Neue Strategie: Soll Deutschland jetzt auch chinesische Rohstoffe verbannen?

Kanzler Scholz will die Abhängigkeit der deutschen Wirtschaft von China verringern. Zuerst würde es die kritischen Rohstoffe treffen – auch für Elektromotoren.

Magnesium-Radnaben für Elektroautos stehen in einer Werkstatt der Dongfeng Magnesium Co., Ltd. in Shenmu City, Provinz Shaanxi im Nordwesten Chinas.
Magnesium-Radnaben für Elektroautos stehen in einer Werkstatt der Dongfeng Magnesium Co., Ltd. in Shenmu City, Provinz Shaanxi im Nordwesten Chinas.dpa/XinHua

Olaf Scholz reist am Donnerstag zu einem Antrittsbesuch nach Peking, aber eigentlich wird es für ihn eine Feuertaufe. Der Druck auf den Bundeskanzler, der nach Auffassung der politischen Konkurrenz wegen seiner Umgänglichkeit mit dem chinesischen Staatskapitalismus beim Cosco-Deal „ein China-Problem hat“, ist von allen Seiten immens.

So fordert die Grünen-Außenministerin Annalena Baerbock von ihm „eine neue Chinastrategie“. Scholz müsste in Peking die Bedeutung von Menschenrechten, Völkerrecht und fairen Wettbewerbsbedingungen verdeutlichen. Die FDP wünscht sich „eine härtere Gangart gegenüber China“. Und selbst der SPD-Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier fordert, dass „einseitige Abhängigkeiten verringert werden“. „Einseitige Abhängigkeiten müssen wir rasch abbauen“, fordert auch der Präsident des Verbandes der deutschen Industrie (BDI), Siegfried Russwurm. Doch wo bestehen diese einseitigen Abhängigkeiten?

Bundeskanzler Olaf Scholz kündigt vor seiner China-Reise einen Kurswechsel gegenüber Peking an. Bei seinem Besuch will er mit Chinas Präsident Xi Jinping auch über „schwierige Themen“ sprechen. 
Bundeskanzler Olaf Scholz kündigt vor seiner China-Reise einen Kurswechsel gegenüber Peking an. Bei seinem Besuch will er mit Chinas Präsident Xi Jinping auch über „schwierige Themen“ sprechen. dpa/Kay Nietfeld

Deutschland ist vor allem bei Rohstoffen von China abhängig

Die Auslandshandelskammer (AHK) China, die als offizielle Vertretung der deutschen Wirtschaft in China, Hongkong und Taiwan gilt, unterscheidet zwischen Abhängigkeiten im Handel, bei Lieferketten und bei Märkten. Wenn Deutschland seine wirtschaftliche Abhängigkeit von China verringern möchte, müsste es mit den Importen von chinesischen Rohstoffen anfangen, lässt sich aus einer Antwort des geschäftsführenden Vorstandsmitglieds an der AHK China, Jens Hildebrandt, schließen. Denn bei der Beschaffung der Rohstoffe sei Deutschland – wie viele andere Länder – „einseitig von China abhängig“, so Hildebrandt.

Diese Rohstoffe gelten als kritische Güter. Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln werden in Deutschland 45 Prozent der Seltenen Erden aus China importiert: Yttrium, Scandium oder Lanthan –und darüber hinaus noch die Mineralstoffe Magnesium, Zement, Graphit, Fluorid und Lithium. Beim Magnesium, das für den Automobil- und Flugzeugbau dringend notwendig ist, liegt die Abhängigkeit sogar bei über 50 Prozent vom gesamten Verbrauch. Da Deutschland und die EU kaum eigene Magnesiumvorräte haben, forderte der Verband Wirtschaftsvereinigung Metalle bereits vor einem Jahr die Bundesregierung auf, diplomatische Gespräche mit China aufzunehmen, um die Versorgung der deutschen Industrie mit diesem Leichtmetall zu sichern. Genügend Alternativen zu China als dem weltgrößten Magnesiumproduzenten gibt es kaum. Der Abstand anderer Länder zu China ist riesengroß.

