Berlin – Die vielleicht wichtigste Zeugin des Wirecard-Ausschusses betritt am Freitagmorgen den Europa-Saal im Paul-Löbe-Haus in Berlin in gemessenem Schritt. Sie setzt sich auf ihren Platz und zieht, wie aus einer Bewegung, eine Klarsichtfolie mit fein säuberlich geordneten Blättern aus ihrer Tasche. Sie legt die Blätter auf den Tisch und legt beide Hände gefaltet auf die Unterlagen. Sie sitzt wie auf dem Sprung.

Auf die einleitende Frage des Vorsitzenden nennt die Exekutivdirektorin der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, Roegele, auch ihren Vornamen und sagt: „Elisabeth.“ Nach einer kurzen Pause ergänzt sie fragend: „Ich nehme an, der reicht? Ich habe noch andere, kann ich gerne nennen, Ursula Antonia.“

Dann beginnt sie ihre Aussage. Roegele spricht energisch, offen, nicht defensiv. Manchmal wird sie schroff, fast brüsk. In der Sache ist sie leidenschaftlich. Sie erklärt den Abgeordneten, wie die Bafin funktioniert. Sie sagt: „Wir haben keine laufende Aufsicht über die Unternehmen. Wir beaufsichtigen lediglich punktuell, untersuchen, ob Insiderhandel und Marktmanipulation vorliegen, wobei wir Verstöße unverzüglich der Staatsanwaltschaft zu melden haben. Wir haben eine sehr, sehr enge Kooperation mit der Staatsanwaltschaft.“

Die Bafin hatte mit einem sogenannten Leerverkaufsverbot für Wirecard-Aktien im Februar 2019 aus Sicht vieler Marktteilnehmer Wirecard unterstützt. Sie habe die Anleger in falscher Sicherheit gewogen, so wird die Bafin nach der Insolvenz von Wirecard kritisiert. Mitten während der Ereignisse waren allerdings alle noch voll des Lobes für die Bafin gewesen. Der frühere Bundesverteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg hatte noch ein Jahr später in der FAZ ein flammendes Plädoyer gegen die angeblich so gefährlichen Shortseller veröffentlicht.

Nach dem Zusammenbruch des Unternehmens und dem Totalverlust für Tausende Anleger hatten sich in der öffentlichen Wahrnehmung zwei Schuldige herauskristallisiert: Der Wirecard-Manager Jan Marsalek, der mit beachtlicher krimineller Kreativität das System perfektionierte, und die Bafin – weil sie Wirecard nicht nur nicht auf die Schliche gekommen war, sondern mit dem Leerverkaufsverbot sich scheinbar auf die Seite der Verbrecher geschlagen hatte. Auch die Wirtschaftsprüfer von EY sehen nicht gut aus.

Roegele empfindet die Kritik an der Bafin als zutiefst ungerecht. Sie sagt: „Das Leerverkaufsverbot war kein Gütesiegel für Wirecard. Das war nicht so. Das war keine Parteinahme für das Unternehmen.“ Sie erläutert schließlich, wie es zu dem verhängnisvollen Schritt kam: Wie schon ihre Mitarbeiter zuvor erklärt Roegele, dass es am Freitagmorgen, den 15. Februar 2019 einen Anruf der Staatsanwaltschaft München gegeben habe. Darin habe die Staatsanwaltschaft die Bafin informiert, dass eine Shortseller-Attacke gegen Wirecard unmittelbar bevorstehe und außerdem eine Erpressung vorlag, mit der Wirecard zu einer Zahlung von sechs Millionen Euro gezwungen werden sollte.

