Die Staatsanwaltschaft (StA) München ermittelt nun auch gegen den früheren Aufsichtsratschef von Wirecard, Wulf Matthias. Das geht aus einer Email hervor, die der Rechtsbeistand von Matthias an den Parlamentarischen Untersuchungsausschuss gesendet hat. Die Email liegt der Berliner Zeitung vor. Darin teilt Holger Matt, der Anwalt von Matthias, dem Ausschuss mit, dass sein Mandant „von seinem umfassenden Schweigerecht Gebrauch machen würde, nachdem aufgrund verschiedener Strafanzeigen“ von potenziell „durch Wirecard geschädigten Kapitalanlegern formell auch gegen Herrn Matthias - neben zahlreichen anderen früheren AR-Mitgliedern - ein Ermittlungsverfahren seitens der StA München eingeleitet worden ist“.

Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft München sagte dieser Zeitung, sie ermittle „gegen den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der Wirecard und mögliche Mittäter“. An „Spekulationen“, wer „dabei alles in Betracht kommt, können wir uns nicht beteiligen“.

Das unter der Aktenzahl Az. 402 Js 199828/20 geführte Ermittlungsverfahren könnte sich nach Ansicht des FDP-Abgeordneten Florian Toncar auf mehrere Tatbestände beziehen. Toncar sagte dieser Zeitung: „Es gilt zunächst die Unschuldsvermutung. Allerdings wäre denkbar, dass die Staatsanwaltschaft gegen die Aufsichtsräte wegen Untreue durch Unterlassen der gebotenen Kontrollmaßnahmen ermittelt.“

Toncar sagte: „Dass Matthias als Beschuldigter geführt wird, überrascht mich nicht. Es überrascht mich eher, dass das zu Jahresbeginn noch nicht der Fall war. Wenn ein Dax-Unternehmen pleitegeht, muss man sich doch fragen, wie die Kontrolleure ihren Verpflichtungen nachgekommen sind.“ Aufsichtsräte hätten eine besondere Verantwortung bei der Kontrolle eines Unternehmens: „Aufsichtsräte müssen Vorwürfen nachgehen und gegen eine fehlerhafte Bilanz stimmen. Im Fall Mannesmann hat es einem Aufsichtsrat nicht einmal gereicht, sich zu enthalten.“

Die Aufsichtsräte können unter Umständen auch für den finanziellen Schaden haften, nämlich dann, wenn diesen die übliche Manager-Versicherung des Unternehmens den Schaden nicht abdeckt. Der Schaden beläuft sich bei Wirecard auf insgesamt über 20 Milliarden Euro. Toncar: „Es ist alles andere als sicher, dass eine Versicherung hier im Falle des Falles einspringen würde. Das hängt sehr davon ab, was der Aufsichtsrat genau gemacht oder eben unterlassen hat und was er wusste oder hätte wissen können. In einem Extremfall wie Wirecard kann persönliche Haftung aber auch für Aufsichtsräte zum persönlichen Ruin, zur Privatinsolvenz führen.“

Die Anleger können zwar nicht damit rechnen, dass der von den Organen des Unternehmens nicht verhinderte Schaden ausgeglichen wird. Allerdings ist es für viele auch eine Frage der Gerechtigkeit. Im Aufsichtsrat war unter anderem Stefan Klestil, vertreten, der Sohn des früheren österreichischen Bundespräsidenten Thomas Klestil.

Seiner Ladung zum Ausschuss bliebt Wulf Matthias am Donnerstag aus Krankheitsgründen fern. Der Ausschuss hat seine Tätigkeit fast abgeschlossen. Einzig der sich kürzlich der Öffentlichkeit zu erkennen gegeben habende Whistleblower Pav Gill wird noch einmal gehört, und zwar am 10 Juni in einer Videoschalte aus Bangkok. Der Ausschuss möchte vor allem hören, was Gill zu der Rolle der Finanzaufsicht Bafin zu sagen hat. Er soll sich auch an die Aufsicht gewandt haben, als er seine Informationen der Financial Times (FT) zuspielte.