Anfang November treten in der Metall- und Elektroindustrie sowie in der Chemiebranche Tarifverträge in Kraft, die eine stufenweise Annäherung der Löhne von Zeitarbeitern und Stammbelegschaften vorsehen. Vera Calasan, Deutschland-Chefin der Zeitarbeitsfirma Manpower, warnt, ungelernte Zeitarbeiter könnten unter den vermeintlichen Verbesserungen leiden.

Frau Calasan, was bedeuten die neuen Tarifverträge für Ihre Branche?

Überall herrscht Unsicherheit. Bei unseren Kunden und unter den Mitarbeitern. Für unsere Lohnabrechnung sind die neuen Regelungen der blanke Horror. Bisher hat es neun Tarifgruppen gegeben, nach denen die Zeitarbeitnehmer bezahlt wurden. Künftig werden Mitarbeiter in unterschiedlichen Branchen unterschiedlich entgolten, gestaffelt nach der Einsatzdauer. In einigen Branchen sind fünf, in anderen neun unserer Tarifgruppen betroffen. Der Herr Meier bekommt dann nach sechs Wochen in der Chemiebranche den Betrag X mehr und der Herr Müller nach drei Monaten in der Metallindustrie den Betrag Y zusätzlich. Der Aufwand ist immens.

Klingt ja besorgniserregend.

Danke für das Mitgefühl. Abgesehen von unseren Schwierigkeiten sind vor allem unsere Kunden betroffen. Die Unternehmen wissen noch nicht, in welchem Umfang die neuen Regelungen zu höheren Arbeitskosten führen. Dass dies der Fall sein wird, ist klar. Die Konsequenzen werden wir abwarten müssen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Kostensteigerungen einige Unternehmen veranlassen, die Produktion ins Ausland zu verlagern. Polen und Tschechien sind schließlich nah und infrastrukturell gut ausgestattet. Die haben auch qualifizierte Fachkräfte, die zu deutlich geringeren Löhnen arbeiten als bei uns.

Da malen Sie aber einen großen schwarzen Teufel an die Wand. Der Produktionsstandort Deutschland ist doch höchst wettbewerbsfähig.

Ich prophezeie ja nicht den Untergang des Abendlandes. Ich sage nur: Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft ist ohne flexible Lösungen am Arbeitsmarkt nicht dauerhaft zu gewährleisten. Die Flexibilität ermöglicht es uns, einem Kunden passgenau kurzfristig gesuchte Mitarbeiter zu vermitteln. Firma Schulze braucht für sechs Monate einen Mechatroniker? Wir haben ihn. Und er bekommt einen guten Lohn. Nach dem neuen Zeitarbeits-Tarifvertrag ab November liegen die Einstiegslöhne in der untersten Gruppe I bei 8,18 Euro. In der obersten Gruppe IX, wo Industriefacharbeiter angesiedelt sind, werden 18,20 Euro gezahlt. Diese Entgelte bleiben auch künftig garantiert. Neu ist, dass sich die Löhne zusätzlich in Schritten auf bis zu 90 Prozent des Stammbelegschaftsniveaus erhöhen.

Inwiefern schränkt das denn die Flexibilität ein? Was ist falsch daran, gute Leute anständig zu bezahlen?

Wenn sie fähige Kräfte wollen, müssen sie marktgerechte Gehälter anbieten. Das tun wir. Unsere Mitarbeiter werden anständig entlohnt, nur deshalb kommen die Menschen ja zu uns. Sechs von zehn unserer 22.000 Mitarbeiter in Deutschland verfügen über eine hochwertige abgeschlossene Berufsausbildung. Und nur deshalb können wir einem Kunden kurzfristig gesuchte Mitarbeiter vermitteln. Die Unternehmen müssen für sie oft sogar tiefer in die Tasche greifen als für einen Festangestellten. Die Flexibilität hat also ihren Preis. Aber er muss bezahlbar bleiben.

Es soll Unternehmen geben, die um besagter Bezahlbarkeit willen ihre komplette Stammbelegschaft durch Leiharbeiter ersetzen …

Sie spielen auf Schlecker an. Ich will dazu nur zwei Dinge sagen: Erstens ist der Versuch dieses Unternehmens, die Ertragslage auf Kosten der Belegschaft zu steigern, ganz offenbar nicht erfolgreich gewesen. Schlecker ist bekanntlich pleite. Zweitens hat der Fall die gesamte Zeitarbeitsbranche in Verruf gebracht. Da können sie noch so viele gute Beispiele dagegen setzen und argumentieren, bis ihnen der Mund fusselig wird – es nützt nichts. Ehrlich gesagt: Ich bin es leid, unseren Wirtschaftszweig immer wieder rechtfertigen zu müssen, weil Schlecker oder wer auch immer sich nicht korrekt verhalten hat. Die von der Drogeriekette gegründete Verleihtochter hatte mit unserer Branche überhaupt nichts zu tun.

Ist angekommen. In den seriösen Zeitarbeitsunternehmen werden die Mitarbeiter also von der Equal-Pay-Vereinbarung profitieren.

Für Personen mit guter Ausbildung wird die Annäherung an eine gleiche Bezahlung von Zeitarbeitern und Stammbelegschaften in vielen Fällen finanzielle Vorteile bringen. Eine fähige Fachkraft wird von einem Unternehmen ja nicht deshalb ausgetauscht, weil der Tariflohn nach ein paar Wochen und Monaten ein bisschen steigt. Für Menschen ohne Berufsabschluss sieht das anders aus. Gerade jene, die man mit Equal-Pay zu schützen meint, werden darunter am ehesten leiden. Man kann nun einmal Hilfskräfte relativ leicht ersetzen. Es wird Betriebe geben, die die vereinbarten Lohnangleichungen zu vermeiden suchen, indem sie ihre ungelernten Zeitarbeitskräfte alle paar Wochen austauschen.

Werden sie das nicht sowieso?

Ach was. Durchschnittlich bleiben unsere Mitarbeiter neun bis zwölf Monate in den entleihenden Unternehmen. Viele erhalten sogar eine feste Anstellung in den Betrieben. Wir verlieren so jeden Monat zehn Prozent unserer Belegschaft.

Sie sind kein Brötchengeber fürs Leben.

Aber wir sind ein zeitgemäßer Arbeitsabschnittsgefährte, der alle Fürsorgepflichten eines Arbeitgebers wahrnimmt.

Das Gespräch führte Stefan Sauer.