mit sexuell misshandelten Frauen, die mit den Folgen der Gewalt zu kämpfen haben. Quadir hat einen sehr scharfen Verstand. Sie war gut in Mathematik und konnte gut schreiben, erzählt sie der Berliner Zeitung: „Außerdem war ich die Jüngste in unserer großen Familie. Ich konnte immer gegen alles sein.“

Der Widerspruchsgeist war es auch, der sie in die Finanzbranche trieb. Der Blick auf Bangladesch aus New York, auf den Widerspruch von Elend und Wall Street, führte zu der Erkenntnis, wie sie es vor dem Ausschuss in wenigen Worten zusammenfasst: „Ich verstand, dass Kapital die ultimative Währung ist.“ Ihre acht Jahre ältere Schwester arbeitete in der Compliance-Abteilung bei der Citigroup in New York. Schon früh lernte sie, dass es in der Finanzbranche um mehr geht als nur um Geld. Es geht um das große Geld, das man mit Verbrechen machen kann. So entdeckte sie „Shortselling als einen revolutionären Akt“: „Leerverkäufe tun den Verbrechern da weh, wo sie es wirklich spüren – in ihrem Portemonnaie.“

Fahmir Quadir wird zu einem Netflix-Star

Ihre ersten Schritte als Shortsellerin brachte ihr ein Star der Szene, Mark Cohodes, bei. Sie arbeitete für seinen Hedgefonds Krensavage Asset Management. Im Alter von nur 25 Jahren wurde sie berühmt, weil sie gegen das Pharmaunternehmen Valeant wettete – und gewann. Sie gründete ihr eigenes Unternehmen, Safkhet Capital. Ihr Mentor Cohodes beschrieb Quadir später gegenüber US-Medien als „skrupellos, kaltblütig und verbissen“. Ihr Erfolg gegen Valeant machte Quadir zu einem Netflix-Star. Der Erfolg wurde verfilmt. Quadir hatte herausgefunden, dass das Unternehmen die Preise durch Zukäufe von Konkurrenten in die Höhe trieb: „Das ist Betrug, weil die Leute viel zu viel für lebensrettende Medikamente bezahlen müssen“, sagt Quadir heute.

Den Machenschaften von Wirecard kam sie rasch auf die Spur: Als das Unternehmen einen Teil des Geschäfts der Citi in Nordamerika übernahm, fuhr sie einfach in die US-Zentrale und forschte nach, was Wirecard machte: „Ich ging in ein viel zu großes Gebäude, in dem nur wenige Angestellte waren. Ich sagte, ich sei Investorin und wollte mir das Geschäft anschauen. Zum Glück hatten der Verkäufer, den ich traf, noch keine Anweisungen aus Deutschland. So konnte er mir keine Märchen erzählen. Ich fragte ihn, wie Wirecard mit einzelnen Pre-Paid-Karten so hohe Umsätze machen konnte. Das sei völlig unüblich. Der Mann hatte keine Ahnung, konnte mir nichts schlüssig erklären. Da wusste ich: So etwas gibt es nur, wenn Geldwäsche dahintersteckt. Später traf ich den Verkäufer bei einem Investorentag wieder. Er erkannte mich und sagte: Heute werde ich aufpassen, was ich Ihnen sage.“

Im Deutschen Bundestag erklärt Quadir, warum sie im Fall Wirecard recht behalten hat: „Schauen wir uns einfach einmal an, was ein normaler Mensch denken würde! Und so muss auch der Markt funktionieren. Die Leute verlieren ja nicht Geld wegen einer Short-Attacke oder wegen kritischen Presseberichten. Sie verlieren ihr Geld, weil ein Unternehmen Verbrechen begeht. Und wenn rauskommt, dass es sich um Verbrecher handelt, fällt der Preis. Wenn der Preis nicht fallen würde, wäre der Markt kaputt.“ Neben Quadir hatte auch die Financial Times (FT) vor Wirecard gewarnt. Doch niemand wollte die schlechte Nachricht hören.

Grüne laden sie als Zeugin in den Wirecard-Untersuchungsausschuss

Auch die Regierungsparteien in Berlin waren zunächst nicht besonders glücklich, als die Grünen darauf bestanden, Quadir als Zeugin zu hören. Ein junger Bundesbanker in den Reihen der Grünen war in New York auf die Argumente der Shortsellerin aufmerksam geworden. Vor allem ihre Kritik an der Finanzmarktaufsicht Bafin sorgt bei der Bundesregierung für Unbehagen. Eigentlich will man Quadir nicht hören – denn sie hat viele unbequeme Wahrheiten im Gepäck.

