Eine der bisher im Untersuchungsausschuss des Bundestags zur Aufklärung der Wirecard-Pleite von der Finanzaufsicht Bafin vorgetragenen Erklärungen lautet: Das Leerverkaufsverbot von Wirecard-Aktien, welches vom Markt als „Gütesiegel“ für Wirecard interpretiert wurde, wurde von der Bafin erst nach der ausdrücklichen Zustimmung durch die europäische Aufsicht ESMA verhängt. Dies sagten beinahe wortgleich alle bisher vernommenen Zeugen aus dem Bereich der Bafin vor dem Ausschuss aus. Katja Langenbucher, Verwaltungsrätin der Bafin, sagte der Berliner Zeitung, die Zustimmung der ESMA zum Leerverkaufsverbot sei ein Fehler gewesen: „Die ESMA hätte beim Leerverkaufsverbot vertieft prüfen müssen. Dass sie das durchgewinkt haben, war falsch.“ Was es brauche, sei eine echte europäische Aufsicht.

Evert van Walsum, Leiter der Abteilung Investoren und Emittenten bei der ESMA, hatte der Bafin umfangreiche Versäumnisse vorgeworfen und vor dem Ausschuss gesagt, dass die Befugnisse der ESMA sehr gering seien. Im Grunde hätte die ESMA nur abnicken können, was die Bafin vorlegt.

Die Abgeordneten des Untersuchungsausschusses sehen die Diskussion mit gemischten Gefühlen. Die Grüne Abgeordnete Lisa Paus sagte dieser Zeitung: „Richtig ist, auch die ESMA hätte im Fall des Leerverkaufsverbots gründlicher prüfen können. Sie hat sich zu sehr auf die Bafin verlassen. Der ESMA allerdings die Verantwortung für die Entscheidung der Finanzaufsicht Bafin in die Schuhe zu schieben, wäre falsch. Auch weil wir mittlerweile aus dem Untersuchungsausschuss wissen, dass die Bafin der ESMA Informationen vorenthalten hat.“

Es sei allerdings vor allem bemerkenswert, „dass man im Bundesfinanzministerium bis zum Schluss die Augen zugemacht hat – trotz der klaren Fach- und Rechtsaufsicht“, so Paus: „Eine folgenreiche Entscheidung und ein fatales Signal in den Markt, wie wir heute wissen. Insbesondere Staatssekretär Jörg Kukies hat hier bei seinem noch anstehenden Auftritt im Untersuchungsausschuss einiges zu erklären.“ Fakt sei aber auch, dass sich Bundesfinanzminister Olaf Scholz selbst jederzeit umfassend informieren habe lassen. Paus: „Fehlentscheidungen wie das fatale Leerverkaufsverbot haben er und sein Ministerium vorbehaltlos mitgetragen. Er trägt damit einen großen Teil der politischen Verantwortung.“

Kay Gottschalk von der AfD und Vorsitzender des Ausschusses, sagte: „Wenn man Fehler macht und schlechte Entscheidungen trifft, sollte man dazu stehen und daraus lernen“. Man könne der ESMA, „die die Informationen nicht einmal überprüfen darf“, nicht die abschließende Verantwortung aufladen: „Die Bafin sollte sich jetzt nicht aus der Verantwortung stehlen.“

Der FDP-Abgeordnete Florian Toncar widerspricht der Auffassung, dass die ESMA der Bafin die Entscheidung hätte abnehmen müssen: Er teile die Sicht von Langenbucher so nicht, sagte Toncar dieser Zeitung: „Natürlich wäre es im Ergebnis gut gewesen, wenn die ESMA reingegrätscht wäre. Aber sie hatte ja viel weniger Informationen und weniger Zeit als die Bafin, und die Einbindung der ESMA soll ja gerade keine zweite volle ,Richtigkeitsprüfung‘ des LVV gewährleisten, sondern es soll dadurch vorab geprüft werden, ob die Entscheidung der Aufsicht in einem Mitgliedstaat Belange der Aufsicht in anderen Mitgliedstaaten beeinträchtigen würde.“ Der Fokus der ESMA sei daher viel enger als der der Bafin gewesen.

Der Linke-Abgeordnete Fabio De Masi sagte: „Selbstverständlich macht eine Prüfung durch die ESMA nur Sinn, wenn die ESMA ein Leerverkaufsverbot auch ablehnen kann. Die ESMA ist ja nicht zum Lochen und Abheften da.“