Er ist der Neue in Adlershof: Mit dem Jahreswechsel hat Roland Sillmann die Führung der Wista Management GmbH übernommen. Die betreut nicht nur den Hightech-Standort Adlershof, sondern ist auch für die Entwicklung des künftigen Technologieparks Tegel zuständig – wenn der Flughafen einmal geschlossen ist. Auch das Charlottenburger Innovations-Centrum CHIC, in dem wir uns treffen, gehört in den Verantwortungsbereich des 45-jährigen Managers. Dutzende junge, kreative Firmen sind dort angesiedelt.

Herr Sillmann, wie fühlt man sich als heimlicher oberster Wirtschaftsförderer Berlins?

Ich möchte nicht behaupten, dass ich dies bin. Es gibt in Berlin etliche Wirtschaftsförderer, die auch gut zusammenarbeiten. Es ist eine schöne und wichtige Aufgabe, die Stadt in diesem Bereich voranzubringen. Dafür braucht es einen langen Atem, das geht nicht über Nacht. Aber es gibt einem ein gutes Gefühl.

Machen Sie sich nicht zu klein: Sie führen über die Gesellschaft Wista den Hightech-Standort Adlershof, Sie sind für die Entwicklung des künftigen Technologieparks Tegel zuständig. Das sind Standorte, die die Wirtschaftsentwicklung in Berlin der nächsten Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, prägen werden.

Das ist richtig, und ich denke, wir sind uns der hohen Verantwortung bewusst. Wir sind ja Vermittler, quasi Kulturmanager.

Kulturmanager?

Wir bringen Kulturen, Sichtweisen und Stärken verschiedener Bereiche zueinander. Am Hightech-Standort Adlershof haben wir beispielsweise Unternehmertum und Wissenschaft zusammengeführt. Im Charlottenburger Innovations-Centrum geht es eher darum Kreativität, vor allem aus der Universität der Künste, mit Technologie, aus der Technischen Universität, zu verbinden. Die meisten Innovationen heutzutage entstehen interdisziplinär, damit hat man extrem gute Marktchancen.

16.000 Arbeitsplätze

Im Hightech-Park Adlershof sind mittlerweile mehr als 1000 Firmen angesiedelt. Eine uneingeschränkte Erfolgsgeschichte?

Es gibt weltweit keine uneingeschränkte Erfolgsgeschichte. Insofern macht Adlershof keine Ausnahme, aber zu 99 Prozent ist Adlershof ein Erfolg.

Abgesehen vom Absturz der Solarindustrie, die den Standort mit Insolvenzen traf.

Da konnten wir uns nicht den äußeren Gegebenheiten entziehen, also dem Vormarsch der chinesischen Solarbranche. Aus der Blütezeit der Branche ist in Deutschland nur noch ein großes Unternehmen übriggeblieben. Aber was in den vergangenen Jahren alles in Adlershof aufgebaut wurde – da wurden die Möglichkeiten fast perfekt genutzt. Es ist ein neuer Stadtteil mit über 16.000 Arbeitsplätzen und vielen neuen Wohnungen entstanden.

In Tegel soll nach dem Flughafen ein Hightech-Park für urbane Technologie entstehen. Welche Erfahrungen übernehmen Sie aus Adlershof?

Ich greife eine Sache heraus. Wir haben in Adlershof viele Erfahrungen gemacht, wie man den Standort als Marke etablieren kann. Das wird in Tegel noch wichtiger werden. Gerade für junge Unternehmen ist es relevant, dass sie eine Art Markendach bekommen, unter das sie schlüpfen können, solange sie noch nicht so bekannt sind. Ein großer Autozulieferer würde nicht bei einem Unternehmen einkaufen, das noch keine Historie, keine Marke, keine großen Referenzen hat. Wenn das kleine Unternehmen aber an einem Marken-Standort sitzt, wird es schon einfacher. Da gibt es einen Vertrauensvorschuss.

In Adlershof sind Sie in der Förder- und Ansiedlungspolitik nicht von Zuschüssen aus der Politik abhängig, sondern haben unter anderem einen eigenen Zugang zum Finanzmarkt. Wird das auch in Tegel so sein?

