EY zieht die Konsequenzen aus dem Wirecard-Skandal: Der bisherige Deutschland-Chef Hubert Barth, soll eine „neue Rolle auf europäischer Ebene übernehmen“, wie das Unternehmen am Donnerstag mitteilte.

Henrik Ahlers und Jean-Yves Jégourel sollen gemeinsam die Führung von EY in Deutschland verantworten. Diese personelle Veränderung erfolge vor dem Hintergrund, dass EY „seine regionalen Leitungsstrukturen in Europa in den kommenden Monaten anpassen wird, um die besten Talente auch grenzüberschreitend für seine Mandanten einsetzen zu können und diese somit integrierter und umfassender zu betreuen“. 

EY hat außerdem eine unabhängige Expertenkommission ins Leben gerufen, um sich auf die Auseinandersetzungen der kommenden Monate vorzubereiten. Unter anderem gehört dem Gremium als Stellvertretende Vorsitzende die Juristin und ehemalige Bundeswirtschafts- und Bundesjustizministerin Brigitte Zypries an. Sie war laut EY „maßgeblich an der Reform des Berufsrechts und der Neustrukturierung der Abschlussprüferaufsicht beteiligt, aus der 2016 die heutige Abschlussprüferaufsichtsstelle APAS hervorging“.

Ein weiterer prominenter Name ist der frühere Bundesfinanzminister Theo Waigel. Mit ihm habe „EY eine erfahrene und sehr renommierte Persönlichkeit für den Vorsitz dieses Gremiums gewonnen“. Der Jurist und langjährige Bundesfinanzminister war außerhalb seiner politischen Tätigkeit langjährig als Monitor von Transformationsprozessen tätig, so auch 2009 bis 2012 bei Siemens, und verfügt über umfangreiche Erfahrungen in der Leitung von Expertengremien. Weiteres Mitglied ist Hans Michael Gaul, der u.a. langjähriger Vorsitzender des Prüfungsausschusses im Aufsichtsrat der Siemens AG war und viele Jahre dem Prüfungsausschuss der Volkswagen AG angehörte.

Florian Toncar von der FDP sieht die Ernennungen kritisch. Er sagte dieser Zeitung: „Ich habe Zweifel, dass Frau Zypries sich und dem Bundesfinanzminister mit der Übernahme dieser Aufgabe einen Gefallen tut. Schließlich war sie als Ministerin für genau die Regulierung der Branche verantwortlich, die Olaf Scholz jetzt als Ursache des Desasters ausmacht. Das zeigt einmal mehr, dass die Sozialdemokraten ein viel engeres Verhältnis zu EY haben, als es sich nach außen darstellt. Das passt zu der Tatsache, dass noch nach der Wirecard-Pleite zwei Staatssekretäre von Olaf Scholz sich von EY haben coachen lassen.“

Toncar weiter: „Es wäre ein Zeichen von Sensibilität, wenn aktive oder ehemalige Politiker erst einmal abwarten würden, was die laufenden Prüfungen hinsichtlich der Prüftätigkeit von EY bei Wirecard abgeschlossen ist, bevor sie sich dort mit ihrer persönlichen Reputation engagieren.“

Cansel Kiziltepe, SPD-Abgeordnete, kommentiert die Veränderungen bei EY: „Wir wollen endlich Aufklärung über die Rolle von EY bei Wirecard. Hoffentlich ist mit dem Abgang von Hubertus Barth endlich der Weg frei für den Aufklärungswillen. Die Kunden von EY und die Öffentlichkeit haben das Recht zu erfahren, was schiefgelaufen ist beim Wirecard-Mandat. Die ganze Welt hat sich auf die EY-Testate verlassen.“

Kiziltepe weiter: „Es hat lange gedauert, bis sich bei EY irgendetwas bewegt. Externe Experten an Board zu holen ist sicherlich ein guter Schritt. Sie dürfen jedoch nicht zu einem Feigenblatt verkommen. Sollte Ihnen durch EY Steine in den Weg gelegt werden, hoffe ich, dass dies angesprochen wird und auch entsprechende Konsequenzen gezogen werden.“

Fabio De Masi von der Linken sagte: „Die Probleme bei EY könnten sich zum Arthur-Andersen-Moment auswachsen. Da haben sich ein paar Leute offensichtlich strafbar gemacht! EY ist übrigens immer noch der wichtigste Berater der Bundesregierung – etwa beim Maskenchaos von Herrn Spahn.“

Kay Gottschalk von der AfD bewertet die EY-Maßnahmen positiv. Er sagte: „EY hat realisiert, dass nur eine offensive und konstruktive Mithilfe bei der Aufklärung des Skandals helfen wird, damit man nicht das Schicksal von Arthur Andersen teilt.“ Der Wechsel an Spitze zeige „die Ernsthaftigkeit und nachhaltige Bemühung eines Neustarts in Deutschland“.  Von den Zeugen erwartet sich Gottschalk „absolute Kooperation und keine Erinnerungslücken“.

Die neuen Deutschland-Chefs kommen aus dem Unternehmen: Ahlers (53) ist Mitglied der Geschäftsführung von EY Deutschland und seit 2018 Managing Partner Tax für Deutschland, die Schweiz und Österreich. Zuvor leitete er fünf Jahre das Qualitätsmanagement für die Steuerberatung in dieser Region. Der Rechtsanwalt und Steuerberater hat mehr als 20 Jahre Berufserfahrung im Bereich der rechtlichen und steuerlichen Beratung von Unternehmen.