Nachdem sie Wirecard auf die Schliche gekommen war, hatte sie der Bafin angeboten, all ihre Bedenken offenzulegen, damit die Aufsicht einschreiten könne. In den USA sei es absolut üblich, dass Ermittler, Aufsicht und Shortseller zusammenarbeiten. Doch die Bafin hat das Angebot zur Aufklärung ausdrücklich abgelehnt. Quadir sagt heute: „Die deutschen Institutionen haben ihre Bürger nicht geschützt.“

Das tut weh, und man kann das an den Vertretern der Union und der SPD beobachten: Die Unionsvertreter flüchten sich in belanglose Fragen: „An wen haben Sie die E-Mails geschickt? Wer hat davon profitiert, gibt es dafür Belege?“ Der SPD-Abgeordnete Jens Zimmermann fragt, wie viel Gewinn Quadir mit der gewonnenen Wette auf den Fall von Wirecard gemacht habe. Quadir sagt, dass dies ein Geschäftsgeheimnis sei. Zimmermann insinuiert, dass ihr der Gewinn wohl ein Luxusleben in einem Schloss ermöglichen sollte. Quadir beherrscht sich, auch als Zimmermann nachlegt und süffisant fragt, ob sie vielleicht „pro bono“ arbeite? Quadir sagt, sie sei Unternehmerin und habe persönlich keinen Cent genommen – alles gehe in das junge Unternehmen. Sie erklärt dem SPD-Politiker: „Was ich tue, ist extrem teuer, alles, was ich tue, zahle ich aus meiner eigenen Tasche, in der Hoffnung, dass wir Gerechtigkeit bekommen. Es ist ein großes Risiko.“

Die Wirecard-Verbrechen hätten viel früher aufgeklärt werden können

Schließlich gewinnt sie mit ihrer ruhigen, präzisen Art die Aufmerksamkeit der Abgeordneten – und erklärt ihnen das Wesen der Geldwäsche: „Manchmal gilt Geldwäsche als Verbrechen ohne Opfer. Dem kann ich nicht zustimmen. Jedes Verbrechen ist sinnlos, wenn man den Gewinn aus dem Verbrechen nicht verwenden kann.“ Die Wirecard-Manager um Jan Marsalek sahen diese Chance: „Sie nahmen Geld von einigen der gefährlichsten Männer der Welt an.“

Der Trick lag auf der Hand: Der Schlüssel zum Wachstum von Wirecard lag im Erwerb einer Banklizenz. Wenn man Geldwäsche betreiben möchte, dann muss man eine Bank und alle Glieder in der Kette kontrollieren. So kann man Konten eröffnen für Vermögen, die aus Verbrechen, Kriegen, Drogenhandel und anderen illegalen Tätigkeiten erwachsen sind. Quadir bedauert, dass die Bafin ihr „Gesprächsangebot“ nicht angenommen habe. Das Wirecard-Verbrechen hätte viel früher aufgeklärt werden können.

Nebenbei enttarnt Quadir einen deutschen Lobbyisten als Hochstapler: Auf die Frage, ob sie Karl-Theodor zu Guttenberg kenne, der doch angeblich auch in New York seinen Geschäften nachgehe, lächelt sie müde und sagt: „Nein, den kenne ich nicht.“ Und auf das ungläubige Nachbohren, ob sie vielleicht Spitzberg Partners, Guttenbergs Firma, kenne?„ Nein, tut mir sehr leid, nie gehört.“ Der Linke Fabio De Masi, der vor allem bei der Geldwäsche-Thematik, den Oligarchen und den Geheimdiensten sehr aufmerksam zugehört hat, tröstet Quadir etwas später und sagt: „Ich wollte nur sagen, dass es nicht schlimm ist, dass Sie Herrn Guttenberg nicht kennen. Aber vielleicht wollen sie Spitzberg Partners einmal leer verkaufen.“ Guttenberg hatte unmittelbar vor dem Absturz von Wirecard aus heiterem Himmel einen Brandartikel gegen Leerverkäufer geschrieben.  

