Berlin - Die Zeit drängt. Bis 2050 will Deutschland klimaneutral werden. Doch der Weg dahin ist lang. Könnte Atomkraft die Lösung für eine emissionsfreie Zukunft sein? Zehn Jahre nach dem Reaktorunglück von Fukushima streiten sich Maximilian Both (Pro) und Fabian Hartmann (Contra), ob Kernkraft wieder eine Rolle in der Energieerzeugung in Deutschland spielen sollte.

Pro: 
Die Kernenergie ist klimafreundlich, zuverlässig und - richtig angewendet - auch günstig. Der vorgezogene Absprung Deutschlands aus der Kernenergie als Reaktion auf die Reaktorkatastrophe von Fukushima war deshalb kurzsichtig und sollte revidiert werden.

Der zeitgleiche Ausstieg aus Kohle- und Kernenergie führt zu einer Stromlücke in Deutschland und steigert damit die Gefahr von Blackouts – nur die Integration Deutschlands im europäischen Energienetz verhinderte in der jüngeren Vergangenheit Schlimmeres. Und das offenbart auch die Crux des Atomausstiegs: Denn während in Deutschland die Meiler abgestellt werden, begibt sich das Land in die Abhängigkeit der Anreinerstaaten, die auch weiterhin auf Atomkraft setzen – der vermeintliche Atomausstieg Deutschlands ist keiner. Neun Kernkraftwerke mit zusammen 20 aktiven Reaktoren befinden sich in der unmittelbaren Nähe zur deutschen Grenze, ohne dass Deutschland auf deren Sicherheitskonzept Einfluss nehmen kann.

Dabei war Deutschland einmal führend bei der zivilen Nutzung der Kernenergie, der Verzicht auf die Kernenergie im eigenen Land bedeutet auch den Verzicht auf Know-how: Heute teilen sich die USA und Russland den Weltmarkt der Kernenergie untereinander auf. Europäische Unternehmen spielen dabei so gut wie keine Rolle mehr.

Und das wird auch so bleiben: Derzeit gibt es über 440 Atomkraftwerke in 33 Ländern – weitere 50 befinden sich im Bau, die meisten davon in China und Russland. China ist der derzeit größte Öl-, Gas- und Kohleimporteur der Welt. Trotzdem will das Land bis 2060 klimaneutral werden. Dies würde, bei steigendem Energiebedarf, einen grundlegenden Umbau der chinesischen Energiewirtschaft erfordern, ein Ziel, das ohne den Ausbau der Atomenergie nur sehr schwer zu erreichen sein wird. Durch die verführte Abkehr von der Kernenergie hat Deutschland sich hier jeder Einflussmöglichkeit beraubt. Sicherheitskonzepte „Made in Germany“ sind nicht mehr gefragt.

Stattdessen ersetzt man hierzulande Kohle- durch Gaskraftwerke und begibt sich so ganz nebenbei in die energiepolitische Abhängigkeit fremder Staaten und emittiert weiterhin große Mengen Kohlenstoffdioxid – das wird auch lange Zeit so bleiben, denn der Anteil der erneuerbaren an der Stromerzeugung schwankt, je nach Wetterlage, zwischen 40 und 50 Prozent.

Kritiker der Kernenergie bemängeln die hohen Kosten für den Bau von Atomkraftwerken. In der Tat: Die Erstinvestitionen sind gewaltig, aber das wird durch vergleichsweise niedrige Betriebskosten mehr als ausgeglichen. Wer die hohen Kosten für den Bau eines Atomkraftwerks moniert, muss sich daher erst recht dafür einsetzen, dass moderne Atomkraftwerke in Deutschland nicht durch alte Meiler aus Belgien und Frankreich ersetzt werden.

Das ist auch eine soziale Frage: Auch durch die Förderung der erneuerbaren Energien hat Deutschland mittlerweile die höchsten Stromkosten in Europa. Der deutsche Verbraucher bezahlt im Schnitt knapp 30,9 Cent pro Kilowattstunde – in Frankreich sind es mit 17,65 Cent nur etwas mehr als die Hälfte.

Zudem: Mit der Elektrifizierung aller Lebensbereiche werden die klassischen Stärken der Kernenergie wieder wichtiger. Bis 2050 soll etwa 80 Prozent der europäischen Fahrzeugflotte elektrifiziert werden. Nach den konservativen Schätzungen der Europäischen Umweltagentur würde dies allein den Bedarf an Elektrizität innerhalb der EU um fast zehn Prozent erhöhen. Ohne Kraftwerke, die zuverlässig das ganze Jahr Strom unabhängig vom Wetter erzeugen, wird die Energiewende nicht zu machen sein – die Kernkraft gehört dazu.