Jégourel (59) ist derzeit als EY Global Assurance Vice Chair, Professional Practice verantwortlich für die Festsetzung, Einführung und Überwachung von globalen EY Prüfungsstandards sowie deren Übereinstimmung mit den entsprechenden regulatorischen Standards. Zuvor war er Leiter der Prüfungspraxis EY EMEIA (Europe, Middle East, India and Africa). Jean-Yves Jégourel gehört seit 1993 der Partnerschaft an und hat über viele Jahre große internationale Mandanten geprüft. Daneben hatte er zahlreiche Führungspositionen in der globalen Prüfungspraxis inne.

„Jean-Yves Jégourels Expertise in den Bereichen Governance, Assurance und Qualität qualifiziert ihn in besonderer Weise für seine neue Aufgabe. Dr. Henrik Ahlers kennt die deutsche EY-Organisation und den deutschen Markt und bringt zudem umfangreiche Erfahrungen in Aufbau und Leitung von Qualitäts-, Risiko- und Compliance-Abteilungen ein. Henrik und Jean-Yves genießen hohes Vertrauen bei Mandanten und Mitarbeitern“, sagt Julie Teigland, EY EMEIA Area Managing Partner, in einer Pressemeldung. „Ich danke Hubert Barth für sein großes und unermüdliches Engagement in den vergangenen Jahren. Ich freue mich sehr, dass er auch zukünftig eine wesentliche Aufgabe in der EY-Organisation übernehmen wird.“

Aufklärung bei Wirecard

Das Unternehmen weiter: „EY ist sich des Vertrauensverlustes bewusst, der durch den Fall Wirecard entstanden ist. Es ist oberste Priorität von EY, zur Aufklärung des Falles Wirecard beizutragen und verloren gegangenes Vertrauen wieder herzustellen. Deshalb arbeitet EY intensiv an Maßnahmen und Initiativen, um das Vertrauen in die Qualität der Prüfung zu stärken.“

EY hat außerdem Karen Somes als Mitglied der deutschen Geschäftsführung und kürzlich ernannte Managing-Partnerin für den Bereich Wirtschaftsprüfung mit der Verantwortung für ein umfassendes „Trust in Quality“-Programm betraut. Karen Somes ist langjährige Partnerin bei EY Deutschland und seit mehr als 25 Jahren im Unternehmen tätig.

„Nichts ist wichtiger für EY als die Qualität unserer Arbeit. Die Qualität der Abschlussprüfung ist entscheidend für den Ruf und den Gesamterfolg von EY. Uns ist bewusst, dass es erheblicher Anstrengungen bedarf, um das Vertrauen unserer Mandanten, anderer Marktteilnehmer und der Öffentlichkeit in die Qualität der Abschlussprüfung dauerhaft sicherzustellen“, so Prof. Dr. Peter Wollmert, Mitglied der deutschen Geschäftsführung und Leiter der Prüfungspraxis EY EMEIA.

Die langfristig angelegte Initiative „Trust in Quality“ hat zum Ziel, das Vertrauen in die Prüfungsarbeit zu stärken. Das Programm konzentriert sich auf drei Schwerpunkte: erstens die Unterstützung einer erweiterten kritischen Grundhaltung, zweitens ein ganzheitliches Hinterfragen von Systemen und Prozessen sowie drittens die Stärkung der Governance. Dazu gehören auch erweiterte Ausbildungs- und Trainingsprogramme, die Stärkung digitaler Kompetenzen und die Etablierung von Prüfungstechnologien der Zukunft sowie die Einrichtung eines neuen Risiko-Komitees. Damit geht EY über die derzeit öffentlich diskutierten Vorgaben zur Stärkung der Strukturen und Prozesse in Wirtschaftsprüfungsgesellschaften deutlich hinaus.

Die Kommission wurde in Abstimmung mit der globalen EY-Führung vom Aufsichtsrat berufen und ist unmittelbar bei ihm angebunden. Der Vorsitzende des Aufsichtsrats, Georg Graf Waldersee, stellt dazu fest: „Der eingeleitete Prozess zur Stärkung der Wirtschaftsprüfungspraxis drückt aus, dass EY Deutschland sich seiner Verantwortung für die Erhaltung des Vertrauens in das eigene Unternehmen, den Berufsstand der Wirtschaftsprüfer und – nicht zuletzt – den Finanzplatz Deutschland sehr bewusst ist.“

EY unterstützt nach Angaben des Unternehmens das im Regierungsentwurf des Finanzmarktintegrationsgesetzes (FISG) angestrebte Ziel, das Vertrauen in den deutschen Finanzmarkt dauerhaft zu stärken und begrüßt die Initiative des Gesetzgebers. Karen Somes und Prof. Dr. Peter Wollmert stellen dazu fest: „Das Gesamtökosystem der Unternehmensüberwachung mit einem effizienten Zusammenwirken von Abschlussprüfung, staatlicher Aufsicht und Unternehmensgovernance muss sicherstellen, dass ein Fall wie Wirecard – trotz seiner Einzigartigkeit – sich nicht wiederholt. Die Regelungen in dem Gesetzentwurf, die die Qualität der Abschlussprüfung und den Nutzen für die Stakeholder verbessern, begrüßen wir uneingeschränkt. Dazu gehören auch Einschränkungen von Nichtprüfungsleistungen bei Prüfungsmandaten, wenngleich solche Beschränkungen aufgrund der zwischenzeitlich regelmäßig restriktiveren Haltung von Prüfungsausschüssen bei der Billigung von Zusatzleistungen mittlerweile bereits zunehmend gängige Unternehmungspraxis sind.“