Der bayrische Bundestagsabgeordnete Hans Michelbach hat schüttere Haare und trägt eine altmodische Brille. Er sieht so harmlos aus wie einer, zu dem jugendliche Enkel gehen, wenn sie Liebeskummer oder Geldsorgen haben. Vielleicht weil sie bei ihm wissen, dass er sie in Liebes-Dingen nicht mit Ratschlägen behelligen, ihnen aber zum Abschied einen Hunderter zustecken wird.

Doch Hans Michelbach, natürlich CSU-Mitglied, hat auch eine andere Seite: Mit schneidender Stimme wendet er sich bei den Sitzungen des Wirecard-Untersuchungsausschusses zornig an die Zeugen, von denen er glaubt, sie hätten das Milliarden-Fiasko verhindern können. Dann kommen Sätze wie: „Was sagen Sie den Tausenden Kleinanlegern, die wegen dieses Betrugs ihre Ersparnisse verloren haben?“ Oder: „Wollen Sie sich vielleicht an dieser Stelle bei den vielen geprellten Anlegern entschuldigen?“ Oder: „Sind Ihnen die Anleger, die wegen Wirecard ihr Vermögen verlogen haben, egal?“

Hans Michelbach versucht, der Gerechtigkeit eine Stimme zu geben. Sein Problem: Der Begriff der Gerechtigkeit wirkt in der globalen Finanzwelt wie aus der Zeit gefallen. Es scheint, als dominierte die Gier heute alles. Ohne Rücksicht auf Verluste, auf die Verluste der anderen natürlich. Im Internet-Zeitalter, wo Aktien fast überwiegend von Computerprogrammen und Algorithmen gehandelt werden, herrscht an der Börse der digitale Turbo-Kapitalismus.

Immer mehr Finanzskandale

Von Zeit zu Zeit kommt es immer wieder zu einem großen Knall: Das ist der Fall, wenn das System überdreht. Das war 2007 so, als die Finanzkrise ausbrach: Die US-Investmentbank Lehman Brothers ging pleite, weil alle Banken auf der ganzen Welt zuvor jahrelang mit erfundenen Finanzprodukten gehandelt hatten. Als die Banken versuchten, die US-Regierung zu erpressen, zog diese den Stecker.

Im Fall Wirecard dagegen haben nur einzelne Akteure überdreht: Mitten in den angesehenen DAX-Index platzierten sie eine Geldwaschmaschine. Schließlich kam mit großem Getöse die Insolvenz. Oft ereignen sich Zusammenbrüche in Zeiten von großen technologischen Veränderungen. Das System hält nach einem solchen Crash meist kurz inne und entwickelt Regeln, um eine Wiederholung des Unglücks zu verhindern. Die Spekulationsgeschäfte und der Börsenkrach 1933 führten in den USA zur Gründung der Börsenaufsicht, der sogenannten „Securities Exchange Commission“ (SEC). Die SEC ist eine Mischung aus Staatsanwaltschaft, FBI und Schnellgericht. Sie kann Abläufe untersuchen, ermitteln, Strafen verhängen. Ihre Regeln sind gefürchtet. An den US-Börsen ist falschspielen daher hoch riskant.

Eine ähnlich scharfe Kontrolle gibt es in Deutschland bisher nicht. Das wurde den Millionen Wirecard-Aktionären zum Verhängnis. Die deutsche Aufsicht für die Börsen heißt Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin). Die Bafin ist eine honorige Einrichtung: Jeder schätzt sie. Doch niemand fürchtet sie. Beim Wirecard-Desaster hat die Bafin keine gute Rolle gespielt, schlimmer noch: Im Bestreben, endlich einmal ein Verbrechen zu verhindern, bevor es geschieht, hat die Bafin im Februar 2019 dem Glückspiel- und Pornokonzern Wirecard mit dem Leerverkaufsverbot unfreiwillig einen Freibrief ausgestellt. Sie verbot den Kritikern, die den Wirecard-Verbrechern auf die Schliche gekommen waren, gegen das Unternehmen zu wetten. Wirecard stilisierte sich zum Opfer – und trieb viele der von Hans Michelbach heute so leidenschaftlich vertretenen Anleger in den Ruin.

Die Bafin muss sich entkoppeln

„Wirecard – ein Skandal zur richtigen Zeit“: Mit dieser provokanten Überschrift setzt sich die Frankfurter Finanzmarktjuristin Katja Langenbucher an die Spitze einer Gruppe von Kapitalmarktspezialisten, die nachhaltige Konsequenzen für Deutschland fordern. Langenbuchers Vorschläge sind bestechend einfach und im Grunde leicht durchzusetzen. Sie sagt: „Die Aufsicht muss von der Exekutive entkoppelt werden. Es darf nicht einmal den Anschein geben, dass politische Einflussnahme möglich ist.“ Langenbucher ist auch Verwaltungsrätin der Bafin, ist also Kontrolleurin der Kontrolleure. Sie erklärt, dass es zwar auf den ersten Blick sinnvoll erscheine, dass die Bafin direkt der Bundesregierung – konkret dem Bundesfinanzministerium – unterstellt ist: „Es ist ein guter Verfassungsgrundsatz in Deutschland, dass alle Behörden der Kontrolle des Parlaments oder der Regierung unterstehen. Dadurch kommt zum Ausdruck, dass das Volk die letzte Kontrolle über alle Institutionen hat – ein zutiefst demokratischer Ansatz.“