Roegele schildert, wie dieser Tag für sie verlaufen ist. Sie sagt: „Sehen Sie mir nach, dass ich mich nicht an alles erinnern kann. Es war ein sehr stressiger Tag.“ Sie war am Donnerstag in Madrid gewesen und am Freitag, um 9 Uhr in Frankfurt gelandet. Sie sei gleich in ihr Büro gefahren, wo sie von der Referatsleiterin Schierhorn über die aktuelle Zuspitzung der Lage informiert wurde. Sie sagt: „Das berühmte Fax der Staatsanwaltschaft München lag den Kollegen vor.“ Die Kollegen hätten ihr gesagt, „dass das sehr ernst zu nehmen ist“. Wie andere Bafin-Zeugen schon bestätigt haben, scheinen die Münchner Staatsanwälte den Bafin-Mitarbeitern auf der Arbeitsebene einen enormen Schreck eingejagt zu haben. Unter anderem forderte die Staatsanwaltschaft von den Bafin-Leuten strengstes Stillschweigen. Roegele muss vormittags einen Ausschuss leiten und hat sonst an diesem Tag auch noch jede Menge Verpflichtungen.

Roegele sagt, dass Short-Attacken nicht grundsätzlich verwerflich seien. Es gäbe aber auch kriminelle Attacken: „Das ist der Fall, wenn Marktteilnehmer illegal Insiderwissen nützen.“ Dann müsse die Aufsicht einschreiten. Es komme dabei nicht darauf an, ob die Aufsicht die Angaben der Staatsanwaltschaft für zutreffend hält: „Ein Leerverkaufsverbot ist keine Aussage darüber, ob wir die Hinweise für wahr oder unwahr halten.“ Roegele räumt allerdings ein, dass das Vorgehen der Staatsanwaltschaft völlig unüblich gewesen sei. Normalerweise lege die Staatsanwaltschaft eine schriftliche Darstellung vor, auf die die Behörden dann reagieren können – und zwar immer erst dann, wenn die Attacke schon geschehen sei.

Roegele macht an dieser Stelle eine kurze Pause und sagt langsam, jedes Wort betonend: „Hier! War! Es! Anders!“ Man habe sich erstmals in der Lage gesehen, „vor die Welle“ zu kommen, also „im Vorfeld einer Attacke“. Roegele sagt, dass es nicht nur die Warnung der Staatsanwaltschaft war, die die Bafin zum Handeln trieb: „Wir konnten aus den Daten im Markt erkennen, dass Leerverkäufer mit Insiderwissen unterwegs waren.“

Ob die Bafin in eine Art Rausch des Guten verfallen sei, angesichts der Möglichkeit, ein Verbrechen zu verhindern, fragt der Vorsitzende des Ausschusses, Kay Gottschalk, später am Abend den Chef von Elisabeth Roegele. Felix Hufeld hatte dem Ausschuss dieselbe Darstellung wie Roegele gegeben. Hufeld steht zu der Entscheidung und sagt: „Wenn es eine Situation gibt, die das Gepräge der Gefahrenabwehr enthält, dann war es diese.“ Und weiter: „Wenn die Staatsanwaltschaft uns sagt, diese Information ist topvertraulich, dann gibt es nicht den geringsten Zweifel.“

Das Fehlen der kritischen Distanz zur Staatsanwaltschaft wurde der Bafin schließlich zum Verhängnis: Denn die „Information“ über das bevorstehende Verbrechen war, wie die Abgeordneten Hans Michelbach (CSU) und Jens Zimmermann (SPD) sagen, nicht mehr als „eine Räuberpistole“. Das „berühmte Fax“, das der Berliner Zeitung vorliegt, ist in der Tat ein bemerkenswertes Schriftstück.

Die Darstellung der Bedrohung hätte, so ein Abgeordneter, bei der Bafin sofort im Papierkorb landen müssen.

In dem Fax schreibt die Staatsanwaltschaft München an die Bafin als Begründung, warum die Aufsicht Wirecard zu Hilfe kommen müsse: „Es gab in den letzten Tagen einen oder mehrere Anrufe von Mitarbeitern von Bloomberg, unter anderem beim Compliance Officer Jan Marsalek. Bloomberg fordere einen Betrag von 6 Mio. Euro von Wirecard, ansonsten werde man ein Angebot von Financial Times annehmen. Das Angebot von Mitarbeitern von FT habe darin bestanden, Bloomberg solle in die negative Berichterstattung über Wirecard mit einsteigen, dann würden sie finanzielle Vorteile (Höhe unbekannt) erhalten. FT (bzw. Mitarbeiter) selbst habe durch deren negative Berichterstattung über Wirecard auch erhebliche Summen verdient.“ Als sei diese absurde Darstellung nicht genug: Die einzige „Quelle“ für diese Information war „Herr Enderle von der Kanzlei BubGauweiler, der anwaltliche Vertreter von Wirecard“.

