Keinen guten Eindruck hinterließen die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young (EY) bei den Abgeordneten des Wirecard-Untersuchungsausschusses am Freitag. Vor allem der scheidende Deutschlandchef Hubert Barth erregte den Unmut der Abgeordneten: Er hielt einen pathetischen Vortrag über das große Unglück, das in Form von Wirecard über seine über jeden Zweifel erhabenen Mitarbeiter hereingebrochen sei. Im Singsang einer Sonntagspredigt sagte Barth, man sei Opfer, hätte nichts vorhersehen können und müsse sich daher folglich jetzt auch nichts vorwerfen.

Sein Kollege Christian Orth, Wirtschaftsprüfer und Leiter der Qualitätssicherung bei EY, stieß ins selbe Horn und sagte Sätze wie: „Ein zweites Wirecard können wir uns nicht leisten“, oder: „Sie sehen mich hier so ein bisschen zerknirscht.“ Während Orth wenigstens an einigen Punkten konkret wurde, spielte Barth die Unschuld vom Lande. Für die Abgeordneten war das Verhalten besonders misslich, weil EY zunächst wegen der Verschwiegenheit die Aussage verweigert hatte. Als der BGH die Wirtschaftsprüfer schließlich verpflichtete zu sprechen, war wertvolle Zeit vergangen. EY hatte umfangreiche Unterlagen beim Ausschuss deponiert, allerdings ohne bei der Strukturierung zu helfen.

Das Verhalten stieß auf Unverständnis, zumal EY durchaus auch für sich in Anspruch nehmen kann, bestimmte Unregelmäßigkeiten bei der Kreditvergabe der Wirecard Bank aufgezeigt und die Kritik am übergriffigen Verhalten der Manager der Wirecard AG auf die Entscheidungen der Wirecard Bank frühzeitig formuliert zu haben. Weil aber insbesondere Barth so tat, als bekäme er die meisten Namen und Vorgänge beim Ausschuss zum ersten Mal zu hören, nährten die EY-Manager den Verdacht, dass sie etwas zu verbergen hätten.

Ungeklärt blieben zahlreiche Beratungsleistungen, die EY in Rechnung stellte. Ungeklärt blieb jedoch vor allem der Vorwurf, dass EY versucht haben soll, die vom Wirecard-Aufsichtsrat eingesetzte Sonderprüfung durch die KMPG zu torpedieren. So hatte Aufsichtsratschef Eichelmann tags zuvor berichtet, dass es Bestrebungen gegeben habe, ein uneingeschränktes Testat bei EY zu erwirken und gleichzeitig den Sonderbericht abzuschießen.

Ungeklärt blieb in diesem Zusammenhang die Rolle des EY-Beraters Dahmen, von dessen Aktivitäten dem Ausschuss eine durchaus mehrdeutige E-Mail-Konversation vorliegt. Ebenso ungeklärt blieb die Rolle des EY-Beraters Georg Fichtelberger, der nach Aktenlage über einige seltsame Machenschaften bei Wirecard Bescheid gewusst hatte, wie etwa die Änderung eines Namens. So soll Fichtelberger gewusst haben, dass Henry O’Sullivan, Freund und Geschäftspartner von Jan Marsalek, nicht unter seinem echten Namen, sondern mit einem fingierten Namen in den Akten geführt werden wollte. So heißt es in einer E-Mail der Rechtsberaterin des Aufsichtsrats an das Wirecard-Management: „Wie gestern besprochen sollte fürderhin ein Codename verwendet werden, und zwar für alle weiteren E-Mails und sonstigen Referenzen. Vorschlag: ,Frau Corinna Müller‘.“

Der FDP-Abgeordnete Florian Toncar sagte zu der EY-Einvernahme: „Die Testate von EY waren neben dem Leerverkaufsverbot der BaFin und dem Vorgehen der Aufsicht gegen Wirecard-Kritiker der zentrale Grund, warum viele Investoren immer wieder auf Wirecard gesetzt haben. EY hat zu wenig getan, um die Existenz der enormen Guthaben auf Treuhandkonten zu bestätigen. Wirecard ist es leichtgefallen, EY mit oberflächlichen oder gleich komplett gefälschten Informationen in die Irre zu führen. Es sieht aber mehr nach menschlichem Versagen im konkreten Fall Wirecard als nach einem systematischen Problem der gesamten Wirtschaftsprüferbranche aus.“

Die SPD-Abgeordnete Cansel Kizitepe sagte: „EY ließ sich nicht nur mit Blumen und Dinnereinladungen vom Wirecard-Management bezirzen, sondern auch mit lukrativen Beraterverträgen. EY hatte offensichtlich an mehreren Zeitpunkten erhebliche Zweifel an Wirecard. Doch am Ende gab es immer wieder lupenreine Testate. Die zuständigen Prüfer ließen sich offenbar mit ein paar schmackhaften Beraterverträgen blenden. EY hat hier noch erheblichen Erklärungsbedarf.“ Und weiter: „Der Ex-Deutschlandchef von EY will keinen Schimmer über die Vorgänge beim größten Bilanzbetrug eines Dax-Konzerns gewusst haben. In die entscheidenden Krisengespräche bei Wirecard und den Aufsichtsbehörden war er jedoch involviert. Er konnte auch nicht einmal beispielhaft sagen, ab wann eine Partyeinladung an und von Prüflingen problematisch ist. Was sagt es über ein Unternehmen aus, wenn der Chef die Compliance-Regeln nicht zu kennen scheint?“

Irritiert waren die Abgeordneten weniger von möglichen Verstrickungen von EY, sondern von der Tatsache, dass Hubert Barth auch nach so vielen Monaten und der Insolvenz den Eindruck zu erwecken suchte, er wäre zu hoch in der Hierarchie angesiedelt, um über Details Bescheid geben zu können. Der Linke Abgeordnete Fabio De Masi konterte diesen Versuch mit der sarkastischen Aussage: „Genau das ist das Problem von EY.“