In Adlershof konnten und können wir über Grundstücke verfügen oder verwalten sie treuhänderisch für das Land Berlin. Wir können selbst Kredite aufnehmen. Entscheidungen werden mit dem Aufsichtsrat besprochen und sind nicht an parlamentarische Debatten gebunden. Damit sind wir von politischen Ereignissen und Legislaturperioden weitgehend unabhängig. Das Modell hat sich bewährt und sollte so auch in Tegel angewendet werden.

Wie zu hören ist, sollen künftig zwei Senatsressorts für die Entwicklung von Standorten zuständig sein, Wirtschaft (derzeit CDU) und Stadtentwicklung (derzeit SPD). Ist das sinnvoll?

Als Unternehmer würde ich sagen, es ist immer besser, wenn es eine klare Zuordnung gibt. In unserem Fall wäre es die Senatsverwaltung für Wirtschaft. Aber diese Frage wird natürlich von der Politik entschieden. Es wäre nur insgesamt für Ansiedlungen nicht förderlich, wenn innerhalb der Landespolitik eine Wettbewerbssituation geschaffen wird, in der Standorte miteinander um Firmen und Gelder rangeln.

"Möglichst viel Gewerbe und Industrie in Tegel ansiedeln"

In Berlin fehlen Tausende Wohnungen. Aber es gibt bald freie Flächen in Tegel, sofern der Flughafen BER wirklich startet. Was halten Sie von Überlegungen, dann in Tegel mehr Wohnungen als bisher geplant zu bauen und dafür weniger Gewerbe anzusiedeln?

Das halte ich nicht für sinnvoll. Wir sollten in Tegel möglichst viel Gewerbe, Industrie und Wirtschaft aufziehen. Das hat einen ganz einfachen Hintergrund: Jedes Jahr kommen jetzt 40.000 oder 50.000 Menschen nach Berlin. Unter der Annahme, dass ein Drittel davon Arbeitsplätze braucht, benötigt man eigentlich jedes Jahr ein neues Tegel oder Adlershof.

Aber wohnen müssen die Leute auch in der Stadt. Wenn man sich das gegenwärtige Tempo der Baugenehmigungen und des Wohnungsbaus anschaut, dann wird die Lücke zwischen Angebot an Wohnraum und Nachfrage derzeit eher größer.

Klar: Es muss mehr bezahlbare Wohnungen geben. Aber wir brauchen auch die Arbeitsplätze, von denen die Menschen leben und die Miete bezahlen können. Und es ist sicherlich nicht immer sinnvoll, dass die Leute erst anderthalb Stunden ins Umland fahren müssen, weil sich dort die Firmen angesiedelt haben. Zum modernen Leben gehört, dass man Wohnen und Arbeiten vereint.

Sie haben im Jahr 2007 selbst ein Start-up im Solarbereich gegründet. Das ist in der Szene fast ein halbes Leben her. Was unterscheidet heutige Start-ups von denen aus Ihrer Zeit?

Wir mussten bei unserem Start-up – Hightech im B2B-Bereich, also Produktion – damals eine Finanzierung von 100 Millionen Euro stemmen. Das ging ohne größere Probleme und auch noch über Banken. Wenn man das heute machen wollte, würde keine Bank mehr mitgehen. Die Investoren zielen heute eher auf B2C-Geschäfte ab, auf das Geschäft mit Konsumenten. Diese Szene gab es 2007 kaum. Ein weiterer Unterschied: Wir hatten damals sehr viel Berufserfahrung, als wir uns in das Wagnis der Firmengründung stürzten. Heute gibt es Gründer, die noch mitten im Studium oder kurz danach beginnen. Die Risikofreude ist viel höher, das finde ich sehr gut.

In Ihren Entwicklungsstandorten werden Hightech-Firmen angesiedelt. Treiben in zehn Jahren nur noch solche Firmen die Wirtschaft in Berlin an?

Zu einem Großteil ja. Wenn sich eine Hightech-Firma einmal für einen Standort entschieden hat, geht sie in der Regel von dort nicht mehr so schnell wieder weg. Weil sie sonst Gefahr läuft, ihre Fachkräfte, ihr Netzwerk, ihr Know-how zu verlieren. Das sind aber typischerweise keine Firmen, die Arbeitsplätze im hohen dreistelligen oder sogar vierstelligen Bereich aufweisen. Sondern es werden viele Firmen in Spezialgebieten sein mit möglicherweise nur 20 bis 50, manchmal vielleicht auch wenigen Hundert Arbeitsplätzen.