Magnesiumsulfat im Bergwerk. Der Magnesium-Markt wird von China kontrolliert.
Magnesiumsulfat im Bergwerk. Der Magnesium-Markt wird von China kontrolliert.

Beim Zement sind die deutschen Unternehmen ebenfalls fast zu 40 Prozent von China abhängig. Der chinesische Anteil der Rohstoff-Weiterverarbeitung liegt hierzulande bei Lithium und Kobalt zwischen 50 und 70 Prozent. Auch 65 Prozent der Rohstoffe für Elektromotoren werden in die EU laut einer Analyse der EU-Kommission aus China importiert. Bei Windturbinen und Fotovoltaik-Anlagen ist China mit über 50 Prozent Anteil führend bei den Rohstoffzulieferungen in die EU. Wenn der BDI-Präsident also im Namen der deutschen Industrie auf dem Abbau der einseitigen Abhängigkeiten besteht, muss er auch in Kauf nehmen, dass die Alternativen für deutsche Industrieunternehmen teurer werden. Denn deutsche Rohstoffimporteure wählen mit China bisher nicht nur den weltgrößten, sondern auch den günstigsten Importeur.

„Generell betrachtet sind wir gegenseitig voneinander abhängig“

Daher exportiert Deutschlands Handelspartner Nummer eins derzeit rund 37 Prozent mehr Waren nach Deutschland als umgekehrt: 2021 in einem Wert von 142,4 Milliarden Euro gegenüber 103,7 Milliarden Euro. Bei den deutsch-chinesischen Direktinvestitionen fällt ein größeres Ungleichgewicht auf: Die Deutschen haben laut Bundesbank bis 2020 fast 90 Milliarden Euro in China investiert, die Chinesen in Deutschland nur neun Milliarden Euro – mit dem Unterschied, dass es meist Staatsunternehmen sind.

Die in China investierenden Konzerne wie BASF oder Volkswagen weisen den Vorwurf der Abhängigkeit zurück: Es geht ihnen um die starke Wettbewerbsposition weltweit und den Ausgleich der schrumpfenden Geschäfte in Deutschland durch den größten Absatzmarkt. Sie betonen im Einklang: Sie würden in China auch nichts für den europäischen Markt produzieren, was in Europa und Deutschland nicht ankäme, falls sie in China Lieferketten- oder andere Probleme bekämen. Alle Waren würden in China bleiben, die Gewinne aber teils auch nach Deutschland fließen.

„Generell betrachtet sind Deutschland und China gegenseitig voneinander abhängig“, betont die AHK China vor diesem Hintergrund. Die beiden Länder beliefern sich gegenseitig mit Elektrogeräten, Maschinen und Apparaten. Die chinesischen Autos gewinnen langsam auch die deutschen Straßen für sich. „China und Deutschland sind wirtschaftlich tief miteinander verwoben. Die chinesische Wirtschaft ist keinesfalls autark, sondern ist mit ihrem Exportfokus ebenfalls auf ausländische Absatzmärkte angewiesen“, verweist AHK-Mann Jens Hildebrandt. Laut dem Premierminister Li Keqiang hängen 70 Prozent des produzierenden Gewerbes in China von Importen aus dem Ausland ab. Aus Deutschland sind vor allem Hightech-Erzeugnisse wie Mess- und Prüfinstrumente für China unverzichtbar. Die Wirtschaftsverbände raten der Politik deswegen davon ab, in den Handel mit Fertigprodukten einzugreifen.

Deswegen hat sich der Bund bereits im Juli dieses Jahres das Ziel gesetzt, vorerst die Abhängigkeit von den chinesischen Rohstoffen abzubauen – auf Dauer. Neue Lieferanten von Seltenen Erden müssen laut Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gefunden und „unsere politischen und wirtschaftlichen Beziehungen neu justiert werden“. Das Problem wurde damit erkannt. Ob auch Lösungen gefunden werden?

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