Felix Hufeld, der vor dem Ausschuss sehr betroffen wirkte, hat dieses Papier allerdings vor der Entscheidung ebenso wenig gelesen wie Elisabeth Roegele. Beide hatten sich auf ihre Mitarbeiter verlassen. Es wäre ihnen niemals in den Sinn gekommen, dass eine Staatsanwaltschaft aufgrund von dubiosen Hinweisen tätig werden könnte.

Die Chance, einmal auf der richtigen Seite zu sein, hat offenkundig ihr Handeln bestimmt. Hufeld trotzig zu den Abgeordneten: „Mit dem Leerverkaufsverbot haben wir das getan, wozu Sie alle uns dauernd ermuntern: Couragiert eingreifen und zwar vor der Welle!“

Hufeld vermittelte den Eindruck eines Behördenleiters, der seinen Mitarbeitern vollkommen vertraut. Er hielt sich aus der Entscheidung über das Leerverkaufsverbot weitgehend heraus: An jenem ominösen Freitag telefonierte er am späten Nachmittag eine halbe Stunde mit Roegele, als er in Berlin auf dem Flughafen auf seinen Rückflug wartete. Seiner Aussage zufolge war er erst wieder am Sonntagabend mit dem Thema befasst, nachdem die europäische Aufsichtsbehörde ESMA grünes Licht für das Leerverkaufsverbot gegeben hatte.

Warum er nicht am Wochenende alle Akten studiert hat, um zumindest zu erfahren, worum es geht, konnte er nicht erklären. Hufeld sagte: „Die Staatsanwaltschaft hat uns bei Todesstrafe verboten, diese Information mit irgendjemandem zu teilen.“ Dies scheint ihn so beeindruckt zu haben, dass er die Information nicht einmal selbst kennen wollte.

Roegele wiederum scheint Schwierigkeiten in der Bafin-Organisation gehabt zu haben. Ein Abgeordneter sagte nach ihrem teilweise bockigen Auftritt vor dem Ausschuss: „Frau Roegele wollte doch eigentlich, dass wir ihr wohlgesonnen sind. Wenn sie in der Behörde auch so aufgetreten ist, dann wundert es mich nicht, dass einige Mitarbeiter sie haben auflaufen lassen.“

Diesen Eindruck hatte vor allem am Donnerstag der Fachreferent für Leerverkäufe, Jean-Pierre Bußalb, hinterlassen, der bei der wichtigsten Entscheidung  abwesend war. Bußalb hatte zu Beginn seiner Vernehmung festgestellt: „Ich wollte sagen, dass ich nicht verantwortlich bin für das Leerverkaufsverbot, weil ich am fraglichen Tag in zahnärztlicher Behandlung war.“ Der CDU-Abgeordnete Matthias Hauer fragt den Beamten: „Da gibt es ein Leerverkaufsverbot. Das ist ein einmaliges Ereignis, ein once in a lifetime event, und man sitzt beim Zahnarzt. Hat man Sie nicht angerufen?“ Darauf Bußalb: „Man hat ja einen Vertreter, darauf kann ich mich verlassen – das ist der erste Strang. Der zweite Strang: Frau Roegele kann alle Kompetenz an sich ziehen. Und der dritte Strang: Dass man das Wissen der StA in möglichst engem Kreis behalten wollte, und daher hat man mich nicht ins Büro geholt.“ Bußalb hat am ganzen Wochenende mit niemandem telefoniert. Am Montag habe er sich dann hingesetzt „und die Akten gelesen“.

