Die österreichische Bundesbahn hat bei Bombardier insgesamt 300 Talent-3-Züge bestellt.
Foto: Bombardier

BerlinHennigsdorf und Eisenbahn, das ist wie Autos und Wolfsburg. 1913 stachen in der Stadt nordwestlich von Berlin die ersten Lokomotiven ins Land. Wenn man so will, sind Eisenbahnschienen das Fundament von Hennigsdorf, womit allerdings eine Stabilität vermittelt wird, die der dortigen Bahnindustrie schon lange abhanden gekommen ist. Der kanadische Bombardier-Konzern, der das Schienenfahrzeug-Werk vor 19 Jahren übernommen hat, schliff es mit etlichen Sparrunden. Allein in den vergangenen vier Jahren wurden Hunderte Stellen gestrichen. Nun soll ein Teil der Fertigung ganz verkauft werden.

Tatsächlich geht es dabei aber um ein Geschäft ganz anderer Dimension. Der französische Bahnspezialist und TGV-Hersteller Alstom will Bombardiers Schienenfahrzeug-Division Bombardier Transportation übernehmen. Im Februar war der Deal bekannt gegeben worden. Etwa sechs Milliarden Euro wurden als Kaufpreis für den von Berlin aus geführten Alstom-Konkurrenten vereinbart.

Doch ob das Geschäft wirklich unter Dach und Fach gebracht werden kann, hängt auch von der Europäischen Wettbewerbskommission ab. Sie muss dem Deal zustimmen und signalisierte laut Alstom bereits vor der ersten Prüfung „anfängliche Sorgen“. Das genügte, um bei Alstom Alarm auszulösen. Schließlich hatten die Wettbewerbshüter der EU schon die Fusion von Siemens Mobility und Alstom verhindert. Zwei Jahre hatten die beiden Unternehmen verhandelt, bis Anfang vorigen Jahres Brüssel die rote Karte zog. Das wollen die Franzosen nicht noch einmal riskieren.

Eigenen Angaben zufolge hat Alstom am Donnerstag der EU-Kommission Vorschläge unterbreitet, „wie den potenziellen wettbewerbsrechtlichen Bedenken der Kommission Rechnung getragen werden kann“. Demnach soll das Alstom-Werk im französischen Reichshoffen mit etwa 700 Beschäftigten veräußert werden. Für Deutschland gibt es den Plan, die Herstellung von Zügen des Modells Bombardier Talent 3 zu verkaufen. Man habe die Suche nach potenziellen Käufern bereits aufgenommen, heißt es bei Alstom.

„Das ist schlecht“, sagt Volkmar Pohl. Der Ingenieur hat vor 32 Jahren  im Hennigsdorfer Werk angefangen, heute ist er dort der Betriebsratsvorsitzende. Dass ausgerechnet die Talent-3-Baureihe abgegeben werden soll, habe ihn überrascht. „Da soll ein kleines Werk rausgehen“, sagt er. Es sei die wichtigste Baureihe im Betrieb, eine Plattform und damit Basis für viele Fahrzeuge und Garant für langfristig gute Auslastung. Obwohl noch nichts entschieden ist, rechnet Pohl mit dem Verkauf der Baureihe. Nun komme es darauf an, für die Leute faire Bedingungen auszuhandeln.

Tatsächlich ist von Alstom angedacht, dass die Produktion in Hennigsdorf bleibt. „Da ändert sich nur das Namensschild am Tor“, sagt ein Alstom-Sprecher. In der Fertigung, der Entwicklung und im Einkauf sollen etwa 200 Beschäftigte betroffen sein. Alstom verspricht „enge Abstimmung mit den Sozialpartnern“. Volkmar Pohl will vor allem Arbeit in Hennigsdorf halten. Die Übernahme durch Alstom sieht er grundsätzlich als Chance. „Der Deal ist gut und notwendig, wir müssen jetzt aber schauen, dass dabei niemand auf der Strecke bleibt“, sagt der Betriebsratschef und hofft auf Stabilität.

Denn sein jetziger Arbeitgeber ist schwer angeschlagen und zudem hoch verschuldet. Im vorigen Geschäftsjahr wuchs der Verlust des gesamten  Bombardier-Konzerns auf 1,5 Milliarden Euro. Auch die vom Potsdamer Platz in Berlin aus geführte Bahn-Sparte fuhr im vergangenen Jahr einen Verlust von 440 Millionen Euro ein. Insgesamt beschäftigt Bombardier in seinem Zuggeschäft etwa 40.000 Mitarbeiter.

In Deutschland betreibt Bombardier Transportation sieben Werke mit zusammen 7500 Beschäftigten. So werden etwa in Bautzen und Görlitz Waggons produziert, Lokomotiven kommen aus Kassel. Hennigsdorf ist der größte Standort von Bombardier Transportation. Derzeit zählt man dort etwa 2450 Beschäftigte. Vor vier Jahren waren es noch knapp 3000. Es gab immer wieder Neustrukturierungen.

Seit zwei Jahren wird das Werk zum Entwicklungs- und Testzentrum von Bombardier Transportation ausgebaut. Auch der Prototypenbau befindet sich dort. Im sogenannten Servicebereich, für den man gerade einen Großauftrag aus Niedersachen ins Haus holen konnte, werden Züge renoviert. Und es wird produziert. Aktuell entstehen in den Hallen neben dem Talent 3 U-Bahn-Züge für Stockholm, ICE4 für Siemens sowie Straßenbahnen für Berlin. Insgesamt knapp 500 Beschäftigte sind in der Produktion im Einsatz. Wegen der guten Auftragslage kommen noch etwa 300 Zeitarbeiter hinzu. „Arbeit gibt es genug“, sagt Volkmar Pohl. „Wir sind eine Wachstumsbranche.“

Für Alstom soll Hennigsdorf nach eigenem Bekunden „eine wichtige Rolle in der künftigen Wachstumsstrategie“ spielen. Unter dem Vorbehalt der Freigabe durch die Kommission sollen alle deutschen Bombardier-Standorte sowie alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter übernommen werden. Im Gegenzug winkt dem französischen Unternehmen mit der Übernahme ein Auftragsbestand von rund 75 Milliarden Euro. Vor allem aber will man so aus dem Mittelfeld zum zweitgrößten Bahnhersteller der Welt aufsteigen. Das Umsatzvolumen beider Unternehmen wird sich auf über 15 Milliarden Euro summieren.

Weltmarktführer bleibt aber weiterhin die China Railway Rolling Stock Corporation (CRRC), die auf einen Jahresumsatz von mehr als 35 Milliarden Euro kommt und längst auch Europa im Visier hat. Erst im April hatte das Bundeskartellamt die Übernahme des Kieler Unternehmens Vossloh Locomotives durch den Konzern aus China abgesegnet. „CRRC spielt auf dem europäischen Markt bisher nur eine untergeordnete Rolle“, sagte Kartellamtspräsident Andreas Mundt zur Begründung. Das dürfte sich ändern. Es ist jedenfalls nicht auszuschließen, dass am Ende auch die Talent-3-Fertigung in Hennigsdorf unter chinesischer Regie läuft.