Am späten Donnerstagabend unterbricht Sabine Heinzinger, frühere Assistentin des Wirecard-Managers Jan Marsalek, ihren monotonen Vortrag vor dem Wirecard-Ausschuss des Bundestags und nennt beiläufig den Namen Ray Akhavan. Auf die Frage des FDP-Abgeordneten Florian Toncar nach einer angeblichen Auszahlung von hohen Bargeld-Beträgen in Plasiktüten im Haus Wirecard sagt Heinzinger, dass Ray Akhavan 300.000 Euro in bar von Marsalek überreicht bekommen habe. Akhavan sei „Kunde von Wirecard“ gewesen, ein Top-Kunde, wie die Zeugin ausführt. Akhavan sei direkt von Brigitte Häusner-Axtner und ihrem Bereich „Digital Sales“ betreut worden. Der Amerikaner sei zu dem Zweck der Geldübergabe nach München gereist. Auf Nachfragen von Toncar und der SPD-Abgeordneten Cansel Kiziltepe bestätigt Heinzinger, dass Akhavan ein enger Freund des früheren Wirecard-Vorstands Jan Marsalek gewesen sei. Sie sagt: „Der Name von Ray war sehr präsent. Ray war im Bereich direkt unter Herrn Marsalek angesiedelt. Er war ein enger Vertrauter, sein Name fiel oft - auch vonseiten Marsaleks.“  

Heinzinger sagt, die beiden dürften sich schon lange gekannt habe, „schon vor 2013“. Es sei immer nur von „Ray“ die Rede gewesen, erst später habe sie den Vornamen erfahren. Heinzinger sagt, es sei bekannt gewesen, dass er „aus dem Gambling-Bereich“ komme. Er sei nicht nur für Nordamerika, sondern global tätig gewesen. Auf die verwunderte Nachfrage von Toncar, ob Akhavan wirklich 300.000 Euro in bar vom Vorstandsmitglied Marsalek erhalten habe, sagt Heinzinger: „Ich glaube, das Geld war für ihn, weil mein Chef gesagt hat, das Geld sei für ihn.“ Heinzinger sagt außerdem, dass Marsalek auf seinen Reisen mehrfach den Privat-Jet von Akhavan benutzt habe. Auf Nachfrage präzisiert sie: „Es wurde so darüber geredet, dass man das hätte annehmen könnte.“ Den Namen des Mastercard-Managers Paul Paolucci kennt Heinzinger nach eigenen Aussagen nicht. Der Mastercard-Manager ist für die US-Ermittler wichtig. Toncar sagt: „Den Mann gibt es wirklich.“ Heinzinger darauf: „Das wäre jetzt meine nächste Frage gewesen.“

Die Aussage der sehr ruhig auftretenden Assistentin ist von großer Brisanz: Ray Akhavan wurde vor wenigen Wochen in New York wegen Bankenbetrugs schuldig gesprochen. Seit langem versuchen die US-Ermittler, einen Bezug zwischen den kriminellen Aktivitäten von Akhavan und Wirecard herzustellen. Es geht um Geldwäsche und gilt als wahrscheinlich, dass die US-Ermittler ihre Tätigkeiten auch auf Deutschland ausweiten werden. Die US-Shortsellerin Fahmi Quadir, die mit den US-Behörden zusammenarbeitet, sagte dieser Zeitung: „Während sich viele in Deutschland noch auf Betrug und Unterschlagung bei der Rechnungslegung konzentrierten, betonten wir den grenzüberschreitenden Charakter der Verbrechen von Wirecard und die Erleichterung der Geldwäsche.“ Marsalek, Akhavan und ihr Netzwerk hätten ihre zuvor bei der FBME-Bank und anderswo verwendeten Methoden „angepasst und verbessert“.

Florian Toncar sagte dieser Zeitung: „Marsalek machte gegenüber Mitarbeitern keinen Hehl daraus, selbst nicht mehr in die USA einreisen zu können, wegen der Glücksspielhistorie von Wirecard. Das hinderte ihn aber scheinbar nicht daran, enge Kontakte zu Ray Akhavan zu pflegen, der in den USA wegen der Abwicklung von Drogengeschäften verurteilt wurde. Akhavan soll im Auftrag Marsaleks sogar einen Bargeldbetrag in sechsstelliger Höhe erhalten haben. Es sieht schon so aus, als ob Wirecard nicht nur selbst in riesigem Umfang betrogen hat, sondern auch eine Art Infrastrukturgesellschaft für mafiöse Strukturen war.“

Cansel Kiziltepe sagte dieser Zeitung: „Wirecard ist nie aus der Schmuddelecke rausgekommen, sondern hat sie nur versteckt. Die unter Geldwäscheverdacht stehenden Geschäftspartner wie Akhavan illustrieren das nur zu gut. Wirecard war bis zuletzt für Glückspiel- und Pornounternehmer ein wichtiger Partner.“

Quadir sagte, ihre Recherchen seien darauf angelegt gewesen, die US-Behörden in die Lage zu versetzen, damit diese den Druck auf Akhavan erhöhen, um „das gesamte Netzwerk zu destabilisieren und Marsalek sowohl einen beruflichen als auch einen persönlichen Schock zu versetzen“. Marsalek sei nach der Anklage und insbesondere dem Schuldspruch Akhavans in New York „am Boden zerstört“ gewesen. Es wird angenommen, dass die Zeugenaussage von Sabine Heinzinger für die US-Ermittler einen wichtigen Puzzlestein für weitere Schritte darstellen dürfte.