Ohne großes öffentlichen Aufheben war am Montag der Insolvenzverwalter von Wirecard, Michael Jaffé, vor dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss erschienen. Der Münchner Anwalt hatte sich eine diskrete Sitzung gewünscht. Seine Ausführungen erhärten nach Informationen der Berliner Zeitung den Verdacht, dass Wirecard doch nicht nur das Werk eines einzelnen Verbrechers war, der alle anderen hinters Licht geführt hat. Bisher hatte sich das Wirecard-Management im wesentlichen hinter der Argumentation verschanzt, auf die Machenschaften des schillernden Jan Marsalek hereingefallen zu sein.

Doch nach dem Auftritt von Jaffé sagte der FDP-Abgeordnete Florian Toncar: „Es fällt schwer zu glauben, dass niemand aus dem Management gewusst haben soll, was bei Wirecard vor sich geht. Das Management ist in seiner Breite belastet worden.“ So hatte Wirecard noch am 27. März 2020, also wenige Monate vor dem Zusammenbruch, die glatte Summe von 100 Millionen Euro an ein befreundetes Unternehmen namens Ocap überwiesen. Dieses Unternehmen soll eine Geldwaschmaschine gewesen sein, über die erhebliche Summen an einzelne Begünstigte überwiesen wurden. Das Darlehen wurde vom damaligen Finanzvorstand Alexander von Knoop abgezeichnet. Knoop hatte noch vor kurzem im Ausschuss die gesamte Schuld Marsalek zugeschoben und gesagt: „Zu keiner Zeit sind mir die derzeit in Rede stehenden kriminellen Machenschaften anderer Personen in der Wirecard AG mitgeteilt, angedeutet oder sonst bekanntgeworden. Ich hatte davon keine Kenntnis.“

Dabei war er vor der Überweisung der 100 Millionen Euro von der Finanzabteilung der Wirecard AG gewarnt worden: Die Cashflow-Manager sagten Knoop, das dies die „letzte Liquidität“ sei, die man an Ocap überweisen könne – nun sei auch bei Wirecard kein Geld mehr in der Kasse und man müsse sich um neue Kredite bemühen. Noch im Jahr 2019 hatte das Unternehmen über eine Softbank-Anleihe 1,4 Milliarden Euro eingenommen, insgesamt dürften sich die liquiden Mittel 2020 auf etwa 2,5 bis drei Milliarden Euro belaufen haben. Etwa 700 Millionen Euro machte das Unternehmen operativen Verlust. Ungefähr 800 Millionen Euro wurden für Akquisitionen aufgewendet. 1,5 Milliarden Euro verschwanden als Mittelabflüsse auf dubiose Weise. In den letzten Monaten des Unternehmens hatten sich die Mittelabflüsse derart beschleunigt, dass die These von der Ahnungslosigkeit des Managements erschüttert wurde.

Das letztmalige Darlehen hätte angesichts der dramatischen Lage nicht ausgezahlt werden dürfen. Toncar: „Die Kassen des Unternehmens waren leer, es war regelrecht ausgeplündert. Das macht man nicht, wenn man, wie Markus Braun stets angegeben hat, an die Zukunft des Unternehmens glaubt. Auch der Finanzvorstand hätte das eigentlich wissen müssen.“ Der Linke-Abgeordnete Fabio De Masi sagte dieser Zeitung: „Die Struktur der Wirecard Gruppe mit 58 Unternehmen auf vier Kontinenten war darauf ausgelegt, Zahlungsströme und Geschäftsbeziehungen zu verschleiern - damit muss nun auch der Insolvenzverwalter umgehen, der gerade im Ausland schwer oder gar nicht an notwendige Informationen gelangt.“ Bestätigt wurden „die Gerüchte um die Vielzahl an Verträgen mit Beratern, die Wirecard halfen, ihre dubiosen Geschäfte bis zum Ende fortzuführen und damit ordentlich Kasse machten“. De Masi: „Strafrechtlich relevant könnte werden, dass der negative Cash Flow und die angespannte Liquidität handelnden Personen im Vorstand voll bewusst war!“

Unklar ist in diesem Zusammenhang auch die Rolle des Aufsichtsrats: Ein derart hohes Darlehen wäre in jedem Unternehmen zustimmungspflichtig. Knoop wird von der Staatsanwaltschaft als Beschuldigter geführt, musste bisher aber nicht in Untersuchungshaft.

Die Aufsichtsräte dagegen werden von der Staatsanwaltschaft nur als Zeugen geführt. Für Toncar zeigt die jüngste Entwicklung auch, dass die Aufsichtsbehörden versagt hätten: Es werde immer klarer, dass es zahlreiche Hinweise auf schwere Unregelmäßigkeiten gegeben habe. Dies hätte auch die Steuerbehörde erkannt, die Aufsicht Bafin sei jedoch untätig geblieben. Toncar: „Die Schläfrigkeit der Behörden hat den Tätern die Zeit verschafft, die sie brauchten, um das Unternehmen auszuplündern.“

Insolvenzverwalter Jaffé ist noch immer damit beschäftigt, das Geflecht von Wirecard zu durchforsten. Vermutlich wird erst der Bundesgerichtshof klären, ob neben den Gläubigern auch die Aktionäre noch Geld sehen werden. Die Anwälte von Ex-CEO Markus Braun verfolgen offenbar die Strategie, die Zahl der Anklagepunkte zu reduzieren.

Die Tatsache, dass von Knoop noch auf freiem Fuß ist, könnte Taktik der Staatsanwaltschaft sein: Er soll als eine Art Kronzeuge helfen, die verwickelte Situation aufzuklären. Die Aufsichtsräte dagegen sind bisher überhaupt nicht belangt worden. Dabei hätten sie, wie sich zunehmend zeigt, durchaus Möglichkeiten gehabt, den Schaden zu mindern.