Martin Zielke sitzt unruhig auf seinem Stuhl im Europasaal des Paul-Löbe-Hauses. „Ich wiederhole!“, sagt der frühere Vorstandsvorsitzende der Commerzbank mit großen, ausufernden Handbewegungen und immer wieder: „Also noch einmal!“ Die Abgeordneten des Wirecard-Untersuchungsausschusses wollen partout nicht verstehen, dass er eine klare Botschaft für sie hat. Manchmal schüttelt er schon beim ersten Satz den Kopf, fällt dem Fragesteller ins Wort: „Ich betone: Die Commerzbank hat die Geschäftsbedingungen nicht wegen der Gefahr eines Kreditausfalls beendet, sondern wegen schwerer Bedenken bezüglich des Geschäftsgebarens.“ Sein Klartext: Wirecard stand nach Erkenntnissen der Commerzbank unter dem massiven Verdacht der Geldwäsche. Das ist existenzbedrohend für jede Bank, die mit einem solchen Unternehmen Geschäfte macht.

Zielke hatte zuvor mehrfach versucht, den Abgeordneten die Augen zu öffnen, und erzählt, dass man bei der Commerzbank keine Sorgen wegen eines 200-Millionen-Euro-Kredits an Wirecard gehabt habe. Es gab ganz andere Bedenken: „Es geht im Wesentlichen um die Geldwäsche.“

Die Commerzbank hatte aus eigenen Stücken begonnen, sich die Zahlungsströme und Strukturen von Wirecard in Asien anzusehen. Dabei scheint den Frankfurter Bankern mulmig geworden zu sein: „Wir hatten über unsere Analysen schwerwiegende Zweifel am Geschäftsgebaren des Unternehmens“, sagt Zielke. An der Kreditwürdigkeit habe man dagegen nicht gezweifelt, zumal die Bilanzen Wirecards von EY testiert worden waren. Die nach der Finanzkrise teilverstaatlichte Bank meldete ihre Entdeckungen an die Geldwäschebehörde Financial Intelligence Unit (FIU). Ab diesem Augenblick hatte man völliges Stillschweigen zu halten, denn eine Bank unterliegt strengen Regeln, sobald sie den Geldwäsche-Verdacht meldet. Sie darf zu niemandem mehr über den Vorfall sprechen, um potenzielle Kriminelle nicht zu warnen. Und sie sorgt sich vor allem davor, nicht selbst in den Strudel zu geraten.

Das sogenannte „tipping-off-Verbot“ hatte zuvor schon der Risikovorstand der Commerzbank, Markus Chromik, erwähnt. Und Chromik deutete auch in einem Nebensatz an, warum die Commerzbank so alarmiert reagiert haben dürfte, als plötzlich der Geldwäsche-Verdacht im Raum stand: Die US-Regierung hatte nach Verstößen der Bank gegen die Iran-Sanktionen einen Aufpasser installiert, der in der Bank überwachen sollte, ob sich das Institut nach US-Vorstellungen wohlverhält. In Geldwäsche-Dingen verstehen die Amerikaner keinen Spaß, schnell ist da auch die US-Justiz im Haus. Für jeden Manager ist das ein Albtraum. Der von den US-Behörden eingesetzte Monitor hat die Commerzbank 2019 verlassen, sagt ein Sprecher der Commerzbank der Berliner Zeitung. 

In diesem sensiblen Umfeld griff die Commerzbank bei Wirecard zum äußersten Mittel: Sie kappte im Mai 2019 alle Geschäftsbeziehungen. Zielke macht klar, wie gravierend diese Maßnahme war: „Die Beendigung der Geschäftsbeziehungen mit einem aufstrebenden DAX-Unternehmen ist ein Vorgang, der eher zu den Ausnahmen in der Geschichte unserer Bank gehört.“ Als der FDP-Abgeordnete Florian Toncar später nachfasst und fragt, wie oft schon einem Unternehmen aus dem Dax oder einem anderen großen Index gekündigt worden sei, sagt Zielke: „Nicht, dass ich wüsste!“ Zielke wirkt erleichtert, dass ihn endlich einer versteht.

Zielke ist seit wenigen Tagen im Ruhestand. Er wirkt wie einer jener deutschen Banker, die von den Kollegen aus der Wall Street oder Canary Wharf gerne unterschätzt werden. Der bedächtige Mann will als einer in Erinnerung bleiben, der die Gefahr von Wirecard frühzeitig erkannt hat: „Die Entscheidung zum Ausstieg wurde zu einem Zeitpunkt getroffen, wo die Staatsanwaltschaft München noch auf einem ganz anderen Trip war.“ Und dies sei eine sehr gute Behörde, sagt er trotzig: Die Staatsanwaltschaft war damals noch gegen die Wirecard-Kritiker zu Felde gezogen und hatte den Journalisten der Financial Times (FT), Dan McCrum, wegen seiner Recherchen verfolgt.

Die Commerzbank aber handelte: Chromik erklärt vor dem Ausschuss, man habe nach einem FT-Artikel im Frühjahr 2019 Untersuchungen eingeleitet. Zielke und Chromik machen klar, dass sie mit ihren Recherchen zum selben Ergebnis gekommen seien wie die FT. Die Commerzbank meldete die gravierenden Unregelmäßigkeiten nicht nur der FIU. Auch die Bankenaufsicht Bafin erhielt im Januar wegen der Summe und des Inhalts der Verdachtsmeldungen gegen Wirecard Warnungen aus Frankfurt, wie aus den Akten des Ausschusses hervorgeht.

