World Economic Forum: Hoffnung auf Künstliche Intelligenz

In Davos beginnt die WEF-Jahrestagung. Die ersten Konzepte klingen visionär, aber sind sie realistisch?

16.01.2023, Schweiz, Davos: Spezialkräfte der Polizei bewachen das Kongresszentrum während des 52. Jahrestreffens des Weltwirtschaftsforums (WEF). 
16.01.2023, Schweiz, Davos: Spezialkräfte der Polizei bewachen das Kongresszentrum während des 52. Jahrestreffens des Weltwirtschaftsforums (WEF). KEYSTONE

Zur Eröffnung der diesjährigen Jahrestagung des World Economic Forum (WEF) in Davos haben die Veranstalter am Montag drei Studien vorgelegt. Anhand dieser Studien ist zu erkennen, in welche Richtung das WEF will – und wo die Grenzen vieler ambitioniert klingender Vorhaben liegen. Der Bericht „Food, Nature and Health Transitions – Repeatable Country Models“ (Ernährung, Natur und Gesundheitsübergänge – wiederholbare Länder-Modelle) soll „Einblicke in die Maßnahmen und Investitionen“ geben, die „den Übergang eines Landes zu Ernährungssystemen beschleunigen können, die eine stärkere Wirtschaft, bessere Lebensgrundlagen für eine integrativere Gruppe von Menschen und größere Ernährungssicherheit“ bieten und darüber hinaus „die Gesundheit bei geringerer Belastung von Klima und Natur verbessern“.

Im Bericht selbst, der federführend von der Beratungsfirma Bain & Company verfasst wurde, finden sich allerdings eher konventionelle Ratschläge: So sollen langfristige Pläne für die Landwirtschaft erstellt und der Einsatz von neuen Technologien forciert werden. Vor allem aber sollen die finanziellen Rahmenbedingungen geschaffen werden, um Investments in landwirtschaftliche Projekte für internationale Geldgeber attraktiv zu machen: Dazu sollen die Staaten die „öffentliche und private Finanzierung koordinieren und größere Mengen an gemischtem Kapital freigeben“ sowie „erschwingliche Schulden“ zugänglich machen und „finanzielle und technische Risikominderungsmechanismen“ einsetzen.

Höhepunkt der Preissteigerungen im Jahr 2023 erreicht

Die Innovationen, die von „geduldigem Kapital“ finanziert würden, könnten vor allem Kleinbauern zugutekommen. Der Bericht blendet allerdings ein makroökonomisches Hindernis aus, das einem fairen Wettbewerb in vielen Ländern im Wege steht: Die hoch subventionierte EU-Landwirtschaft etwa hat bisher alle Bestrebungen einer gerechten Ausgangslage für lokale Produzenten zunichtegemacht, zumal wenn sie mit Freihandelsabkommen neue Märkte für sich reklamiert. Ähnliches gilt für China, das sich vor allem in Afrika über Schulden eingekauft und die Sicherstellung der Ernährung der eigenen Bevölkerung als Ziel definiert hat. Der US-Protektionismus ist seit Donald Trump ebenfalls dazu übergegangen, die heimischen Bauern mit gewaltigen Subventionen zu unterstützen – sie sollten aus den Strafzöllen gegen China finanziert werden.

Alle Innovationen müssen überdies in einem schwierigen Umfeld stattfinden, wie die ebenfalls am Montag veröffentlichte Ökonomen-Umfrage des WEF zeigt: Zwei Drittel der für den Ausblick des WEF Befragten erwarten eine globale Rezession im Jahr 2023. Die Unternehmen erwarteten als Reaktion auf den wirtschaftlichen Gegenwind deutliche Kostensenkungen. Die Chefvolkswirte seien allerdings optimistisch in Hinblick auf die Inflation bei Lebensmittelpreisen und Energie: Es könne sein, dass der Höhepunkt der Preissteigerungen im Jahr 2023 erreicht sei.

Was Weltwirtschaft und Rauchmelder in Wäldern gemeinsam haben

Immerhin könnten künstliche Intelligenz und Machine Learning bei künftigen Naturkatastrophen helfen, so das WEF in einer Fallstudie zum Einsatz von Technologie bei Waldbränden. Diese Technologie sollte vor dem Hintergrund der von den WEF-Experten ausgesprochen apokalyptisch beschriebenen Bedrohung forciert werden: „Fortschritte bei den Datenerfassungsmethoden unterstützen die Brandbekämpfung und das Risikomanagement von Waldbränden“, „Sensoren mit integrierter KI können akustische Informationen sammeln oder als Rauchmelder in Wäldern fungieren und die Behörden innerhalb der ersten Stunde nach Ausbruch eines Waldbrands warnen“, auch „unbemannte Luftfahrzeuge (UAVs) können über Brände geflogen werden, um Live-Bilder zu liefern und Feuerwehrleuten bei der Planung ihrer Reaktion zu helfen“.

Im Vorfeld des WEF-Treffens wurde die obligate Kritik an der Veranstaltung laut, dass nämlich trotz aller Beteuerungen von Milliardären und Großkonzernen die Armut immer weiter steige. Seit Beginn der Corona-Pandemie habe das reichste Prozent der Weltbevölkerung rund zwei Drittel des weltweiten Vermögenszuwachses kassiert, so der Bericht „Survival of the Richest“, den die Nothilfe- und Entwicklungsorganisation Oxfam anlässlich des Weltwirtschaftsforums in Davos vorlegt hat. Demnach leben 1,7 Milliarden Arbeiter in Ländern, in denen die Lohnentwicklung die Inflation nicht ausgleicht. 828 Millionen Menschen – etwa jeder zehnte auf der Erde – hungern laut Oxfam. Erstmals seit 25 Jahren hätten extremer Reichtum und extreme Armut gleichzeitig zugenommen. Oxfam fordert die Regierungen auf, „diesem Trend mit Steuern auf exzessive Übergewinne und hohe Vermögen entgegenzutreten und die Einnahmen in den Ausbau von sozialer Sicherung, Bildung und Gesundheit zu investieren, um Ungleichheit und Armut zu bekämpfen“.

In der Financial Times schreibt der bekannte Kolumnist Gideon Rachman, dass vor allem der Krieg Russlands gegen die Ukraine eine Gefahr für die Weiterentwicklung der Welt im Sinne der Erfinder des Weltwirtschaftsforums sei. Er schreibt: „Die Geopolitik droht die Welt zu zerstören, die Davos geschaffen hat.“ Leserkommentare werfen Rachman Hybris vor, die Welt sei deutlich vor der Erfindung des WEF entstanden. Andere Leser argumentieren, dass die Teilnehmer von Davos die Welt zerstörten, weil sie abgehoben und nur im Interesse einer kleinen Gruppe von Superreichen alles unternähmen, um in einem System des Turbokapitalismus auf jeden Fall auf der Seite der Gewinner zu stehen.