Alles könnte so einfach sein. Der Smartphone-Nutzer spaziert durch die Stadt und er kann dabei ständig mit Hochgeschwindigkeit Songs von seinem Musikdienst herunterladen. Selbst Live-Fernsehen ist bei einer Rast in einem Café kein Problem – denn die Internetverbindung wird über ein öffentliches WLAN-Netz hergestellt. Das geht fast von selbst. Einfach bei den Einstellungen des Smartphones das freie Netz antippen. Schon geht es los – ohne Passwort oder Registrierung und kostenlos.

Doch die schöne neue Welt mit frei verfügbaren Wireless Local Area Networks ist in Deutschland eine kühne Vision. Der Internetverband Eco spricht von einer WLAN-Wüste. „Öffentliche Zugänge fristen ein Nischendasein“, sagt auch Bernhard Rohleder, Hauptgeschäftsführer des Hightech-Verbandes Bitkom. Das bremse die „digitale Entwicklung“ im Land. Der Datenhunger der Nutzer wächst rasant, denn Smartphones und Tablets werden immer leistungsfähiger, und ständig kommen neue Apps mit immer aufwendigeren Anwendungen hinzu.

Auffallend geringe Zahl offener Hotspots in Deutschland

Durch eine Öffnung der Zugänge würden Breitband-Anschlüsse, die bei Firmen, Privatleuten und öffentlichen Einrichtungen ohnehin vorhanden sind, effizienter genutzt. WLAN-Netze gibt es jedenfalls genug, sie werden vor allem von Internetanbietern im großen Stil betrieben. Allein der Marktführer Deutsche Telekom betreibt rund 20000 öffentliche Hotspots. Doch da kommt man in der Regel nur als bezahlender Kunde des Anbieters und nach einer unpraktischen Anmeldung rein. Hinzu kommen bundesweit hunderttausende geteilte Zugänge: Wer sein privates WLAN für andere öffnet, darf sich auch bei fremden einklinken. Das gilt aber jeweils auch immer nur für die Klientel eines Anbieters.

Deutschland habe im internationalen Vergleich eine auffallend geringe Zahl offener Hotspots, betont Oliver Süme vom Vorstand des Internetverbandes Eco. Dieser zählte im vorigen Jahr 15000 solcher Sendeanlagen. Inzwischen sind es mutmaßlich zwar mehr als doppelt so viele geworden. Von rund 200000 freien Hotspots wie etwa in Südkorea oder in Großbritannien ist Deutschland aber immer noch weit entfernt.

Hauptgrund für den Rückstand ist eine gesetzliche Regelung, die es nur hier gibt: die Störerhaftung. Letztlich ist der Inhaber eines Internetanschlusses für alles verantwortlich, was mittels seines Zugangs gemacht wird. Das ist beim illegalen Herunterladen von Musik oder Filmen wichtig.

Kann der „Täter“, der ein fremdes Netz genutzt hat, nicht festgestellt werden, muss im schlimmsten Fall der Anschlussinhaber Strafen zahlen. Das schreckt viele Ladenbesitzer, Gastronomen und Hoteliers ab, barrierefreie und kostenlose Zugänge anzubieten. Zur Absicherung gibt es komplizierte Anmeldeprozeduren, die aber viele Nutzer abschrecken.

„Störerhaftung“ ersatzlos streichen?

Die Bundesregierung hat sich vorgenommen, das Hindernis Störerhaftung aus dem Weg zu schaffen. Doch die Experten im zuständigen Wirtschaftsministerium tun sich damit schwer. Inzwischen liegt eine zweite Version zur Reform der Bestimmungen vor. Derzeit wird in Brüssel geprüft, ob sie mit EU-Recht konform sind. Läuft alles glatt, könnte der Entwurf Ende September ins parlamentarische Verfahren gehen.

Aber es gibt von vielen Seiten massiv Kritik. Es sei mehr als fraglich, ob die neuen Regelungen eine stärkere WLAN-Nutzung im öffentlichen Raum bringen könnten, sagt etwa Rohleder. Hotspot-Betreiber sollen nun „angemessene Sicherungsmaßnahmen“ gegen den Missbrauch ihrer Internet-Zugänge ergreifen. An einer Registrierungspflicht oder die komplizierten Vergabe von Zugangscodes käme also immer noch keiner vorbei.

Auch für Christian Heise vom Förderverein Freie Netzwerke steht fest: Die geplanten Regelungen seien noch immer zu kompliziert und erhöhten die Verunsicherung zusätzlich. Seine einfache Forderung lautet: die Störerhaftung ersatzlos streichen. Insider vermuten, dass dann die Zahl der kostenlosen öffentlichen Zugangspunkte augenblicklich massiv in die Höhe schießen könnte.

Bis Ende des Jahres 100 Städte mit offenen WLAN-Netzen geplant

Stattdessen vollzieht sich der Ausbau auf kleiner Flamme. Viele Kommunen machen da mit. Zu den Motoren zählt auch der Kabelnetzbetreiber Unitymedia, der in Hessen, NRW und Baden-Württemberg aktiv ist. Vorige Woche wurde unter anderem in Köln gestartet, davor war schon Frankfurt dran.

Bis Ende des Jahres sollen die offenen WLAN-Netze in 100 Städten ausgerollt werden. „Nach einer einmaligen Anmeldung soll sich das Smartphone automatisch in ein Netz einwählen, so wie es sich zu Hause in das eigene WLAN einklinkt“, erläutert Unitymedia-Manager Christian Hindennach, der aber einräumt, dass es vor allem um einen kostenlosen Zusatzservice für Bestandskunden handelt.

Gäste sind gleichwohl herzlich willkommen, für die gelten aber Limits bei der Datenübermittlung, und die Übertragungsgeschwindigkeit wird gedrosselt. Das Problem der Störerhaftung wird dadurch gelöst, dass Unitymedia die Mobilfunknummern der Nutzer speichert, was von Datenschützern kritisiert wird.

Der Förderverein Freie Netzwerke hat indes ein ganz anderes Ausbau-Konzept entwickelt. Seine Mitglieder bieten mittlerweile bundesweit knapp 16000 offene Hotspots an. Die Störerhaftung wird dabei trickreich umgangen. Freifunker lassen sich bei der Aufsichtsbehörde Bundesnetzagentur als Internetanbieter registrieren, denn die sind von der Störerhaftung freigestellt. Das ist allerdings ein mühsames bürokratisches Unterfangen. Oder sie verlagern einfach den Sitz des Rechners, der zu den Hotspots gehört, in ein Nachbarland, das die Störerhaftung nicht kennt.