„Herr Michelbach, ich muss Sie enttäuschen. Die 1,9 Milliarden werden wir nicht finden. Die sind erfunden.“ Zum Abschluss der Wirecard-Zeugenvernehmung vor dem Untersuchungsausschuss sorgt am späten Dienstagabend die Münchner Oberstaatsanwältin Hildegard Bäumler-Hösl für Ernüchterung beim CSU-Politiker Hans Michelbach. Bäumler-Hösl macht klar, dass es sich aus den der Staatsanwaltschaft vorliegenden Erkenntnissen in erster Linie um einen Bilanz-Betrug handelt. Auch Geldwäsche ist im Spiel. Bäumler-Hösl, die sich nach eigener Aussage „seit Jahren in der Freizeit“ mit Wirecard beschäftigt hat, ohne dem Verbrechen auf die Spur kommen zu können, sagt auf die Frage von FDP-Mann Florian Toncar: „Wir haben im Geldwäsche-Bereich auch verschiedene Verfahren, die in einem Bereich gebündelt sind.“ Dazu gehört unter anderem der Oligarch Firtasch. Doch das Geld sei nicht von außen eingespeist worden, sondern habe sich im Kreislauf von Krediten und Anleger-Geldern bewegt.

In erster Linie gehe es um Bilanzmanipulationen und Untreue. Bäumler-Hösl sagt nach ihrer Anhörung, dass es noch Jahre dauern werde, bis es erste Urteile geben wird. Allerdings hofft sie immer noch, den Hauptverdächtigen Jan Marsalek noch zu fassen. Sie sagt zum SPD-Abgeordneten Jens Zimmermann: „Also zum Aufenthaltsort von Marsalek kann ich ihnen sagen: Wir sind wirklich dran, und wir kriegen ihn irgendwann.“ Es gibt zahlreiche Beschuldigte, die allerdings alle nicht in Deutschland wohnhaft sind. 

Zuvor hatte der Staatssekretär im Bundesfinanzministerium (BMF), Rolf Bösinger, für Irritationen bei den Abgeordneten gesorgt: Er hatte beteuert, dass das Ministerium die Unabhängigkeit der Geldwäsche-Einheit FIU selbstverständlich achte. Doch überraschender Weise erzählte er dann plötzlich von einer 34. Geldwäscheverdachtsmeldung, während FIU-Chef Christof Schulte unmittelbar zuvor nur von 33 Meldungen gesprochen hatte. Eine vom August 2019 konnte erst im Februar 2021 dem Wirecard-Komplex zugeordnet werden. Die eigentlich zuständige FIU wusste wenige Minuten vor Bösingers Auftritt noch nichts von dieser Meldung. Der Spitzenbeamte Fritz vom Ministerium, der zwischenzeitlich immer wieder einzuschlafen drohte, war jedoch zum richtigen Zeitpunkt wieder wach, sprang seinem Staatssekretär zur Seite und versuchte, den Sachverhalt aufzuklären. Hans Michelbach protestierte und rief: „Ich lege Wert darauf, dass wir hier nicht manipuliert werden.“

Bäumler-Hösl sagte, eine andere Commerzbank-Verdachtsmeldung sei „elementar“, und habe der Staatsanwaltschaft neue Erkenntnisse verschafft. Schulte, der Geldwäscheaufspürer,  hatte zur Überraschung der Abgeordneten erklärt: „Es war ganz und gar keine Geldwäsche-Betrug. Es gab kein zu waschendes Geld.“ Der Abgeordnete Toncar erbost: „Ich bin sprachlos. Da nimmt jemand Geld von den Banken, bringt das so in Umlauf, dass niemand mehr nachvollziehen kann, woher das kommt – und dann sitzt hier der Leiter der FIU und sagt, da gab es keine Geldwäsche?“  Schulte verteidigt sich nicht, sondern sagt: „Wenn das so zutrifft, wie Sie es sagen und die Justiz zu diesem Schluss kommt, dann war es so. An den Meldungen war es nicht zu erkennen.“

Auf die Frage der Grünen Lisa Paus, wann denn die FIU als zuständige Behörde erkenne, dass es sich um Geldwäsche handelt, sagte Schulte: „Ich bedaure, dass ich das nicht sagen kann, weil ich den von der AG erarbeiteten Kriterienkatalog jetzt leider nicht auswendig parat habe.“ Schulte, der die FIU bald verlassen wird, sagte außerdem Sätze wie: „Unser Erkenntnishorizont endet auch an einer bestimmten Stelle.“ Oder: „Es ist Ergebnis dieser Aufarbeitung, dass künftig proaktiver gearbeitet wird.“ Auf die Fragen nach den beiden in New York verurteilten Managern Ruben Weigand und Ray Akhavan, hinter denen die US-Ermittler wegen Geldwäsche her sind, antwortete Schulte: „Das sagt mir jetzt nichts.“ Bäumler-Hösl hatte zuvor beschrieben, was die FIU eigentlich tun müsse, damit sie als Staatsanwältin ermitteln könne: „Die FIU ist für uns wichtig, weil die bringt das Fleisch an die Knochen, wie wir sagen. Die FIU hat eine massive Filter-Funktion.“ Bei Wirecard hatte der Filter die Wirkung, dass nur zwei Meldungen von 33 (oder 34?) zur Staatsanwaltschaft gelangten, eine davon mit anderthalb Jahren Verspätung.

Der CDU-Abgeordnete Matthias Hauer erregte sich über Staatssekretär Bösinger. Dieser hatte in blumigen Worten und mit unendlich vielen leeren Hülsen erklärt, wie aufklärungswillig sein Ministerium sei – nachdem ihm die Abgeordneten im Vorfeld der Sitzung vorgeworfen hatten, Dokumente manipuliert zu haben, um dem Parlament Informationen vorzuenthalten. In der Sitzung widersprach Bösinger dieser Behauptung und legte dar, dass er nichts aus den Dokumenten habe verschwinden lassen. Allerdings musste er einräumen, dass er wichtige Informationen in einem internen Dokument durch geschickte Verschiebungen schwer auffindbar gemacht hatte. Hauer genervt: „Das ist der blanke Hohn! Wenn Sie hier sagen, dass das BMF zur Aufklärung beigetragen habe.“ Bösinger lieferte Sprüche wie: „Das geht die Hühnerleiter nach oben, und geht wieder nach unten.“ Oder keck: „Das entzieht sich meiner Kenntnis, aber Sie haben sicher etwa in der Hinterhand, was Sie mir gleich vorlegen werden.“

Dem vermutlich letzten Zeugen-Hearing fehlte es etwas an Dynamik, was auch daran lag, dass der stets messerscharf argumentierende und unerbittlich nachbohrende Linke Fabio De Masi abwesend war und mit Bernd Riexinger einen steinernen Gast als seinen Vertreter geschickt hatte. Es gab das Gerücht, De Masi habe sich aufgemacht, um Jan Marsalek auf eigene Faust zu jagen. 

Zum Ende der Sitzung musste der Vorsitzende Kay Gottschalk den Vorsitz räumen. Er wurde wegen einer Corona-Impfung durch schwere Fieberschübe niedergestreckt und war auch noch tags darauf bettlägerig.