Bernd Schmidbauer ist eine deutsche Geheimdienstlegende. Wie kaum ein zweiter kennt er die internationale Szene. Auch bei seinem Auftritt vor dem Wirecard Untersuchungsausschuss des Bundestags ließ Schmidbauer die Abgeordneten über seine Bedeutung nicht im Unklaren: „Ich treffe auch US-Präsidenten“, sagte der 82-Jährige auf die Frage, warum er immer von „wir“ spreche, obwohl er kein Amt mehr ausübt. Auf Nachfrage des SPD-Abgeordneten Jens Zimmermann präzisierte Schmidbauer, er habe sich mit Bush Sr., Bush Jr. und dem vormaligen US-Vizepräsidenten Al Gore getroffen. Später erklärte Schmidbauer, der einen ausgesprochen gut informierten Eindruck hinterließ. „Wenn ich ,wir‘ sage, dann kann das jemand sein, der auch etwas weiß.“ Neben sich hatte Schmidbauer sein Handy, eine schwarze Maske und eine sehr dünne Mappe mit wenigen Blättern liegen. Er trug alles aus dem Gedächtnis vor und konnte sich, anders als andere Zeugen, sehr genau an Details erinnern. Es war allerdings nicht immer klar, ob die Details auch wirklich so stattgefunden hatten, wie Schmidbauer sie in Erinnerung zu haben glaubte.

Schmidbauer war in seine Vernehmung mit einem Sympathie-Defizit gestartet: Der Geheimdienstmann soll an Operationen mitgewirkt haben, die auch einer Bespitzelung des Linken Fabio De Masi zur Folge gehabt haben könnten. Gemeinsam mit Beamten des österreichischen Geheimdienstes BVT beteiligte sich Schmidbauer unter anderem an einer digitalen Konversation, in der De Masi als „linker Kretin“ bezeichnet worden war. Schmidbauer versuchte ziemlich unbeholfen, sich zu rechtfertigen, konnte sich jedoch zu keiner Entschuldigung durchringen. De Masi revanchierte sich auf die ihm eigene Weise, indem er „die Glaubwürdigkeit des Zeugen“ durch das Aufdecken von Widersprüchen einem harten Belastungstest unterzog.

In einem Punkt hörten die Abgeordneten dem Doyen der deutschen Dienste jedoch genau zu. Schmidbauer, der den früheren Wirecard-Manager Jan Marsalek einmal in dessen Wohnung in der Münchner Prinzregentenstraße getroffen hatte, sagte: „In wenigen Jahren werden wir feststellen, dass wir die Falschen gejagt haben.“ Der Grund: „Das liegt daran, dass man an die großen Kaliber nicht rankommt.“ Marsalek habe sich überschätzt – etwa, als er versucht habe, militärisch in den Libyen-Krieg einzusteigen: „Ich glaube, das war einer der Punkte, wo er zu sehr am Rad der Weltgeschichte drehen wollte.“ Die wirklichen Drahtzieher hinter Wirecard befänden sich im Ausland. Diese könnten vom Ausschuss daher nicht geladen werden, weshalb die Untersuchungen nur „kleinen Fische“, nicht jedoch die wahren Profiteure des Systems Wirecard ans Tageslicht gefördert würden. Mehrfach sagte Schmidbauer, dass es unter anderem um Geldwäsche gehe. 

Schmidbauer sagte, dass die Geschäfte von Wirecard für alle Geheimdienste interessant gewesen seien: „Jeder Dienst, der Einfluss hatte, war begierig, mit ihm zu reden. Alle hatten ihn auf dem Schirm.“ Die „Nachrichtendienste wollten die extravagante Arbeit einer solchen Firma nutzen“. Marsalek habe daher den Kontakt mit Diensten und politischen Entscheidungsträgern gesucht. Schmidbauer: „Man muss sich doch fragen , warum jemand wie der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy zu einem Treffen nach München kommt, um an einem Abendessen mit dem Vorstand eins Dax-Konzerns – Wirecard – über Libyen zu sprechen.“ An dem Abendessen nahmen unter anderen der frühere österreichische Bundeskanzler Wolfgang Schüssel und der frühere bayrische Ministerpräsident Edmund Stoiber teil. Auf Nachfrage der SPD-Abgeordneten Cansel Kiziltepe, warum Marsalek Stoiber treffen wollte, sagte Schmidbauer, dass Stoiber „als ausgewiesener Experte für internationale Beziehungen im europäischen Raum“ für Marsalek sehr wertvoll gewesen sein könnte.

