Lars-Hendrik Röller hat sich gut auf seinen Auftritt im Wirecard-Untersuchungsausschuss vorbereitet. „Allein“ und sehr gewissenhaft habe er sich stundenlang eingearbeitet, sagt der Wirtschaftsberater der Kanzlerin. Da schwingt ein leiser Vorwurf an den Ausschuss mit, dass die Aufklärer dem wichtigen Mann viel zusätzliche Arbeit auflasten. Zugleich will Röller den Vorwurf der Opposition ins Leere laufen lassen, das Kanzleramt präpariere seine Mitarbeiter. Er habe die Protokolle nicht gelesen, sagt er stolz. Ganz glaubhaft ist das nicht: An einer Stelle antwortet Röller einem Abgeordneten auf eine Frage, die dieser so nicht gestellt hat, wohl aber in einer Sitzung zuvor. Röller wird seine Antwort im Protokoll nachlesen können. Was er vom Ausschuss hält, sagt der Zeuge Röller deutlich: „Ich freue mich auf die Diskussion.“

Als Berufsbezeichnung gibt er „Beamter“ an und versieht die Antwort mit einem akustischen Fragezeichen, um kokett anzufügen, dass er auch Hochschullehrer sei. Die Abgeordneten sollen wissen, mit wem sie es zu tun haben.

Er ist mehr als nur ein Maschinist der Macht. Er weiß, wovon er redet. Außer, wenn er sich nicht erinnern kann. Das ist erstaunlich oft in den mehr als vier Stunden, in denen die Abgeordneten herausfinden wollen, warum niemand im Kanzleramt skeptisch gegenüber Wirecard gewesen sei.

Angela Merkel hatte Wirecard bei einem Staatsbesuch in China der Regierung in Peking empfohlen, obwohl die Financial Times (FT) schon Monate zuvor detailreich und glaubwürdig über Bilanzmanipulationen des Unternehmens berichtet hatte. Röller sagt, es sei das Normalste auf der Welt, dass die Kanzlerin sich für ein deutsches Dax-30-Unternehmen verwendet. Wirecard „passte einfach rein“, sagt Röller. Auf die Frage, ob er die FT-Berichte nicht gelesen habe, sagt Röller: „Ich lese den Pressespiegel, jeden Tag, und dann sind da auch Artikel drin.“

Im Übrigen sieht Röller das Versagen bei den anderen Ministerien: „Ich hätte erwartet, dass wir von den Ressorts gewarnt werden. Das kann ich im Kanzleramt nicht leisten.“ An einer anderen Stelle wechselt Röller kurz die Rolle und sagt: „Ich will ja hier jetzt keinen professoralen Erguss abhalten.“ Um dann zu erklären: „Wir müssen uns im Kanzleramt auf die institutionellen Voraussetzungen verlassen können. Die Governance-Struktur kann ja nicht sein, dass wir solche Dinge im Kanzleramt prüfen müssen.“

Röller ist der Archetyp des selbstbewussten Beamten, der seine Macht aus seiner Beschränkung zieht: „Wir Beamten entscheiden ja nicht, wir bereiten es nur vor.“ Er spricht ruhig, mit sehr vielen Ähms und Ähs und langen Pausen, nach denen nichts mehr kommt. Manchmal zeigt er ein nervöses Klopfen mit vier Fingern, die aber von der anderen Hand festgehalten werden. Ordnet immer wieder Zettel akribisch vor sich. Setzt, wenn er Wasser trinkt, mehrfach an. Das leere Blatt vor ihm bleibt unbeschrieben, der Stift unbenutzt. Röller erinnert sich genau an alles, woran er sich erinnern kann. Er bezieht sich gerne auf „veraktete E-Mails“. Das sind solche, die nicht gelöscht werden und zu den Akten kommen, die Grundlage der amtlichen Wahrheit.

Röller sieht sich als Bollwerk der sauberen Politik im Vorhof der Macht: „Die Kanzlerin wird nicht eingespannt, da passen wir schon auf im Bundeskanzleramt.“ Das Bollwerk hält auch vor dem Ausschuss, sodass sogar der CDU-Abgeordnete Mittelbach einmal ungeduldig wird und sagt: „Sie müssen sich hier schon öffnen.“ Das tut Röller nicht, sondern doziert milde: „Die Vertraulichkeit ist sehr wichtig und das ist auch international so üblich und deshalb wollen wir uns auch hier daran halten.“ Auch nach vier Stunden braucht er keine Pause. Solange er Wasser habe, gehe es ihm prima, sagt er.

Nur einmal wankt der Boden kurz unter seinen Füßen. Der SPD-Abgeordnete Jens Zimmermann überrascht Röller mit einer E-Mail eines ehemaligen Wirecard-Managers, in der seine Frau, eine Chinesin, erwähnt wird. In der Email von Burkhard Ley an den früheren Geheimdienstkoordinator Klaus-Dieter Fritsche hatte Ley geschrieben, die chinesische Firma Mintech sei „auf das Kanzleramt zugegangen, um Kontakt mit Wirecard aufzunehmen“: „Schnittstelle ist die Gattin von Herrn Dr. R.“ Röller hält es für möglich, dass er gemeint gewesen sein könnte. Seine Frau sei „Hausfrau“, sagt Röller unwirsch, und nein, sie habe keine Kontakte zu anderen Unternehmen aus China. Er sei absolut üblich, dass das Kanzleramt Unternehmen miteinander in Kontakt bringe. 

