Berlin - An den 1. August dieses Jahres erinnert sich Yogeiry Perez Martinez gerne zurück. Für die 19-Jährige mit den kurzen blondierten Haaren markierte dieser Tag den Start in ihre berufliche Laufbahn. Schon in den ersten Tagen hatte sie gelernt, Kaffeespezialitäten zuzubereiten und zu servieren. Es war ein erster Schritt auf dem Weg zu einem eigenen Hotel in der Dominikanischen Republik, wie sie sagt. Martinez will Hotelfachfrau werden. Im August hat ihre Ausbildung in Berlin begonnen. Weil sie gerne mit Menschen arbeitet. Weil sie irgendwann ihre Berufung in ihrer Heimat zum Beruf machen möchte.

Doch nach drei Monaten bekam dieser Wunsch einen herben Dämpfer. Das Hotel, in dem Martinez lernte, hat aufgrund des zweiten Lockdowns keine Gäste mehr, kann Martinez nicht mehr bezahlen und kündigte ihr schließlich. „Ich wohne allein. Meine größte Sorge war, dass ich zu meiner Mutter zurückziehen muss und ich kein Geld mehr habe, um meine Sachen zu bezahlen“, sagt die junge Frau.

Was vor einem Jahr noch für undenkbar gehalten wurde, ist nun nicht einmal mehr die Ausnahme. Denn auch in der Berufsausbildung ist in diesem Jahr nichts mehr, wie es war. Azubis werden entlassen. Unternehmen haben Ausbildungsplätze gestrichen, weil sie nicht wissen, ob sie die Pandemie überhaupt überleben werden. Ausbildungsmessen, auf denen sich der Berufsnachwuchs hätte orientieren können, gab es nicht. Persönliche Berufsberatung fand wegen der Kontaktbeschränkungen kaum statt. Das alles ändert aber nichts am Bedarf.

Über 2200 Lehrstellen weniger als vor einem Jahr

Insgesamt über 20.000 Jugendliche hatten sich nach Oktober vergangenen Jahres bei der Berufsberatung der Berliner Arbeitsagenturen gemeldet, um bei der Suche nach einer Lehrstelle im neuen Ausbildungsjahr Unterstützung zu bekommen. Inzwischen hat das neue Ausbildungsjahr begonnen, aber noch immer sind fast 3400 Jugendliche ohne Lehrstelle.

Fragt man nach den konkreten Ursachen, sind die Antworten der Akteure verschieden. Während man bei den Wirtschaftsverbänden Defizite vor allem bei den Jugendberufsagenturen sieht („Da muss deutlich mehr kommen“), ist die Arbeitsagentur wiederum stolz, dass es „trotz der schwierigen Bedingungen gelungen ist, viele Bewerber und Ausbildungsbetriebe zusammenzubringen“. Auch die Gewerkschaften fordern, dass Vermittlungsbemühungen intensiviert werden und stellen zugleich fest, dass die Zahl der angebotenen Ausbildungsplätze „von ohnehin niedrigem Niveau nochmals gesunken“ sei.

Tatsächlich gibt es in diesem Jahr in Berlin insgesamt 2267 gemeldete Lehrstellen weniger als noch 2019. Zwar sind davon aktuell noch immer 1626 Plätze nicht besetzt, allerdings ist die Zahl der unversorgten Bewerber doppelt so hoch. Was das zur Folge haben wird, ist für Holger Seibert reine Mathematik. Wenn es keine Ausbildungsplätze gibt und keine Alternativen, fallen die Jugendlichen in die Arbeitslosigkeit. „Die Jugendarbeitslosigkeit in Berlin wird weiter steigen.“

Jugendarbeitslosenquote in Berlin liegt bei 13,4 Prozent

Der 47-jährige Soziologe kennt den Berliner Ausbildungsmarkt genau. Seibert ist Co-Chef der Berliner Dependance des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit, und er weiß, dass seine Prophezeiung bereits Realität geworden ist. Denn allein von September zu Oktober stieg die Arbeitslosigkeit unter den höchstens 19-Jährigen in Berlin um fast 19 Prozent auf über 4800 und schob damit die Arbeitslosenquote unter den 15- bis unter 20-Jährigen in der Stadt auf 13,4 Prozent. Damit ist dieser Wert  in Berlin weit mehr als dreimal so hoch wie im Bundesdurchschnitt, wo er bei 3,9 Prozent liegt. Aktuell lebt nahezu jeder zehnte Arbeitslose unter den bis zu 19-Jährigen in Berlin.

Für IAB-Forscher Seibert ist das aber nur zum Teil auf die Pandemie zurückzuführen. „Corona hat die Situation nur verschlimmert“, sagt er. Tatsächlich ist die Jugendarbeitslosigkeit in Berlin seit Jahren überdurchschnittlich hoch. Seibert sieht dafür vor allem drei Gründe. Es seien erstens schlechte oder sogar fehlende Schulabschlüsse sowie die mangelnde Ausbildungsbereitschaft der Jugendlichen. Gerade bei jungen Menschen mit Migrationshintergrund habe die duale Ausbildung häufig kein besonders hohes Ansehen. Aber vor allem gibt es laut Seibert zu wenig Ausbildungsstellen in der Stadt. „Kommen bundesweit auf 100 Bewerber 112 Ausbildungsstellen, sind es in Berlin hingegen nur 79“, sagt der Arbeitsmarktforscher.

Große Teil der Jugendlichen ohne Chance auf Ausbildung

Dieter Dohmen, der am Berliner Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie forscht, sieht darin ein großes Problem. Nach seiner Einschätzung hätten im Wettbewerb um knappe Ausbildungsplätze vor allem Jugendliche mit Abitur einen Vorteil, während diejenigen mit Haupt- oder Realschulabschluss immer weniger zum Zuge kämen. „Es darf nicht übersehen werden, dass faktisch seit Jahrzehnten große Teile der Jugendlichen keine Chance auf eine qualifizierte Ausbildung haben“, sagt Dohmen. „Sollte sich dieser Trend infolge der Corona-Krise fortsetzen, ist mit einem sich weiter verschärfenden Wettbewerb um knapper werdende Ausbildungsplätze zu rechnen.“

Für Berlin ist IAB-Forscher Seibert indes zumindest längerfristig zuversichtlich. Hier war man vor Corona auf einem guten Weg. Die Beschäftigung habe rasant zugenommen. Auch die Zahl der Auszubildenden stieg seit 2015 kontinuierlich. Das werde wiederkommen. „Aber man muss auch schauen, dass man die jungen Menschen, die jetzt keine Chance haben, nicht aus dem Blick verliert.“

Als wir Yogeiry Perez Martinez, die entlassene Hotelfachfrau-Azubine, wieder treffen, trägt sie eine  schwarze Hose, schwarzes Hemd und eine rote Krawatte. Es ist ihre neue Arbeitskleidung im Abacus-Tierpark-Hotel in Lichtenberg. Martinez hat Glück gehabt. Seit dem 16. November kann sie ihre Ausbildung dort fortsetzen. Unterstützt von der Senatsarbeitsverwaltung bietet das Hotel dort bis zu 36 Jugendlichen, die Koch oder Köchin, Restaurant- oder Hotelfachleute werden wollen, eine sichere Lehre mit dem Ziel der Übernahme in reguläre Betriebe. Die Kampagne soll auf weitere Berliner Hotels ausgedehnt werden, insgesamt kann die Ausbildung von 100 jungen Menschen finanziert werden. Eine gute Perspektive für einige wenige Auszubildende aus der Gaststättenbranche.