Zwei Mitarbeiter der Bundesbank sagten am Donnerstag vor dem Wirecard-Untersuchungsausschuss aus und ließen die Abgeordneten ratlos zurück.

Martin Wieland, Abteilungsleiter Market Intelligence, und Nikolaus Dötz, Referent für den Zentralbereich Volkswirtschaft, zeigten zwar ein hohes Maß an theoretischer Sachkenntnis. Beide wirkten jedoch angesichts des Ausmaßes des Wirecard-Skandals seltsam unbeteiligt. Ein Urteilsvermögen für die in der deutschen Finanzgeschichte einmaligen Vorgänge war nicht zu erkennen.

Im Zentrum der Befragung der Bundesbanker stand das Handeln der Finanzmarktaufsicht Bafin: Mit einem überraschenden Verbot der Leerverkäufe für Wirecard-Aktien hatte die Bafin 2019 die Anleger in die Irre geschickt. Sie hatte den von Wirecard gewünschten Eindruck verstärkt, dass eine ruchlose Attacke gegen Wirecard die Kurse nach unten trieb und nicht die Erkenntnis einiger Markteilnehmer, den sogenannten Shortsellern, dass es sich bei dem Unternehmen um eine betrügerische Veranstaltung handelte.

Nikolaus Dötz hatte unmittelbar vor dem Verbot von der „Arbeitsgruppe wertpapierbezogene Notfallmaßnahmen“ der Bundesbank den Auftrag erhalten, einen Vermerk über die Sinnhaftigkeit des Leerverkaufsverbots anzufertigen. Der Vorgang war ungewöhnlich: „Das war ein besonderer Vermerk, weil er nicht den Dienstweg gegangen ist.“

Dötz schrieb seinen Vorgesetzten in der Bundesbank, dass ein Leerverkaufsverbot die falsche Maßnahme sei. Auch Martin Wieland sagte, dass in der Bundesbank Einvernehmen bestanden habe, dass ein Leerverkaufsverbot die Märkte nicht beruhigen, sondern eher irritieren würde.

Dötz erzählte dem Ausschuss, wie er zu seiner Einschätzung gelangt sei: Er habe einen Ordner durchgearbeitet, in dem seine Abteilung grundsätzliche Literatur zu Leerverkäufen gesammelt habe. Der Vermerk sollte in kurzer Zeit erstellt werden: „Ja, das war ja dieser Freitag, ich habe am Mittag die Bitte bekommen, zu den Leerverkäufen zu schreiben. Der Vermerk sollte bis zum Abend fertig sein, da habe ich im Wesentlichen auf Material aus diesem Ordner zurückgegriffen.“

Dötz fand die Aufgabe „reizvoll“, weil er zur Erfüllung seines Auftrages ein Modell verwenden konnte, das die „Zerlegung der Portfolio-Varianz“ im Falle Wirecards demonstrieren sollte. Nicht ohne Stolz sagte der Volkswirt, dass nicht jeder Mitarbeiter ohne Vorbereitung dieses Modell so einfach rechnen könne. Der Volkswirt sprach ausführlich von der „idiosynkratischen Varianz“, den „Ausstrahlungseffekten“ von Wirecard auf die Märkte und mögliche Probleme bei der Ermittlung der Höhe des „Tautologie-Faktors“.

Dötz widersprach den Abgeordneten Danyal Bayaz und Fabio De Masi jedoch nicht, dass sein Modell nicht unbedingt die modernste Methode der Berechnung sei. Immerhin förderten die Berechnungen des Bundesbankers, der mit hoher Stimme vortrug und gerne in seinem Stuhl vor- und zurückwippte, zu Tage, dass es keine wie immer geartete Attacke gegen Wirecard gab. Die Bafin hätte also nicht handeln dürfen, weil die Bundesbank „keine Hinweise auf Marktstörungen“ gefunden hatte, die ein Leerverkaufsverbot gerechtfertigt hätten. Doch die vor dem Ausschuss etwas blutleer vorgetragene, brisante Erkenntnis, schaffte den Durchbruch nicht. 

Der FDP-Abgeordnete Florian Toncar sagte zum Auftritt der Bundesbanker, dass nicht zu verstehen sei, warum das gegen den Rat der Bundesbank schließlich doch verhängte Leerverkaufsverbot der Bafin nicht zu einer heftigen Reaktion in der Bundesbank geführt hatte. Die Bundesbank hatte  ein solches ausdrücklich als nicht geeignet, ja sogar als gefährlich eingestuft.

Danyal Bayaz von den Grünen sagte: „Die verschiedenen Abteilungen der Bundesbank haben das Leerverkaufsverbot der Bafin als unbegründet und handwerklich schlecht bewertet. Damit wird auch immer klarer: Die Entscheidung der Finanzaufsicht war rechtswidrig. Aber die Bafin wollte das Leerverkaufsverbot offenbar unter allen Umständen und hat es regelrecht durchgeboxt – und sich damit auf die Seite von Wirecard gestellt.“

Der Vorsitzende des Ausschusses, Kay Gottschalk, sagte: „Die Bundesbank hat sich zum Kronzeugen der Bafin gemacht, ohne es zu wissen. Ihr Schweigen und Nichthandeln wurde seitens der Bafin gegenüber der ESMA schlicht als eine Art von Zustimmung verkauft. Diese Naivität hat mich mehr als überrascht.“

Bayaz erkannte allerdings auch den Wert der Arbeit der Bundesbank - auch wenn sich diese letztlich nicht durchsetzen konnten. Die Bafin schickte Grafiken an die Europäische Aufsicht ESMA, die suggerierten, dass der DAX ähnlich schwankt wie die Wirecrad-Aktie. So sollte das gestörte Marktvertrauen gerechtfertigt werden - der Tatbestand, der das Leerverkaufsverbot von der Bafin begründete. Bei der Bundesbank wurde die Grafiken dagegen korrekt erstellt.  Man konnte erkennen, dass es beim DAX kaum Schwankungen gab, außer  bei der Wirecard Aktie.

Bayaz: „Gegenüber der ESMA hat sich die Bafin auf Aktien-Charts berufen, die grafisch so schlecht aufbereitet waren, dass sie einen falschen Eindruck über die Relevanz von Wirecard für die Märkte vermittelten. Das alles hat das Bundesfinanzministerium – die Rechts- und Fachaufsicht der Bafin – offenbar nicht weiter gejuckt. Finanzminister Scholz hätte bei diesem außergewöhnlichen Vorgang genauer hinsehen und eingreifen können und müssen.“

Der SPD-Abgeordnete Jens Zimmermann schüttelte den Kopf und sagte zum Volkswirt Dötz von der Bundesbank: „Es ist merkwürdig, dass die Bundesbank eine klare Meinung gegen Leerverkäufe hat. Dann wird so eines erstmals in der Geschichte verhängt, und niemand in der Bundesbank untersucht die Wirkungen einer Maßnahme, der die Bundesbank zuvor noch zugeschrieben hatte, sie könne zu schweren Turbulenzen führen. Das hätte Sie doch interessieren müssen.“

Dötz sagte, eine solche Untersuchung wäre nicht seine Aufgabe gewesen. Dafür sei die Forschungsabteilung der Bundesbank zuständig. Fabio De Masi von der Linkspartei sagte, dass sein eigenes Volkswirtschaftsstudium zwar schon eine Weile zurückliege. Eine Grafik wie die von der Bafin verwendete hätte ihn jedoch bereits bei seiner ersten Hausarbeit gewiss in Schwierigkeiten gebracht.