Der Auftritt von Röller hat die Abgeordneten nicht überzeugt. Jens Zimmermann sagt: „Er war abgeklärt und souverän. Doch an der Stelle mit seiner Frau wurde er auffallend einsilbig.“

Florian Toncar von der FDP sagt: „Ich fand erstaunlich, wie schlecht sich Herr Röller an das Gespräch am 11.9. erinnern konnte, eigentlich gar nicht. Keine Erinnerung, ob die Vorwürfe gegen Wirecard – auf die sein Vorbereitungsvermerk prominent einging – eine Rolle gespielt haben, keine Erinnerung, ob Einsatz für Wirecard in Indien Thema war. Und keine richtige Erklärung, warum er im Vorfeld des Termins eine vertiefte inhaltliche Vorbereitung angelehnt hat. Keine Erklärung, warum das Kanzleramt dem Finanzausschuss in der vorgelegten Chronologie trotz entsprechender Kenntnis verschwiegen hat, dass Wirecard auch Unterstützung bezüglich Indien erbeten hatte.“ Kritikwürdig sei zudem, „dass er selbst offenbar die E-Mails, die dem Ausschuss bereitgestellt wurden, händisch aussuchen durfte“: „Prompt fehlten wichtige E-Mails, die wir dann nur aus anderen Quellen bekommen haben.“

Auch die „sehr unpräzise(n) Erinnerungen an den Zeitpunkt, ab dem er von den Vorwürfen gegen Wirecard erfahren hat“ irritieren Toncar: „Er hat zumindest trotz des FT-Artikels am 15.10.19 noch am 30.10.19 gegenüber dem chinesischen Botschafter weiterhin für Wirecard geworben.“ Unklar bleibe auch die Rolle seiner Frau. Toncars Fazit: „Unterm Strich ein Auftritt, der die Rolle des Kanzleramts doch sehr zweifelhaft erscheinen lässt.“

Fabio De Masi von der Linkspartei ist verärgert: „Es ist skandalös, dass im Kanzleramt E-Mails gelöscht beziehungsweise dem Untersuchungsausschuss vorenthalten werden.“ Röller habe den ehemaligen Geheimdienstkoordinator der Bundesregierung zu Wirecard und Geschäften in Fernost getroffen, bat „aber im Bundeskanzleramt explizit darum, dass der Gesprächswunsch nicht konkretisiert werden solle“. De Masi: „Er wollte offenbar Spuren verwischen und hat etwas zu verheimlichen. Das legt nahe, dass es dabei womöglich auch um die Kontakte von Prof. Röllers Ehefrau ging und Herr Röller womöglich Nebengeschäfte verfolgt.“

De Masi fragt: „Seit wann ist die Ehepartnerin des Wirtschaftsberaters der Kanzlerin – Berufsbezeichnung Hausfrau – für Wirtschaftsförderung zuständig? Sollten damit Spuren verwischt werden? Und warum guckt MinTech nicht im Internet nach dem Kontakt von Wirecard?“ Die Behauptung von Herrn Röller, er könne sich nicht erinnern, „ob ihm die heftigen Vorwürfe gegen Wirecard bei der Kuppelei mit den Chinesen schon bekannt gewesen seien“, sei „total unglaubwürdig“. Die Vorwürfe hätten ja in offiziellen Vorlagen für Röller gestanden.

De Masi sagt: „,Ich erinnere mich nicht‘ ist eine Floskel, um nicht lügen zu müssen. Es ist erstaunlich, wie sich Mitglieder der Bundesregierung erinnern, wann sie an welchem Tag Kaffee gekocht haben, aber bei Wirecard werden sie immer so vergesslich! Das ist eine Verhöhnung eines Verfassungsorgans!“

Danyal Bayaz von den Grünen sagt: „Die Vernehmung des Wirtschaftsberaters der Kanzlerin Röller im Untersuchungsausschuss hat die Notwendigkeit für strengere Regeln und Transparenz für Lobbyismus einmal mehr deutlich gemacht. Das Kanzleramt ließ sich trotz vieler Warnsignale zum Eintreten für den Skandal-Konzern Wirecard verleiten – auch mithilfe der Lobbyarbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg. Bedenken im eigenen Haus dagegen wurden beiseite gewischt.“

Cansel Kiziltepe von der SPD sagt: „Herr Röller hat uns lang und breit die Abläufe im Bundeskanzleramt beschrieben. Ins Schwitzen kam er nur, als es um die Rolle seiner Frau ging. Obwohl sie laut seiner Auskunft Hausfrau ist, half sie scheinbar gerne bei der Vermittlung von Kontakten an deutsche Unternehmen. In diesem Fall auch zu Wirecard. Abgesehen davon war sein Auftritt ruhig und von großer Sachlichkeit geprägt. Die Kanzlerin stellte er als sehr selbstständig da, die von ihrem Beamtenapparat nur unverbindliche Vorschläge bekommt.“

Einige Abgeordnete sagen im Anschluss an die Sitzung, dass sie den Ungereimtheiten nachgehen würden. Da ist Röller aber schon aus der Befragung entlassen. „Insofern sind wir hier sehr gespannt auf Ihren Bericht“, sagt Röller zum Schluss. Draußen vor dem Paul-Löbe-Haus hat es zu schneien begonnen.