Berlin - Lisa Paus ist überzeugt: „Wirecard war auch ein seltsamer Männerbund, in dem es nie um die Sache ging, sondern im Kern um die Frage: Wer hat den Längeren?“ Die Bundestagsabgeordnete, die nach dem Ausscheiden von Danyal Bayaz im Wirecard-Untersuchungsausschuss die Fahne der Grünen hochhält, glaubt, dass ein solcher Betrug nicht möglich gewesen wäre, wenn Frauen im Konzern Verantwortung getragen hätten: „Die kritischen Stimmen innerhalb von Wirecard kamen von Frauen. Doch sie hatten in der Führungsetage zu kämpfen, wurden nicht ernst genommen. Sie haben gewarnt und wurden nicht gehört.“ Nur so sei es möglich gewesen, Wirecard als einen gigantischen Bluff zu inszenieren. Paus: „Die Truppe um Markus Braun ist durch die Gegend gelaufen und hat den Leuten von einem Konzern erzählt, der die neuesten Technologien hat, und in Wahrheit gab es nichts.“

Lisa Paus kennt männliche Strukturen in einem Unternehmen. Sie stammt aus einem mittelständischen Maschinenbaubetrieb, der Schrägaufzüge herstellt. Ihr Vater leitete das Unternehmen. Sie durchlief viele Stationen im Betrieb, war gut in Mathe, eigentlich prädestiniert als Unternehmerin. Doch da waren auch zwei ältere Brüder und das ganze Milieu der männlichen Rituale: „Ich habe erkennen müssen, dass ich im Maschinenbau als Frau keinen Fuß auf die Erde bekomme.“

Als katholisch Erzogene entwickelte sie einen ausgeprägten Sinn für soziale Gerechtigkeit, interessierte sich für die lateinamerikanische Befreiungstheologie: „Eigentlich wollte ich Journalistin werden. Doch ich hatte zwar eine große Klappe, war aber nicht so schnell im Schreiben.“ Also studierte sie in Berlin an der FU Wirtschaft, schloss das Studium der Volkswirtschaft ab. Schließlich ergab sich die Möglichkeit, in die Politik zu gehen. In die CDU wollte sie nicht, obwohl ihr Vater dort war und sie der Widerstand der Katholiken gegen die Nationalsozialisten, wie etwa jener von Kardinal von Galen, imponierte. Doch manches an der Kirche störte sie auch: „Eine katholische Erzieherin hat mir einmal gesagt: Lisa, es ist das Wesen der Frau zu dienen. Das war nicht meine Sicht.“ In die FDP wollte sie auch nicht. Schließlich ging sie zu den Grünen. Heute sagt sie: „Ich bin wirklich wegen der Gleichstellung zu den Grünen gegangen.“ Heute wird sie auch von den anderen Parteien wegen ihres ökonomischen Sachverstands geschätzt.

Lisa Paus ist überzeugt: „Wir Grünen haben die größte Wirtschaftskompetenz. Denn die anderen reden zwar von Veränderung, etwa beim Klimawandel, aber sie wollen alles so lassen wie es ist. Wir sehen die Wirtschaft in ihrer sozial-ökologischen Dimension.“ Es sei klar, „dass der Klimawandel zum Ende der Menschheit führen kann, wenn wir nichts tun“. Daher müsse nun „eine verlässliche Politik gemacht werden, die eine Disruption vollzieht und trotzdem darauf achtet, welche Auswirkungen das auf die Menschen hat, vor allem auf die sozial Schwachen“.

Das Land sei nicht gut vorbereitet auf Veränderungen: „Die Lobbyisten sind zu stark. Wenn man sich Schumpeter und seine kreative Zerstörung durchliest und dann Deutschland ansieht, dann erkennt man, dass wir noch einen weiten Weg zu gehen haben.“ Vor allem die CDU sage zwar, sie sei für den Klimawandel. Doch Paus nimmt eine Anleihe aus den Anfängen des Feminismus: „Auch damals haben viele gesagt, wir machen es wie die Männer. Doch es geht darum, viele Dinge auch ökonomisch grundsätzlich zu verändern. Das fällt der CDU natürlich schwer, weil sie sehr eng mit den etablierten Unternehmen ist. Doch nicht alle deutschen Unternehmer-Interessen sind auch im deutschen Interesse.“

Der Wirecard-Skandal illustriere dieses Dilemma. Lisa Paus sagt: „Ich glaube nicht, dass Frau Merkel persönliche Vorteile von Wirecard hatte. Aber es ist schon erschreckend, wie schlecht die Compliance-Regeln im Kanzleramt sind. Da gibt es einen Wirtschaftsberater Röller, der den Ausschuss angelogen hat und nur durch die gerade noch rechtzeitige Korrektur des Protokolls einer Strafe entkommt, und die Kanzlerin sagt: Ich habe volles Vertrauen in meine Mitarbeiter.“ So sei es möglich gewesen, dass sich alle in einer Illusion wiegen konnten: „Wir haben uns alle eingeredet, Deutschland ist ein sauberes Land, hier gilt das Prinzip vom ehrbaren Kaufmann überall. Und dann haben wir nicht genau hingeschaut, wie der Fall Wirecard gezeigt hat.“ Die „Idee der Aufsicht als Partner ist falsch“. Die Aufsicht solle die Unternehmen nicht gängeln, müsse aber wirkungsvoll kontrollieren. Dazu gehöre auch eine klare Abgrenzung: „Wo hört die Wirtschaft auf, und wo beginnt die Politik?“

Der Ausschuss habe vieles aufgezeigt, wo in der nächsten Legislaturperiode angesetzt werden müsse. Das gelte vor allem für die Geldwäscheaufsicht FIU. Der Leiter der FIU hatte vor dem Ausschuss gesagt, Wirecard sei kein Geldwäscheskandal gewesen. Paus: „Das war der Gipfel, geradezu absurd. Zahlreiche Zeugen wie die Shortsellerin Fahmi Quadir oder der Journalist der Financial Times, Dan McCrum, haben eindeutige Hinweise gegeben.“ Deutschland sei „nach wie vor ein Geldwäscheparadies. Man kann Geld aus schmutzigen Geschäften hier gut anlegen, ohne entdeckt zu werden“. Das müsse geändert werden, auch die Banken müssten stärker in die Pflicht genommen werden. Eigentlich wäre die Finanzmarktaufsicht Bafin für diese Kontrolle gut geeignet: „Es wäre kein großer Schritt, die Bafin so zu stärken, dass sie wirksam kontrollieren kann.“

Lisa Paus will in der kommenden Legislaturperiode weitermachen und dazu beitragen, dass der Finanzplatz Deutschland im internationalen Vergleich professionell ausgestattet ist. Auf die Frage, ob sie eines Tages als Wirtschaftsministerin konkret Verantwortung übernehmen möchte, lächelt Paus, und sagt weder Ja noch Nein.