Roegele dürfte das Problem gehabt haben, dass man mit einer derartigen Dienstauffassung nur schwer den Kampf gegen das Böse führen könne. Sie sagte in ihren Ausführungen immer wieder, dass sie keinen Hierarchie-Dünkel habe und mit jedem Mitarbeiter rede, wenn dieser zur Lösung eines Problems etwas beitragen könne. Der „Dienstweg“, der in Behörden oft nichts anderes ist als eine Sackgasse, schien ihr, da sie Gefahr im Verzug zu erkennen glaubte, nicht angemessen.

Unerklärlich ist dann aber, warum Roegele selbst an jenem dramatischen Wochenende nicht alles liegen und stehen ließ, um sich mit den entscheidenden Details vertraut zu machen. Es klang zwar glaubwürdig, als sie sagte, sie habe Mitarbeiterinnen, die diesen Job seit Jahren tadellos machen, voll vertraut. Auf die Idee des FDP-Abgeordneten Florian Toncar, den Bloomberg-Chefredakteur anzurufen und ihn mit dem Sachverhalt zu konfrontieren, war sie jedoch nicht gekommen. Roegele wirkte, zumindest in der Rückschau, paralysiert durch die Staatsanwaltschaft München.

Hier will Toncar einhaken. Er sagte dieser Zeitung: „Die Aussagen der Zeugen aus der Bafin, die wir in den letzten Tagen gehört haben, werfen allerdings auch ein sehr negatives Licht auf die Münchner Staatsanwälte: Sie waren es ja, die sich von Wirecard über seinen Anwalt Enderle eine Räuberpistole von einer angeblichem Erpressung Wirecards durch Journalisten der Agentur Bloomberg aufbinden ließen. Erst in den letzten Wochen des Untersuchungsausschusses ist so richtig klar geworden, wie bedeutsam diese Räuberpistole auch für das Leerverkaufsverbot gewesen ist. Ich bin mir noch nicht endgültig sicher, wie das Handeln der Staatsanwaltschaft München einzuordnen ist. Eine Möglichkeit könnte sein, dass der Ausschuss dazu auch noch einmal den Wirecard-Anwalt Enderle anhört.“

Toncar sagte im Hinblick auf die Fehler der Bafin: „Die Versäumnisse der Behörde waren in ihrer Summe einfach zu groß. Die Strafanzeigen gegen Journalisten auf Basis reiner Mutmaßungen und das Verbot von Leerverkäufen waren besonders folgenschwere Fehler, die die Wirecard-Führung für ihre kriminellen Machenschaften auszunutzen verstand.“ Toncar zollt Hufeld Anerkennung. Er habe „gezeigt, dass er ein Bafin-Präsident von Format war“. Viele „richtige Elemente der aktuellen Bafin-Reformen gehen auf seine Gedanken zurück, etwa die Fokusaufsicht über besonders risikoträchtige Unternehmen“.

Toncar empfand Hufeld „vor dem Ausschuss deutlich reflektierter“ als Roegele, die „sich total eingemauert“ habe. Hufeld dagegen habe „keinerlei Anzeichen von Selbstmitleid oder Verbitterung“ gezeigt, sondern „seine Dankbarkeit, diesem Staat eine Zeit lang dienen zu können“ ausgedrückt. Toncar: „Das hatte Stil.“ Kay Gottschalk von der AfD kritisierte Roegele ebenfalls und warf ihr vor, „in den entscheidenden Stunden die betreffenden Fachspezialisten nicht beteiligt“ zu haben: „Sie wollte anscheinend einfach einmal vor der Welle sein und die Kriminellen vorher stoppen.“ Auch Cansel Kiziltepe von der SPD hat den Eindruck, dass Hufeld, anders als Roegele, „Lektionen aus dem Fall Wirecard zu ziehen“ schien. Kiziltepe sieht „Compliance-Schwächen“ im ganzen System, „nicht nur in der Bafin und bei der APAS“, sondern „auch deutlich im Bundestag“.

Spät in der Nacht zum Samstag trat noch die frühere Assistentin von Markus Braun auf. Sie gab zu Protokoll, dass auch die Herrn Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge gern gesehene Gäste in Aschheim waren, als das Unternehmen noch auf dem scheinbar unaufhaltsamen Aufstieg zu einem Weltkonzern zu sein schien.