Jörg Kukies, Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, ist zu Beginn des Wirecard-Ausschusses nervös. Unruhig blickt er hin und her, lächelt kaum, wippt auf seinem Stuhl nach vorne und hinten. Alle wissen: Das Schicksal von Bundesfinanzminister Olaf Scholz hängt an der Aussage von Kukies. Denn das Bundesfinanzministerium hat drei offene Flanken: Die Mitwirkung beim ominösen Leerverkaufsverbot durch die Bafin, ein rätselhafter Besuch von Kukies bei Markus Braun in Aschheim und schließlich die immer noch völlig unaufgeklärten Umstände der Lobbytätigkeit der Bundesregierung für Wirecard in China.

Kukies wählt eine brachiale Verteidigungsstrategie: Er hält dem Ausschuss einen anderthalbstündigen Vortrag, den er Satz für Satz von einem Manuskript abliest. Kukies war früher bei Goldman Sachs. Er ist ein brillanter Denker, und mit allen Wassern gewaschen, wenn es um Machtspiele geht. In Harvard hat er den finalen rhetorischen Schliff bekommen. Kukies hat jedes noch so unerhebliche Detail in den Vortrag gepackt – Daten, E-Mails, Treffen, Kalenderdetails, Bemerkungen, Notizen. Er spricht nicht zu den Abgeordneten, sondern durch sie hindurch. Sein Adressat ist das Protokoll. Kukies ist sich nicht sicher, ob die Methode funktioniert: Während des Vortrags ist er angespannt, verhaspelt sich immer wieder. Als Kukies geendet hat, legt der Ausschuss eine kurze Pause ein. Die Abgeordneten müssen zu einer namentlichen Abstimmung. Sie sind aber froh, dass sie nach dem verbalen Daten-Dump zehn Minuten an die frische Luft können. Sie fühlen sich so wie vorm ersten Bafin-Termin: Damals hatte ihnen das Bundesfinanzministerium über Nacht 107 Ordner vor die Tür gekippt. Und nun Kukies mit einer Vorlesung zum Thema: „Alles, was sie schon immer über Wirecard wissen wollten, wie ich es sehe.“

In der Befragung wird schließlich klar, warum Kukies diese Taktik gewählt hat: Er kann seine Erzählung als roten Faden durch die Vernehmung verwenden. Er zwingt den Ausschuss, seiner Lesart zu folgen. „Wer schreibt, bleibt“, sagt Hans Michelbach an einer Stelle, nicht an Kukies gerichtet. Dieser fühlt sich dennoch angesprochen und ist schon nach wenigen Minuten bester Laune. Er ist sich schnell sicher, dass er gewonnen hat.

Zu seinem steigenden Wohlbefinden trägt auch die erste Beratungsrunde durch CDU und SPD bei: CDU-Mann Matthias Hauer fragt höflich, aber reichlich unbestimmt. Die SPD-Leute Cansel Kiziltepe und Jens Zimmermann schlagen immer wieder Schneisen für Kukies – er ist ihr Mann, weil er Olaf Scholz decken muss. Erst als der FDP-Mann Florian Toncar an der Reihe ist, muss Kukies etwas raus aus seiner Komfortzone. Toncar sagt: „Mit ihrem ausführlichen Statement haben Sie gezeigt, dass bei kaum einem Aspekt von Wirecard an Ihnen vorbeizukommen ist.“ Toncar verwickelt Kukies in ein Wortgefecht, doch in der Sache zieht sich Kukies immer wieder hinter den Schutzwall seines Vortrags zurück.

Der Linke Fabio De Masi sagt zu Beginn zur Überraschung einiger Beobachter, dass er eigentlich per Du sei mit dem „Herrn Staatssekretär“, bei der Vernehmung jedoch das Sie verwenden wolle. De Masis feinsinnige Taktik: Er bereitet sich schon auf die Vernehmung von Olaf Scholz am Donnerstag vor. Von dem immer redseliger werdenden Kukies holt er sich Bestätigungen ab, die er gegen Kukies’ Staatssekretärs-Kollegen Schmidt und gegen Kukies’ Chef Olaf Scholz verwenden will. Kukies dient De Masi nur als Stichwortgeber. „Danke“, sagt De Masi, „mir reicht, dass Sie sagen, dass Sie sich dazu nicht äußern wollen.“ Kukies schaut ungläubig, aber da kommt schon die nächste Frage von De Masi.