Die Abgeordneten hören der jungen Frau aus New York genau zu. Sie sind sichtlich angetan von der Stringenz und der gedanklichen Disziplin von Fahmi Quadir. Danyal Bayaz von den Grünen sagt dieser Zeitung: „Fahmi Quadir war nicht nur eine wichtige, sondern auch eine beeindruckende Zeugin. Sie hat früh erkannt, dass bei Wirecard etwas nicht stimmt. Sie hat im Ausschuss glaubhaft dargestellt, wie ernsthaft und engagiert andere Aufsichtsbehörden kritischen Hinweisen von Marktteilnehmern oder Whitsleblowern nachgehen. Dass die Bafin kein Interesse an ihren Ausführungen hatte, passt leider ins Bild.“

Es sei aber „ein gutes Zeichen, dass Staatssekretär Kukies vor kurzem Frau Quadir zum Gespräch getroffen habe“, sagt Bayaz: „Künftig würde ich mir wünschen, dass dazu aber nicht erst das Kind in den Brunnen gefallen sein muss. Dazu brauchen wir dringend einen Kulturwandel bei unserer Finanzaufsicht.“

Fabio De Masi sagt: „Frau Quadir hat den Wirecard Betrug erkannt. In Deutschland war eine ganze Aufsichtsbehörde vor allem damit beschäftigt wegzusehen. Whistleblower müssen endlich geschützt werden. Die wichtigste Aussage von Quadir war aber: Das Wirecard Management war eine kriminelle Bande, und leider gibt es zu viele Medien, die den Spin vom Einzeltäter Marsalek bedienen.“

Lisa Paus von den Grünen sagt: „Der Auftritt von Frau Quadir im Wircard Untersuchungsausschuss war augenöffnend. Sie hat sich schon frühzeitig mit Hinweisen an die deutsche Finanzaufsicht gewandt, ist aber immer wieder abgeblitzt. Eine Erfahrung übrigens, die auch andere Zeugen vor ihr schon bestätigt haben. Der Umgang der Finanzaufsicht mit Hinweisgebern und Informanten aus dem Markt ist erschütternd. Sie ist ein Beispiel dafür, dass man die Instrumente des Finanzmarktes auch zur Bekämpfung von Finanzkriminalität und für das Gemeinwohl nutzen kann.“

Cansel Kiziltepe von der SPD zollt der Shortsellerin Anerkennung: „Mit 30 Jahren hat Frau Quadir bereits einen beeindruckenden Weg hinter sich. Sie hat sich in der Männerdomäne der Finanzwelt durchgeschlagen und ist bereit, sich mit den dunklen Seiten des Geschäftes anzulegen. Sie hat sehr früh die Geldwäsche bei Wirecard erkannt und dagegen gewettet. Sie hat kriminelle Zusammenhänge erkannt, die zahlreichen Behörden erst nach der Pleite auffielen.“

Der Vorsitzende Kay Gottschalk sagt: „Frau Quadir hat einmal mehr deutlich gemacht, welch ein gestörtes Verhältnis die Bafin zu Whistleblowern, aber auch zu Shortsellern hat.  Weder wurde auf ein Gesprächsangebot eingegangen noch wollte man die Unterlagen einsehen. Interessant war auch, dass ein Abgleich mit den früheren Köpfen der Federal Bank of the Middle East (FBME) genügt hätte, um festzustellen, dass Wirecard deren Spiel der Geldwäsche nur in noch größerem Stil und mit mehr Perfektion fortsetzt.“

Nach ihrem Auftritt vor dem Ausschuss steht Fahmi Quadir vor dem kleinen Büfett-Tisch, der sich geleert hat. Es gibt noch Wasser, mit und ohne Sprudel. Quadir ist erleichtert, dass sie in Deutschland nun doch gehört wurde.

Doch Fahmi Quadir lässt der Anwurf des Abgeordneten Zimmermann keine Ruhe. Sie sagt: „Ich verstehe gar nicht, wie der auf die Idee kommt, dass ich ein Luxusleben führen könnte. Die meisten meiner Kollegen – viel ältere, weiße Männer – haben sich zurückgezogen oder aufgegeben, während ich weiterhin durchhalte. Ich habe keinen Familienbesitz, kein Erbe. Ich besitze weder Vermögenswerte noch Offshore-Bankkonten oder Immobilien.“  

Fahmi Quadir steigt die langen, dunklen Treppen hinunter. Leise sagt sie zu sich selbst: „Wenn der wüsste, wie viel Arbeit mein Business ist. Wenn der wüsste, wie ich wirklich lebe.“ Im Hintergrund schließt sich die Tür zum Saal. Die nächste Zeugin hat vor dem Ausschuss Platz genommen. Sie arbeitet für die Bafin. Vor ihr liegt ein leerer Block.