Die Agentur für Arbeit.
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BerlinDer Berliner Arbeitsmarkt hat schon in der Vergangenheit immer wieder eine Position außerhalb des Durchschnitts markiert und schafft dies nun selbst in der Krise. Denn während die Zahl der Arbeitslosen bundesweit im August weiter anstieg und somit derzeit insgesamt knapp drei Millionen Menschen in Deutschland ohne Job sind, ging diese Zahl in Berlin erstmals seit Ausbruch der Corona-Pandemie wieder zurück. Der Arbeitsmarkt habe sich „unerwartet positiv“ entwickelt, hieß es am Dienstag in der hiesigen Arbeitsagentur. Den Angaben zufolge waren in Berlin im August insgesamt 214.303 Menschen als arbeitslos registriert, 1002 weniger als im Juli.

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: BA

Für Bernd Becking, Chef der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit, dokumentiert sich in den Zahlen eine Stabilisierung des Arbeitsmarkts. „Es gab weniger Entlassungen als im Juli, gleichzeitig stellten die Unternehmer wieder stärker Personal ein“, sagte er und räumt ein, dass dies „nach den pandemiebedingt schlechten Monaten seit März“ nicht unbedingt zu erwarten war. Beatrice Kramm, Präsidentin der hiesigen Industrie- und Handelskammer, sprach von einem ersten Hoffnungsschimmer für den vom Corona-Schock getroffenen Berliner Arbeitsmarkt.

Allerdings ist Berlin von einer grundlegenden Erholung sicher noch weit entfernt. Nicht nur, dass in Neukölln sowie in Steglitz-Zehlendorf die Arbeitslosigkeit auch im August weiter anstieg, die Arbeitslosenquote in Neukölln sogar 16,2 Prozent erreichte. Noch immer ist die Arbeitslosigkeit in Berlin so hoch wie seit Jahren nicht. 214.000 Menschen ohne Job – das gab es in dieser Stadt zuletzt im Januar 2014. Selbst im August des vergangenen Jahres hatte Berlin noch 58.055 Arbeitslose weniger. Heute sind es 37 Prozent mehr.

Auch unter jungen Menschen ist die Arbeitslosigkeit hier weiterhin dramatisch hoch, viel höher auch als im bundesdeutschen Durchschnitt. Die aktuelle Statistik der Arbeitsagentur weist aus, dass 18.687 Arbeitslose jünger als 25 Jahre sind. Das sind 5692 mehr als im August 2019, ein Plus von fast 44 Prozent. Die Arbeitslosenquote ging im August gegenüber dem Vormonat von 10,8 auf 10,7 Prozent zurück. Im August des vergangenen Jahres lag die Quote noch bei acht Prozent.

Klar ist, dass noch viel mehr Menschen ohne Job wären, hätte es die Kurzarbeit nicht gegeben. Sie habe sich als „belastbare Brücke“ erwiesen, sagte Arbeitsagenturchef Becking. Seit März haben in Berlin knapp 40.000 Betriebe für mehr als 400.000 Beschäftigte Kurzarbeit angemeldet. Wie viele Berliner tatsächlich in Kurzarbeit geschickt wurden, lässt sich erst nach Monaten genau sagen, wenn von den Unternehmen die konkreten Auszahlungsanträge eingereicht wurden. Inzwischen liegen aber die Zahlen für April und Mai vor. Demnach registrierte die Arbeitsagentur zunächst 208.400 Kurzarbeiter in Berlin. Im Mai ging diese Zahl auf 192.308 zurück.

Dies entspricht dem bundesdeutschen Trend: Dort wurde die Kurzarbeit während der Krise stetig abgebaut und immer mehr Betriebe kehrten in reguläre Beschäftigung zurück. Einer Umfrage des Münchener Ifo-Instituts zufolge hatten im Juli noch 42 Prozent der Unternehmen in Deutschland Beschäftigte in Kurzarbeit. Im August waren es 37 Prozent. Ein Trend, der als Zeichen der Konjunkturbelebung gewertet wird.

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: ifo, afp

Allerdings gibt es hinter den Durchschnittswerten in einzelnen Branchen deutliche Unterschiede. Beispiel Dienstleistung: Dort arbeiteten laut Umfrage im August sogar nur noch 33 Prozent der Betriebe kurz. Unter den Reisebüros und -veranstaltern betrug der Anteil jedoch 88 Prozent, 71 Prozent waren es bei den Hotels, 69 Prozent bei den kreativen und künstlerisch tätigen Betrieben, 52 Prozent in der Gastronomie.

Dass dies ausnahmslos Wirtschaftszweige sind, die für und in Berlin besondere Bedeutung haben, zeigt die Ungewissheiten der weiteren Entwicklung auf dem hiesigen Arbeitsmarkt. Denn noch immer droht auch in Berlin ein dramatischer Anstieg der Unternehmensinsolvenzen, der bislang nur deshalb ausblieb, weil die Insolvenzantragspflicht seit März ausgesetzt ist. Die Aussetzung wurde gerade erst bis Jahresende verlängert.

Auf dem Ausbildungsmarkt sind diese latenten Gefahren bereits deutlich sichtbar. Denn ein Unternehmer, der nicht weiß, ob er die Krise überlebt, wird kaum an den Berufsnachwuchs denken oder kann es nicht. Die Folgen sind verhängnisvoll. Etliche Betriebe haben Ausbildungsplätze gestrichen. Gab es vor einem Jahr in Berlin noch 16.600 Azubi-Stellen, so sind es jetzt nur noch 14.200. Ein Minus von 14 Prozent. Zwar ist auch die Zahl der Bewerber zurückgegangen, allerdings nur halb so stark. Unter dem Strich bleibt, dass es derzeit in Berlin noch knapp 7000 Lehrstellenbewerber auf etwa 5000 Ausbildungsplätze gibt.

In Brandenburg ist die Lage etwas entspannter. Dort ging die Zahl der Ausbildungsplätze nur um etwa drei Prozent auf 13.200 zurück, und es gibt in Brandenburg aktuell sogar noch mehr offene Lehrstellen (4700) als Bewerber (4000).

Die Arbeitslosigkeit in Brandenburg ging im August wie in Berlin etwas zurück. Insgesamt wurden dort 86.065 Menschen als arbeitslos registriert. Das sind 1239 weniger als im Juli, aber 11.089 Arbeitslose mehr als im August des vorigen Jahres. Die Arbeitslosenquote fiel um 0,1 Prozentpunkte auf 6,4 Prozent.

Bundesweit stieg derweil die Zahl der Arbeitslosen nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit im August „in saisonüblicher Höhe“ an. Demnach verloren im August etwa 45.000 Menschen ihren Job, weshalb die Arbeitslosenquote in Deutschland um ebenfalls 0,1 Prozentpunkte auf 6,4 Prozent stieg.