Hans Michelbach, der Rächer der enterbten Anleger, gerät heftig mit Kukies aneinander. Ihn hat schon der Monolog geärgert, nun hält er Kukies eine Aussage vor. Doch genau darauf hat Kukies gewartet. Er richtet sich in seinem Sitz auf und sagt zu Michelbach triumphierend: „Ich habe lange mit meinen Leuten diskutiert: Freier Vortrag oder Rede schreiben? Ich bin heilfroh, dass ich mich habe überzeugen lassen und dass ich eine Rede geschrieben habe – weil jetzt werde ich genau widerlegen, was Sie mir vorhalten!“ Zuvor hatte Kukies schon die Grünen-Abgeordnete Lisa Paus angeblafft mit dem Satz: „Das ist eine allgemeine Frage, da kann ich nur eine allgemeine Antwort geben. Stellen Sie doch eine spezifische Frage! Ich antworte auf jede spezifische Frage. Wenn ich vom Herrn De Masi etwas wissen will, dann rufe ich ihn sogar um 10 Uhr abends an.“

In der Sache folgte Kukies allerdings tatsächlich einer sehr elaborierten, stringenten Linie: Ein Eingreifen gegen das Leerverkaufsverbot wäre eine flagrante Verletzung der europäischen Regeln gewesen. Kukies legt eine minutiöse Darstellung des Ablaufs dar. Sie ist bestechend logisch, aber irgendwie zu perfekt. Den Besuch bei Markus Braun erklärt er so, wie Leser der Berliner Zeitung es schon vor einigen Tagen wissen. Zu China gelang es De Masi, Kukies einige kryptische Details zu entlocken. Man kann darauf vertrauen, dass der Wirecard-Detektiv De Masi bei seinem Schlussplädoyer gegen Olaf Scholz die Puzzlesteine zusammengefügt haben wird.

In einem Punkt verwickelt sich Kukies jedoch in Widersprüche, auch wenn das auf den ersten Blick nicht zu erkennen ist: Das absurde Fax der Staatsanwaltschaft München, das die Grundlage für das Leerverkaufsverbot war, hätten seine Beamten erst am „21./22.2.2019“ zu lesen bekommen – also drei Tage nach dem Verbot am 18.2.2019. Auf die Nachfrage von Toncar bestätigte Kukies diesen Sachverhalt. Warum das Ministerium denn die absurde Darstellung einer Verschwörung von Bloomberg und Financial Times nicht aufgedeckt habe, wollte Toncar wissen. Kukies fuchtelte noch heftiger mit den Händen als sonst, antwortete aber ausweichend: Minuten zuvor hatte er nämlich gesagt, dass er, hätte er das wahnwitzige Papier gekannt, selbstverständlich weitere Nachforschungen angestellt. Da stimmt etwas nicht.

Florian Toncar zum Kukies-Auftritt: „Die Befragung von Jörg Kukies lief – wie bei vielen anderen – auf die Botschaft hinaus: Schuld waren die anderen, vor allem die Bafin und die Staatsanwaltschaft. Kukies zeichnete das Bild einer komplett unabhängigen, vom Finanzministerium entkoppelten Aufsichtsbehörde. Ich halte das für wenig glaubwürdig. Nach der Insolvenz von Wirecard hat Herr Kukies immer wieder sehr konkret deutlich gemacht, was er von der Bafin erwartet. Vorher hätte er das auch tun können, aber er hielt es erkennbar nicht für notwendig. Und genau da liegt das Problem.“

Ob Kukies’ Strategie erfolgreich war, wird sich zeigen, wenn das Ausschuss-Protokoll vorliegt: Sollte die Opposition dann noch den Nerv haben und die Aussagen von Kukies im Detail abgleichen, hinterfragen und gravierende Abweichungen von der Wahrheit identifizieren, dann könnte sich der Befreiungsschlag auch als ein Schuss in den Ofen erweisen. Ein Bumerang, dessen Exaktheit auch keine lebensrettende Interpretations-Nuance zulässt.