Wirtschaftswachstum: Pole Position für Berlin

Ein Dax-Konzern ist es zwar nicht, aber wieder verlagert ein Unternehmen seine Aktivitäten nach Berlin. Wayfair, nach eigenen Angaben der größte US-Onlinehändler im Bereich Haus&Garten, gab jetzt bekannt, sein Deutschland-Geschäft von München nach Berlin zu verlagern. Ein Gewinn für die Berliner Wirtschaft, die sich ohnehin gerade gut schlägt: Beim Wirtschaftswachstum im ersten Halbjahr 2012 lag Berlin ganz vorn und übertraf alle anderen Bundesländer zum Teil deutlich.

Für das gesamte Jahr erwartet die Investitionsbank Berlin (IBB) ein Wachstum in der Hauptstadt von 1,5 Prozent, das damit doppelt so stark ausfallen könnte wie für Deutschland insgesamt. Woher kommt der Aufschwung, wie lange hält er, wer profitiert, wo sind die Schwachstellen – eine Analyse.

Euro-Krise: Während sie ganze Volkswirtschaften abstürzen lässt, erweist sich Berlin als robuster Standort. Denn die Wirtschaftskrise, so die Ökonomen der IBB, habe Berlin in einer „Position der Stärke“ getroffen. Die Industrie hatte den Einbruch aus den Jahren 2008/09 bereits ein Jahr später wieder aufgeholt. Die günstige Entwicklung bei den realen

Lohnstückkosten, hochwertige Produkte und eine Neustrukturierung der Produktionsprozesse trugen dazu bei, die Wettbewerbsposition der Berliner Unternehmen zu stärken. Da der Exportanteil geringer ist als im Bundesschnitt, trifft Berlin auch die eingetrübte europäischen Konjunktur weniger stark. In die Problemländer Italien, Spanien, Portugal, Griechenland sowie Irland gehen nur acht Prozent der Berliner Ausfuhren.

Dagegen ist der Anteil der expandierenden Brics-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) doppelt so hoch. Die geringere Exportkraft ist in Zeiten des boomenden Welthandels ein Nachteil. Immerhin nahm die Ausfuhr Berliner Firmen in den ersten sieben Monaten um zehn Prozent zu.

Konjunkturstützen: Das sind Dienstleister, Handel, Bau und Tourismus. Laut IBB wirken der positive Beschäftigungstrend, steigende Löhne und vor allem der durch die Touristen wachsende Konsum stabilisierend. Davon würden Firmen wie die Möbelbranche und Unterhaltungselektronik profitieren. Im Verarbeitenden Gewerbe dagegen leiden Hersteller von Investitionsgütern derzeit unter Auftragsrückgängen. Der Umsatz in der Industrie sank von Januar bis Juli um mehr als fünf Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

Tourismus: Finanzkrise hin oder her – die Touristen kommen trotzdem. Im Vorjahr ließen sie mehr als zehn Milliarden Euro in der Stadt. Jetzt wird mehr erwartet: Die Zahl der Übernachtungen lag in den ersten sieben Monaten bei 13,8 Millionen – ein Zuwachs von gut elf Prozent. Im August gab es mit mehr als einer Million Gäste einen Besucherrekord. Einer der Gründe, weshalb der Einzelhandel im gleichen Zeitraum real ein Prozent mehr umsetzte. Nur sieben Prozent der Unternehmer im Gastgewerbe sind mit ihren Geschäften nicht zufrieden.

Bauwirtschaft: Die Nachfrage nach Wohnungen in Berlin steigt, und am Pannenobjekt Flughafen BER wird noch ein Jahr lang gebaut. Das stimuliert die Baubranche. Zwar ging in den letzten Monaten etwas an Dynamik verloren, aber bis Ende Juli verzeichneten öffentlicher Bau und Wohnungsbau ein Plus von 28 beziehungsweise 24 Prozent zum Vorjahr. In Berlin stieg nach Angaben des Bauindustrieverbandes von Januar bis Juli die Zahl der Baugenehmigungen für Mehrfamilienhäuser um 51,3 Prozent. Gleichzeitig sinken jedoch die Aufträge im Wirtschafts- und Straßenbau.

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Kreativwirtschaft: Berlin ist die Gründermetropole in Europa und zieht nach wie vor junge, kreative Menschen an – siehe Wayfair. Gleichzeitig fließt viel Kapital, auch aus dem Ausland, in junge Unternehmen. Die Sparte IT/Medien/Kreativwirtschaft wächst stetig. In dem Cluster sind knapp 30 000 Firmen tätig, die mehr 22 Milliarden Umsatz erwirtschaften.

Arbeitsmarkt: Berlin hat immer noch die höchste Arbeitslosenquote aller Bundesländer, auch unter Jugendlichen. Dennoch nahm die Beschäftigung überproportional zu. Mitte des Jahres gab es fast 41.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte mehr als ein Jahr zuvor. Das ist ein Anstieg um 3,5 Prozent, mehr als in jedem anderen Bundesland. Auch wenn ein Gutteil der neuen Jobs von außerhalb besetzt wird, profitieren auch die Berliner von der Zunahme der Beschäftigung. Seit 2004 nimmt die Zahl der Erwerbstätigen stärker zu als im Bundesdurchschnitt.

Trend: IBB und IHK erwarten, dass sich die Konjunktur in Berlin weiter positiv entwickelt. Die IBB schätzt, dass 2013 sogar ein Wirtschaftswachstum von zwei Prozent möglich ist. Allerdings unter mehreren Bedingungen: Etwa, dass sich der Tourismus weiter stark entwickelt, das überdurchschnittlicher Wachstum der unternehmensnahen Dienstleister anhält und die Schuldenkrise in Europa eingedämmt wird. Dann könnte die Berliner Wirtschaft auch 2013 stärker wachsen als Deutschland insgesamt.