Soll ich ehrlich sein? Ich freue mich über jeden, der nicht nach Berlin zieht. Ich weiß, das klingt nicht besonders sympathisch, aber allzu sympathisch sollten wir auch nicht mehr sein. Ich meine, wo hat uns das hingebracht, wenn uns alle so doll mögen, dass sie gleich bei uns wohnen wollen? Uns, die Alt-Berliner, die echten?

Es gibt nicht mehr viele von uns, vor allem in der Innenstadt. Wobei das auch Vorteile haben kann. Mein Kumpel Sascha, der in der Kastanienallee aufwuchs, lauert jetzt manchmal gut aussehenden Touristinnen vor dem Café Schwarzsauer auf. Er erzählt ihnen von seiner Kindheit, als neben dem Schwarzsauer noch ein Fischladen war und seiner Mutter einmal ein lebender Karpfen aus dem Zeitungspapier rutschte, der auf dem Pflaster einen letzten Tanz aufführte.

Die Touristinnen sind dann immer sehr beeindruckt, sie betrachten meinen Kumpel staunend, manche fragen, ob sie Selfies mit ihm machen dürfen. Unter die Aufnahmen schreiben sie dann wahrscheinlich: „Schaut euch diesen verrückten Eingeborenen aus Ost-Berlin an. Er hat noch die Zeit erlebt, als es hier keine Ferienwohnungen gab!“ Wenn Sascha dann noch ein paar anrührende Geschichten vom Mauerfall erzählt, hat er die Touristinnen so gut wie im Bett.

Mitleid und Erstaunen

Ich selbst wohne nur ein paar Meter von dem Haus entfernt, in dem ich geboren wurde. Das habe ich neulich einem meiner Nachbarn erzählt, der mich ansah, als gehörte ich einer aussterbenden Tierart an. Der Nachbar fragte, wie viele von meiner Art denn noch in der Straße wohnen? Ich zuckte unsicher mit den Schultern, aber ich fand die Frage interessant.

Würde ich auch gern wissen, wer von uns in dieser renovierten, ruhigen Straße in Prenzlauer Berg übriggeblieben ist. Ich werde es wohl nie erfahren, weil eine unserer Überlebenstechniken darin besteht, uns bis zur Unkenntlichkeit zu verstellen. Ich kenne eine Frau, die den Prenzlauer Berg nachweislich nie verlassen hat, aber seit ein paar Jahren mit leicht bayerischem Dialekt spricht.

Ich selbst bemühe mich um ein astreines Hannoveraner Hochdeutsch. Nur wenn ich mit meiner Familie zusammen bin, falle ich in den Berliner Slang zurück. Umso verblüffter war mein Nachbar, als er von meiner wahren Identität erfuhr. „Hätte ich nicht gedacht“, sagte er, „dass du noch so ein richtiger Berliner bist“. In seiner Stimme mischten sich Mitleid und Erstaunen.

Eine Strategie gegen die Wohnungsnot

Die Frage ist, was wir übriggebliebenen Berliner tun können, um in der stetig wachsenden Bevölkerung nicht vollends unterzugehen? Ich persönlich denke, dass alle, die diese Stadt lieben, dazu beitragen sollten, sie so unattraktiv wie möglich wirken zu lassen. Neuankömmlinge müssen vom ersten Moment an abgeschreckt werden. Sie sollten uns angeekelt betrachten und froh sein, wenn sie nach Hause zurückkehren dürfen.

Ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen: Wir müssen Berlin so ruinieren, dass sogar Neu-Berliner in Scharen aus der Stadt flüchten und uns ihre gerade angeschafften Dachgeschosswohnungen einschließlich Kaminofen und Kochinsel für kleines Geld überlassen. Die ganze Stadt müsste so richtig runtergerockt werden, dann hätten wir bald keine Wohnungsnot mehr.

Die wahren Motive von Michael Müller

Je länger ich darüber nachdenke, desto deutlicher habe ich das Gefühl, dass die Berliner Landesregierung schon vor Jahren dieselbe Idee gehabt haben muss. Ich meine, so betrachtet ergibt doch alles auf einmal Sinn: die aggressiven Busfahrer, der Flughafen, der nie fertig wird, die Bürgerämter, in denen es erst wieder ab dem Jahr 2023 Termine gibt, die Radwege, die immer nur angekündigt werden, der Hostel-Strich in Mitte.

Und ich habe immer gedacht, dieser Michael Müller kriegt es einfach nicht hin. Dabei rettet da nur ein anderer Ur-Berliner unsere Stadt.