Im Bilanzskandal um den früheren Dax-Konzern Wirecard hat es nach Angaben eines Partners des Wirtschaftsprüfers EY schon Jahre vor der Insolvenz Hinweise auf Unregelmäßigkeiten gegeben. Er habe im Zusammenhang mit dem Wirecard-Geschäft in Indien „red flags“ gesehen, also dubiose Hinweise auf Ungereimtheiten, sagte der Forensiker der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft am Donnerstag im Untersuchungsausschuss des Bundestages. Er habe auf diese Hinweise aufmerksam gemacht. Dennoch seien die Abschlussprüfer nicht darauf eingegangen. Die Jahresabschlüsse hätten sie trotzdem testiert.

Forensiker sind Prüfer, die mit kriminalistischen Methoden arbeiten. Die Warnungen seien im Zuge einer Sonderprüfung zum Indien-Geschäft aufgetaucht, sagte der 45-Jährige aus. Da er nicht als Wirtschaftsprüfer im eigentlichen Sinne tätig gewesen sei, könne er nicht bewerten, ob seine Hinweise für ein Einschreiten ausgereicht hätten oder nicht. 

Um die Aussage von Muth gab es einiges Gerangel: Die Abgeordneten aller Fraktionen verlangten von Muth, dass dieser im Detail aussagen müsse. Erst nach einem Telefonat seines Anwalts mit den Anwälten von EY legte Muth die Details dar. 

Der FDP-Abgeordnete Florian Toncar sagte dieser Zeitung: „Es ist ganz offensichtlich, dass Wirecard die Untersuchungen von EY gezielt behindert hat. Zugesagte Interviews mit wichtigen Zeugen kamen nicht zustande, Kommunikation wurde nicht bereit gestellt. Es bleibt aber umso rätselhafter, warum EY trotzdem immer wieder die Wirecard-Bilanz abgesegnet hat. Das kann nur in einem gewissen Blindflug passiert sein.“

Cansel Kiziltepe von der SPD sieht EY deutlich stärker in der Verantwortung. Sie sagte dieser Zeitung: „Die Befragung von Herrn Muth startete wie ein Flashback. In bekannter Manier begann der EY Vertreter Versteckspiele hinter dem Schleier der Verschwiegenheit und Geheimhaltung. Das Unternehmen schien immer noch nicht verstanden zu haben, dass sie mit dem Rücken zur Wand stehen wegen der Causa Wirecard.“

Das sei ein Affront gegen den Bundestag gewesen. Erst als der Vertreter von EY realisiert habe, dass der Untersuchungsausschuss nicht hinnehmen werde sowie nach Rücksprache mit EY habe der Zeuge ausgesagt. Es sei „unglaublich, wie viel Druck für jede Kooperation von EY notwendig ist“. Kiziltepe sieht die Aussagen von als Problem für EY: „EY waren umfangreiche Missstände bei Wirecard bekannt. Es ist nicht nachvollziehbar, wieso angesichts dieses Wissens ein unbeschränktes Testat vergeben werden konnte. Es wird eng für die verantwortlichen Prüfer.“

Der Grüne Danyal Bayaz sagte: „Erst nach einigem Hin und Her hat EY seinem Partner Christian Muth eine Aussagegenehmigung erteilt. So hat EY das schlechte Bild bestätigt, das das Unternehmen bisher vor dem Untersuchungsausschuss abgeliefert hat.“

EY-Forensiker Muth habe „mit seiner offenen Aussage seine Prüfer-Kollegen schwer belastet“. Bayaz: „Es gibt starke Indizien, dass Risiken nicht ausreichend benannt und angemessen bewertet wurden. Die Testate von EY für die Bilanz Wirecards wirken nach der Aussage von Muth noch fragwürdiger als es eh schon der Fall war.“ (mit dpa)