Erst einmal ein Abendessen im Speisewagen! Danach auf einen Drink in die drei Barwagen, von denen zwei zu Jazz-Clubs umfunktioniert worden sind. Im Schlaf- oder Liegewagen geht es zu Bett – bis zur Ankunft am Morgen in Berlin. So könnte sie aussehen, die Reise im Jazz Night Express, der schon die Reise in die Hauptstadt zum Erlebnis machen soll.

2019 will der Niederländer Chris Engelsman mit seinen Mitstreitern erproben, ob sich ein solcher Zug zwischen Rotterdam, Amsterdam und Berlin lohnen würde. „Wenn wir Erfolg haben, wäre es möglich, das Angebot auszuweiten“, sagt der 44-Jährige. Vielleicht kann der Zug im Sommer 2020 wöchentlich fahren.

Noch ist es eine private Initiative von Nachtzugfans. Sie wollen bei Euro-Express in Münster einen 16-Wagen-Zug chartern, darunter zwei Schlaf- und neun Liegewagen. Rund 150 zahlungswillige Interessenten haben sie schon gefunden. Doch die Pläne für den Jazz Night Express, der am 28. Juni 2019 starten soll, zeigen auch, dass Berlin als Ziel von Bahnreisen an Bedeutung gewinnt und für Zugbetreiber attraktiver wird. 

Nachtzug und ICE nach Wien

Die wirtschaftliche Basis ist da. Die Zahl der Berlin-Touristen steigt, und ein immer größerer Anteil kommt mit dem Zug.„Die Bahn ist ein wichtiger Partner für uns“, sagt Christian Tänzler von Visit Berlin. Eine repräsentative Befragung ergab 2017/18, dass rund 29 Prozent der Gäste aus dem In- und Ausland auf dem Schienenweg anreisen. Zwei Jahre zuvor waren es 22 Prozent. Der Zuwachs ging zulasten des Busses, dessen Anteil von 17 auf neun Prozent sank. Das Flugzeug behielt den ersten Platz, sein Anteil schrumpfte aber ebenfalls: von 36 auf 35 Prozent.

Die Bahn holt auf. Das spiegelt sich auch im neuen Fahrplan wider, der vom 9. Dezember an gilt. Zu diesem Zeitpunkt erhöht die Deutsche Bahn (DB) nicht nur ihre Fahrpreise um durchschnittlich 0,9 Prozent – sie steigert auch die Zahl der Sprinter-Züge, die in knapp vier Stunden von Berlin nach München fahren, um zwei auf bis zu fünf Fahrten pro Tag und Richtung. Ebenfalls neu: Ein ICE verbindet Berlin und Wien – Abfahrt 10.05 Uhr, Ankunft 17.47 Uhr.

Internationale Bahnverbindungen sind mager

Zudem wird erstmals seit langem das Nachtzugangebot erweitert. Der neue Nightjet Berlin–Wien der Österreichischen Bundesbahnen hat auch Wagen nach Budapest, die von der ungarischen Bahn MÀV gestellt werden. Eine dritte Wagengruppe wird schon in Wrocław (Breslau) abgehängt und rollt über Krakau nach Przemysl an der Grenze zur Ukraine.

Neues auch im Inland: DB-Konkurrent Flixtrain, der die Verbindung Berlin–Stuttgart auf zwei Fahrten pro Tag aufgestockt hat, plant für 2019 Züge nach Köln und München, die Startdaten sind aber noch unklar. Im Vergleich zu früher ist das Angebot an internationalen Bahnverbindungen aber immer noch mager. Schon der Anhalter Bahnhof bot in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts eine größere Auswahl. Von dort fuhr der Riviera-Express nach Nizza und der Ägypten-Express nach Neapel – mit Anschluss nach Alexandria. Rom war 23 Stunden entfernt.

Konkurrenz durch Busse

Nach der Wiedervereinigung war das Angebot weiterhin gut. Doch dann fiel ein Nachtzug nach dem anderen weg, weil die Konkurrenz durch Flugzeuge und Busse zunahm, hohe Trassen- und Personalkosten zu Buche schlugen. Für Flugtickets ins Ausland wird keine Mehrwertsteuer fällig, für Bahntickets ins Ausland dagegen schon – das trug zu Fahrpreisen bei, die viele abschreckten.

Doch inzwischen bieten die Bahnen auch ins Ausland Spartarife an – was sich in höheren Fahrgastzahlen widerspiegelt. Gut möglich, dass weitere Relationen dazukommen. „Der Berlin-Tourismus ist angewiesen auf attraktive Fernverbindungen. Und ohne die Bahnanbindung wäre Berlin als weltweit führender Kongressstandort kaum denkbar“, sagt Henrik Vagt, Geschäftsführer Wirtschaft und Politik der Industrie- und Handelskammer (IHK). „International sind für uns vor allem die Verbindungen nach Polen wichtig.“

Heute reisen zwischen Berlin und der Messestadt Poznan (Posen) jährlich rund 150.000 Menschen mit der Bahn – gäbe es mehr direkte Züge, könnten es 420.000 sein. Nach Szczecin (Stettin) wäre sogar eine Steigerung von 220.000 auf 650.000 Fahrgäste möglich. Das Fazit ist klar, so Vagt: „Diese Relationen müssen mit Volldampf verstärkt werden, um ihre Potenziale für Berlin zu heben.“