Doch dieser Ansatz funktioniert nicht immer gemäß der reinen Lehre: Bei Wirecard mischte der frühere Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg mit, aus dem Finanz- und Wirtschaftsministerium waren Staatssekretäre und hochrangige Beamte mit dem Unternehmen befasst. Und am Ende der Fehlerkette stand Bundeskanzlerin Angela Merkel: Sie reiste im Oktober mit großem Gepränge nach Peking und empfahl dem chinesischen Staatspräsidenten Wirecard als einen deutschen Champion, mit dem es sich lohne zusammenzuarbeiten. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Commerzbank bereits einige Dutzend Geldwäsche-Verdachtsmeldungen abgeschickt. Auch bei der Bafin oder bei den Wirtschaftsprüfern von Ernst & Young (EY) hätte im Grunde jeder wissen können, dass man Wirecard allenfalls mit spitzen Fingern anfassen sollte. Wäre die Bafin eine vom Bundesfinanzministerium unabhängige Behörde gewesen, hätte sie vielleicht genauer hingesehen.

Katja Langenbucher sagt: „Die Bafin braucht eine ähnliche Unabhängigkeit wie die Bundesbank. Auch diese ist ja aus gutem Grund nicht an die Weisungen einer Regierung gebunden. Sie muss die Zinsen nicht senken oder erhöhen, wenn die Regierung das will.“ Langenbucher ist überzeugt, dass auch die von vielen vorgebrachten verfassungsrechtlichen Bedenken letztlich ausgeräumt werden können: „Die Bafin unterliegt einer Rechtsaufsicht und einer Fachaufsicht. Das bedeutet: Das Bundesfinanzministerium kontrolliert, ob die Bafin sich an die Gesetze hält. Zugleich überprüft das Ministerium, wie die Bafin fachlich ihren Auftrag in der Praxis lebt. Genau dieser Punkt sollte geändert werden. Die Rechtsaufsicht sollte bleiben, die Fachaufsicht muss abgeschafft werden.“

Ein scharfes Schwert ist das Ziel

Wie die SEC sollte die Bafin mit „scharfen Instrumenten“ ausgestattet werden, um gegen Betrüger, Kriminelle und Trickser schnell und wirksam vorgehen zu können. Gleichzeitig müsse dringend die europäische Finanzaufsicht ESMA gestärkt werden. Die Pariser Behörde befinde sich im „Umbruch“, sei aber nicht schlagkräftig genug. Langenbucher: „Die ESMA hätte beim Leerverkaufsverbot vertieft prüfen müssen. Dass sie das durchgewinkt haben, war falsch.“ Was es brauche, sei eine echte europäische Aufsicht.

Katja Langenbucher ist überzeugt, dass es sich bei der Frage der Kontrolle von Recht und Ordnung an den Finanzmärkten nicht um eine Nebensächlichkeit handelt: „Wir erleben gerade eine Zeitenwende in der Entwicklung an den Kapitalmärkten. Die USA und Asien marschieren nach vorne. Europa läuft Gefahr, abgehängt zu werden.“

Deutschland steht vor der Aufgabe – wie in vielen anderen Bereichen –, auch bei der Kapitalmarktaufsicht Reformen durchzuführen, wenn das Land weiter eine führende Rolle in der Weltwirtschaft spielen will. Mit dem Austritt Großbritanniens aus der EU ist die Lage schwieriger geworden. „Uns in Deutschland fehlt die Kapitalmarkt-Kultur. Großbritannien war das einzige Land, das diese Kultur wirklich hat“, sagt Langenbucher. Wie wenig attraktiv Deutschland in diesem Bereich ist, zeige die Tatsache, dass viele Unternehmen nach dem Brexit von London nach Amsterdam, Dublin und Paris abgewandert seien – also keineswegs mehrheitlich nach Frankfurt am Main.

Höhere Gehälter für die Kontrolleure

Für die Zukunft der Bafin heiße das: „Die Bafin muss attraktive Gehälter bezahlen. Es hilft nicht, zu jammern: Die internationale Regulatorik ist extrem komplex. Wir brauchen auch für die Kontrolle die besten Fachleute. Und die kommen eben von den Banken, wo die Gehälter hoch sind. Wir dürfen uns auch nicht scheuen, dass Leute aus der Privatwirtschaft einmal für eine gewisse Zeit für den Staat arbeiten. Natürlich gibt es da Gefahren. Aber wir brauchen die beste Expertise, wenn wir wirklich wirksam agieren wollen.“ Um der Aufgabe gerecht zu werden, müssten zusätzliche Stellen geschaffen werden. Es wäre denkbar, mit Zeitverträgen zu arbeiten, um zu große finanzielle Belastungen zu vermeiden.

Einen ersten Schritt könnte die Berufung des neuen Bafin-Chefs Mark Branson sein, glaubt Katja Langenbucher. Der Brite mit Schweizer Pass kommt aus der Bankenwelt. Langenbucher: „Er sollte als ersten Schritt eine schnelle Eingreiftruppe aufbauen können. Die Bafin muss zeigen, dass sie aus Wirecard etwas gelernt hat.“ Das ist auch dringend nötig: Hans Michelbach ist 72 Jahre alt. Ewig wird er nicht den Tröster der enttäuschten Anleger spielen können.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.