Doch die Aufsicht unternahm nichts, im Gegenteil: Zahlreiche Mitarbeiter der Behörde spekulierten mit den Aktien des Unternehmens, das sie eigentlich hätten kontrollieren müssen. Die Bilanz der Wirecard-AG sei sehr komplex gewesen, hatte zuvor der bayrische Landesbanker Marcus Kramer gesagt, „ein Hybrid zwischen einer Firmen- und einer Bank-Bilanz“. Die Bafin hat Wirecard trotzdem als „Technologieunternehmen“ eingestuft und nicht geprüft. Die Bayerische Landesbank hatte schon sehr frühzeitig erkannt, dass mit Wirecard etwas nicht stimmt – und war bereits 2018 aus der Kreditvergabe ausgestiegen. Sie bekam ihr Darlehen zurück.

Die Commerzbank dagegen entschied sich für den Soft Exit, wie die Banker den leisen Abschied vom Kunden Wirecard nennen. Dies geschah offenbar, weil die Manager wegen der Geldwäsche-Thematik jedes öffentliche Aufsehen vermeiden wollten. Sie pokerten und wollten ihren 200-Millionen-Kredit retten. Der Einsatz schien ihnen nicht zu hoch: Ein Leerverkaufsverbot der Bafin und das Testat von EY ließen die Commerzbank im Glauben an die Zahlungsfähigkeit: Dies sei „ein ganz klares Statement“ gewesen, „dass die Werte werthaltig sind, die Grundlage für Kredite“ so gegeben gewesen sei, sagt Zielke.

Doch der Betrug war an einer Stelle erfolgt, an der auch der vorsichtigste Banker nicht damit rechnen konnte: Die Cash-Positionen waren gefälscht. „Da gibt es keine externe Prüfung“, sagt Zielke. Man merkt ihm an, dass er sich beherrschen muss. Im Zuge des Soft Exit blieb die Bank beim Kredit. Der Steuerzahler wurde „um 175 Millionen Euro geschädigt“, wie Zielke sagt. Immerhin: Die Bank hat zwar einen Verlust gemacht, hat sich aber – möglicherweise in letzter Sekunde – von Wirecard abgekoppelt. Die Aufsichtsbehörden und die staatliche KfW-Tochter IPEX hatten auch Zweifel, versäumten aber den Absprung.

FDP-Mann Florian Toncar zieht ein ernüchtertes Fazit: „In allen Banken gab es 2018 und 2019 Zweifel an Wirecard. Die Berichterstattung in der FT wurde dort wahr- und ernst genommen. Die BayernLB stieg komplett aus, die Commerzbank beschloss einen Soft Exit, die Deutsche Bank reduzierte ihren Kredit, versicherte das Ausfallrisiko und beendete die Beziehung zur Beteiligungsgesellschaft von Markus Braun. In der staatlichen IPEX waren massive Zweifel an Wirecard vorhanden, dort machte man weiter wie gehabt und hat jetzt die Staatsanwaltschaft im Haus.“

Für Toncar wird langsam sichtbar, dass der Wirecard-Skandal vor allem ein Versagen der Aufsichtsbehörden aufzeigt: „Alle Banken haben bestätigt, dass das Leerverkaufsverbot der Bafin und die Strafanzeigen der Aufsicht gegen Wirecard-Kritiker Einfluss auf die Entscheidung hatten, nicht schneller auszusteigen. Da hat die Aufsicht eine sehr unrühmliche Rolle gespielt. Es ist auch im Hinblick auf künftige Fälle fatal, dass Olaf Scholz an der Bafin-Spitze und seinem Staatssekretär Kukies festhält. Letzterer hat sogar noch nach der Wirecard-Insolvenz an Szenarien arbeiten lassen, wie man die vermeintlich werthaltige deutsche Technologie gegen Übernahmen aus dem Ausland abschirmen könnte. Sogar die Nutzung des Corona-Hilfsfonds WSF wurde im BMF geprüft. Das allein zeigt die dramatische Fehlbewertung des Falls Wirecard durch Finanzminister Scholz und seinen Staatssekretär.“

Danyal Bayaz von den Grünen sieht die Rolle der Banken ebenfalls differenziert. Er sagt, Zielke habe im Februar 2019 „keine Gefahr für einen Verlust des Marktvertrauens bei weiteren Kursverlusten Wirecards“ gesehen: „Damit schließt er sich der Haltung der Bundesbank an und bestätigt die Sichtweise, dass die notwendigen Voraussetzungen für ein Leerverkaufsverbot durch die BaFin nicht gegeben waren.“

Die Bayerische Landesbank habe dagegen gezeigt , dass sich „die Risiken eines unverständlichen Geschäftsmodells und Bilanzungereimtheiten mit gründlichem Blick sehr wohl erkennen ließen“. Sie habe bereits 2018 die Notbremse gezogen, obwohl es sich bei Wirecard „um ein angebliches Vorzeige-Unternehmen vor der eigenen Haustür“ gehandelt habe

Es ist knapp vor Mitternacht am Donnerstag, als der frühere Commerzbank-Chef Martin Zielke das Paul-Löbe-Haus verlässt. Zuvor hat er dem Ausschuss von einem kleinen Triumph berichtet. Nach dem Beschluss, die Beziehung zu Wirecard zu beenden, hatte der frühere Wirecard-Chef Markus Braun noch einmal versucht, Zielke umzustimmen. Zielke sollte den Beschluss seiner Kollegen revidieren und Wirecard weiter als Kunden behalten. Doch er habe den bizarren Visionär bei seiner ersten Begegnung sofort durchschaut, sagt Zielke, freilich in gewählten Worten: „Ich habe während der Begegnung nicht einen Moment daran gedacht, die Ergebnisse meiner Kollegen in Zweifel zu ziehen.“