Schmidbauer sagte, dass die Technologie von Wirecard Geheimdiensten die Möglichkeit geboten hätte, Geldflüsse weltweit nachzuvollziehen. Dies sei zur „Terrorabwehr und Terrorfahndung“ ausgesprochen hilfreich. Schmidbauer: „Wirecard hat auch den Missbrauch als Teil des Geschäftsmodells angeboten.“ Damit hätte der Dienstleister die Möglichkeit gewährt, problematische Zahlungen gleichzeitig abzuwickeln, sie zu verstecken und sie zu überwachen. Im Zusammenhang mit Libyen wäre es so möglich gewesen, Söldner zu bezahlen. Schmidbauer: „In Libyen waren Clearwater aus den USA, Wagner aus Russland, Söldner aus der Türkei – die alle mussten bezahlt werden.“

„Es muss nicht immer ein und derselbe Bösewicht sein. Es gibt viele Bösewichter.“

Bernd Schmidtbauer

Schmidbauer erläuterte, dass die Nachverfolgung von Zahlungen außerdem die ideale Form der weltweiten Überwachung darstelle. Marsalek habe mit allen Geheimdienste gesprochen, „auch mit den Amerikanern und Briten“. Daher könne man heute nicht sagen, wohin sich Marsalek abgesetzt habe. Vor Schmidbauer hatte am Donnerstag der Geheimdienstkoordinator Klaus-Dieter Fritsche erklärt, dass er nicht glaube, dass Marsalek nach Russland geflohen sei. Fritsche hatte gesagt, „Gnade ihm Gott“, wenn sich Marsalek mit russischen Geheimdiensten eingelassen hatte. Schmidbauer sagte, er könne nicht einmal sagen, ob Marsalek überhaupt noch lebe. Der Geheimdienst-Mann, der seine große Zeit unter Helmut Kohl gehabt hatte, sagte zur Flucht Marsaleks: „Auch aus Minsk fliegen Flugzeuge nach Virginia und auf die Philippinen.“ Auf die Nachfrage des FDP-Abgeordneten Florian Toncar, wie er auf Virginia komme, sagte Schmidbauer: „Das war eine feinsinnige Anspielung auf den Standort der CIA.“ Natürlich sei das nur ein willkürliches Beispiel gewesen. Er habe zeigen wollen, dass es nicht einfach sei, festzustellen, wer wirklich die Drahtzieher hinter Wirecard waren. Schmidbauer: „Es muss nicht immer ein und derselbe Bösewicht sein. Es gibt viele Bösewichter.“

Entgegen dem ersten Eindruck aus dem Bericht des Sonderermittlers zu den Geheimdiensten deutete Schmidbauer an, dass auch die deutschen Geheimdienste sehr wohl mit Marsalek in Kontakt gewesen sein müssten: Wenn sie etwas auf sich gehalten haben, dann müssten sie selbstverständlich von den Wirecard-Möglichkeiten für nachrichtliche Zwecke gewusst haben. Man könne den Diensten daraus nicht nur keinen Vorwurf machen. Vielmehr sei das Problem, dass die Dienste in Deutschland immer weiter eingeschränkt würden und daher suboptimale Arbeitsbedingungen vorfinden. Schmidbauer: „Man kann die Nachrichtendienste nicht kastrieren und dann von ihnen fruchtbare Arbeit erwarten.“

Klaus-Dieter Fritsche hatte wenig Erhellendes zur Beziehung von Wirecard zu den Geheimdiensten beizutragen. Der Geheimdienstmann hatte als Lobbyist für Wirecard gearbeitet und mit dieser Tätigkeit insgesamt 6.000 Euro verdient. Auf die Frage des Grünen Danyal Bayaz nach Fritsches Expertise, aufgrund derer Wirecard Fritsche als Berater verpflichtet habe, sagte dieser knapp: „Türöffner-Expertise.“ Fritsche erläuterte, er habe Wirecard einfach in Kontakt mit dem Kanzleramt bringen wollen. Der Wirecard-Manager Burckhard Ley habe ihm nämlich gesagt, dass Wirecard-CEO Markus Braun „regelmäßig beim österreichischen Bundeskanzler aus und ein geht“: „Meine Motivation zu helfen bestand darin, dass der CEO eines Dax-Unternehmens im österreichischen Kanzleramt rumturnt, aber nicht im deutschen Kanzleramt.“ FDP-Mann Toncar sagte nach der Sitzung, Fritsche sei der Typ des seriösen Beamten gewesen, mit dem Wirecard sich einen seriösen Anstrich habe geben können. Der Vorsitzende des Ausschusses, Kay Gottschalk, sagte, man habe den Eindruck, dass die aktiven deutschen Geheimdienstler weniger wissen als die Ehemaligen.

In der kommenden Woche gehen die Zeugeneinvernahmen im Ausschuss weiter. Die Abgeordneten werden Staatssekretäre und Minister und ganz zum Ende der Beweisaufnahme Bundesfinanzminister Olaf Scholz und Bundeskanzlerin Angela Merkel hören.