Contra:
Politik ist nicht immer rational. Vor zehn Jahren explodierte der Kernreaktor in Fukushima. Ausgerechnet ein Unglück in 9000 Kilometer Entfernung machte auch den deutschen AKWs den Garaus. Ein Tsunami in einer Erdbebenregion – eine solche Konstellation ist für die Bundesrepublik praktisch ausgeschlossen. Dennoch schaltete die damalige schwarz-gelbe Koalition die ersten Meiler direkt nach dem Unglück ab. Ein Art Denkpause, ein Moratorium, sollte danach Zeit bringen. Es folgte das Aus für die Atomkraft.

Dabei war kurz zuvor noch die Laufzeit der Anlagen verlängert worden. Praktisch im Handumdrehen räumten CDU, CSU und FDP einen ihrer Markenkerne, die Nutzung der Atomkraft, ab. Eine politische Wende par excellence.

Die Bundesregierung hat nach Fukushima dennoch das Richtige getan – wenn auch aus den falschen Gründen. An der Sicherheit der deutschen Reaktoren hat das Unglück in Japan nichts geändert. Die pure Angst vor Wahlniederlagen und dem Machtverlust trieb die Koalitionäre. Dabei war schon vorher klar: Es gab und gibt in Deutschland keine Mehrheit für Kernenergie.

Der Atomkonsens gehört, neben den mutigen Arbeitsmarktreformen der Agenda 2010, zu den großen Verdiensten der rot-grünen Vorvorgängerregierung. Ohne Not hat die schwarz-gelbe Koalition diesen Konsens wieder aufgegeben. Und damit erneut einen Konflikt heraufbeschworen, der jahrzehntelang ideologisch, unversöhnlich, ja mitunter sogar gewalttätig ausgetragen wurde.

Dabei ist unzweifelhaft, dass Kernenergie auch Vorteile bietet. Sie liefert verlässlich Strom. Sie ist umweltfreundlich. Und ja: Sie ist beherrschbar. Moderne Anlagen trotzen Erdbeben und selbst einem Terroranschlag. All das sind starke Argumente für die Technologie.

Doch die Nachteile überwiegen, und zwar deutlich. Bis heute gibt es kein Endlager für Atommüll. Ist es ethisch vertretbar, strahlenden Abfall für viele hunderttausend Jahre zu verbuddeln – ohne einen solch langen Zeitraum überhaupt überblicken zu können? Kann dann aber von sicherer Endlagerung gesprochen werden? Die Antwort lautet: nein.

Atomkraft sei günstig, heißt es von Befürwortern oft. Und ja, es stimmt: die deutschen Strompreise sind hoch, zu hoch. Kernenergie löst dieses Problem aber nicht. In Wahrheit ist sie teuer. Der Rückbau der Anlagen ist kostspielig und langwierig, die Lagerfrage ungeklärt. Ein Großteil der Risiken wird von der Allgemeinheit getragen. Von jedem von uns. Ökonomen sprechen von externen Kosten, die der Preis nicht abbildet. Der Mechanismus, der Angebot und Nachfrage zusammenbringt, funktioniert nicht, ein – in diesem Fall politisch gewolltes – Marktversagen liegt vor.

Es verwundert daher nicht, dass keine Versicherung dieser Welt bereit ist, die Risiken der Atomenergie abzudecken. Wenn es eine entsprechende Police gäbe, wären die Strompreise unbezahlbar. Aus gesamtwirtschaftlicher Perspektive, man muss das so deutlich sagen, ist die Kernenergie ein Rohrkrepierer. Selbst Anlagen der neuesten Generation ändern nichts an diesem Befund.

Inzwischen hoffen in Deutschland nur noch versprengte Atomkraft-Fans auf eine Renaissance der Kernenergie. Selbst die Betreiber winken ab. Kein Interesse.

Als das AKW in Fukushima havarierte, waren in Deutschland noch 17 Meiler am Netz. Aktuell sind es sechs. Ende 2022 wird das letzte Atomkraftwerk abgeschaltet. Die Zeit der Kernenergie, sie ist vorbei. Für immer.