Berlin - Europa erlebt derzeit eine Flüchtlingskrise. Hunderttausende Menschen verlassen ihre Heimat auf der Flucht vor Krieg, Verfolgung, Hunger und Armut. Europäische Politiker sehen sich und ihre Länder oft als Leidtragende. Doch Ursache der Massenflucht sind „hunderte von Jahren der ungleichen Entwicklung in der reichen Welt, die einen Großteil der restlichen Welt hinter sich gelassen hat“, sagte am Montag der Ökonom Angus Deaton. Dieses Jahr erhält der gebürtige Schotte den Wirtschaftsnobelpreis für seine „Analyse des Konsums, der Armut und der Wohlfahrt“, teilte die Schwedische Akademie der Wissenschaften am Montag mit.

Kein echter Nobelpreis

Der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ist eigentlich kein echter Nobelpreis. Er wurde erst 1968 von der Schwedischen Reichsbank gestiftet und ist mit acht Millionen schwedischen Kronen (rund 850.000 Euro) dotiert. Vergeben wird er von der Schwedischen Akademie der Wissenschaften, die bei ihrer Wahl oft aktuelle politische oder ökonomische Probleme berücksichtigt. Dieses Jahr sind dies Konsum, Armut und Verteilung. Der Anruf der Jury erreichte Deaton mitten in der Nacht. „Ich war ganz schön verschlafen“, sagte der britisch-amerikanische Forscher.

Eines seiner Kernthemen ist der Konsum und sein Verhältnis zum Einkommen. In den achtziger Jahren legte er sich die Frage vor, wie viel Haushalte für bestimmte Waren ausgeben – zum Beispiel für Nahrungsmittel oder Kleidung. Diese Nachfrage schwankt, je nach Einkommenshöhe und Warenpreisen. Wie diese Schwankungen ausfallen, ist keine akademische Frage , sondern hat praktische Bedeutung – etwa wenn eine Regierung die Mehrwertsteuer erhöht und wissen will, welche sozialen Gruppen profitieren und welche verlieren.

„Almost Ideal Demand System“

Die in den 60er und 70er Jahren vorherrschenden Modelle scheiterten stets daran, die Folgen von Preis- oder Einkommensveränderungen auf die Konsummuster zu erklären. Diese Problem lösten Deaton und sein Kollege John Muellbauer mit ihrem „Almost Ideal Demand System“, das „nach 35 Jahren heute zum Standardinstrument zur Untersuchung der Folgen wirtschaftspolitischer Entscheidungen“ ist, so die Schwedische Akademie.

In den neunziger Jahren ging Deaton weiter. Denn sein System ging von einem gegebenen Niveau der Gesamtausgaben aus. Tatsächlich aber schwankt dieses Niveau – jeder Haushalt entscheidet stets, wie viel er in den Konsum steckt und wie viel er spart. Aber wie hoch ist der Anteil der Ausgaben in bestimmten Perioden und was bestimmt ihn?

Die ökonomische Wissenschaft zu jener Zeit behalf sich mit dem Konstrukt des „repräsentativen Konsumenten“, der sich wie der Durchschnitt aller Konsumenten verhält. Doch auch dies entspricht nicht der Realität. Deaton dagegen untersuchte nicht Makrodaten zum gesamtgesellschaftlichen Konsum, sondern Daten auf der Ebene individueller Haushalte. Die zeigten, dass die Einkommen einzelner Haushalte ganz anders schwanken als der gesamtgesellschaftliche Durchschnitt – denn wenn einige Haushalte reicher werden, werden andere ärmer. Mit seinen Ergebnissen kam er zu einem sehr viel realistischeren Bild davon, wie und warum Haushalte mehr oder weniger ausgeben oder sparen.

Bei der Nobelpreisverleihung lobte die Schwedische Akademie auch Deatons Arbeit zu Armut und Entwicklung. Hier konzentrierte sich der in Princeton lehrende Ökonom ebenfalls auf empirische Daten auf Haushaltsebene. So kritisierte er das Konzept, Armut in „Ausgaben pro Kopf der Bevölkerung“ zu definieren, als zu pauschal und forderte den Aufbau umfassender Datenbanken zur Situation individueller Haushalte. Damit hat er die Wissenschaft verändert. Früher war „die Entwicklungsforschung zumeist theoretisch“, lobte die Schwedische Akademie. „Heute ist sie ein wachsendes Feld empirischer Forschungen, die auf der genauen Analyse der Daten individueller Haushalte basiert.“

In einem Aufsatz warnte Deaton jedoch davor, wirtschaftliche Entwicklung und die Beseitigung von Armut als ein technisches Problem zu sehen, das durch Experten gelöst werden könne. Tatsächlich handele es sich auch um ein politisches Problem. „Allerdings“, so Deaton, „wäre es zu optimistisch wenn man glaubte, dass Demokratie und Rechte allein zu Wachstum und Wohlfahrt führen.“