Deutschland wird angesichts der Schuldenkrise in vielen europäischen Ländern zum Rettungsanker für immer mehr ausländische Beschäftigte. Die Zuwanderung aus Griechenland und Spanien ist im ersten Halbjahr dieses Jahres sprunghaft angestiegen. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum kamen 84 Prozent mehr Menschen aus Griechenland und 49 Prozent mehr Menschen aus Spanien nach Deutschland, wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag mitteilte. Die Arbeitgeber freuten sich am Donnerstag über die Entwicklung. „Immer mehr Unternehmen hierzulande haben Probleme, offene Stellen zu besetzen“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Martin Wansleben, der Frankfurter Rundschau. „Umso erfreulicher, wenn jetzt mehr tüchtige Menschen den Weg nach Deutschland finden – wir sollten sie mit offenen Armen aufnehmen.“

Arbeitgeber freuen sich über verstärkte Zuwanderung

Auch die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände BDA bezeichnete die Entwicklung als erfreulich und forderte, dass in den Behörden nun „eine echte Willkommenskultur gelebt werden“ müsse. Trotz des starken Anstiegs der Zuwanderung bewegen sich die absoluten Zahlen aber noch auf niedrigem Niveau. 8 890 Zuwanderer kamen im ersten Halbjahr aus Griechenland, 7257 aus Spanien. Damit entfaltet die Arbeitnehmerfreizügigkeit innerhalb der EU nun ihre volle Wirkung.

„Die Zuwanderung aus Griechenland, Spanien und Portugal wird an Dynamik gewinnen, wenn sich die Wirtschaftskrise in der Folge des europaweiten Sparkurses weiter zuspitzt“, sagte Verdi-Chef Frank Bsirske der Frankfurter Rundschau. Angesichts der schwierigen Situation in diesen Ländern sei es nachvollziehbar, dass Beschäftigte ihre Perspektive im Ausland suchen, so Bsirske. „Wir heißen die Kolleginnen und Kollegen willkommen und stehen an ihrer Seite, wenn sie sich für gute Arbeitsbedingungen und anständige Löhne einsetzen.“

Abwanderung geht zurück

Die Zuwanderung insgesamt stieg im ersten Halbjahr um ein Fünftel auf 435.000 Personen. Gleichzeitig ging die Abwanderung zurück. „Die Nettozuwanderung wird im Gesamtjahr bei 250000 Menschen liegen“, erwartet nun der Arbeitsmarkt- und Migrationsexperte Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg. Im zweiten Halbjahr dürfte sich die Zuwanderung nach seiner Einschätzung etwas abgeschwächt haben.In den Jahren 2008 und 2009 waren noch mehr Menschen aus Deutschland weggezogene, als neu ins Land kamen. Nun steige die Zuwanderung wieder auf den historischen Durchschnitt, sagte Brücker.

„Das ist volkswirtschaftlich relativ günstig.“ Durch die alternde Gesellschaft wird das Arbeitskräftepotenzial in Deutschland in den kommenden Jahren schrumpfen. Schon jetzt haben manche Branchen Probleme, genügend qualifizierte Arbeitskräfte zu finden. Die Zuwanderer aus Spanien, Griechenland und Portugal hätten ein Qualifikationsniveau im mittleren bis hohen Bereich, so Brücker. Die Unternehmen setzen für die Gewinnung neuer Mitarbeiter stark auf die Zuwanderung ausländischer Fachkräfte. 17 Prozent der Unternehmen gaben in einer Umfrage des DIHK an, dass sie mit Mitarbeitern aus dem Ausland ihre Personalprobleme lösen wollten. Die Arbeitgeber beklagen allerdings, dass viele ausländische Arbeitskräfte noch immer schnell an Grenzen stoßen würden, wenn sie hierzulande ein Beschäftigungsverhältnis aufnehmen wollen.

Experte sieht keine negativen Auswirkungen auf Löhne und Arbeitslosigkeit

Fürchten müssen sich die hiesigen Arbeitnehmer aber nicht vor schärferer Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. „Auf die Löhne und die Arbeitslosigkeit wird die Zuwanderung keine spürbaren Effekte haben“, sagt Brücker. Dafür seien die Zahlen noch zu niedrig. Die Zuwanderer machten nur gerade 0,5 Prozent der Personen am Arbeitsmarkt aus.

Angesichts der heftigen Schuldenkrise und den Verwerfungen am Arbeitsmarkt hält Brücker die Zuwanderung aus Spanien und Griechenland noch für „sehr moderat“, so der Experte. Er erwartet aber, dass sie im kommenden Jahr weiter ansteigen könnte. „Der Trend wird sich fortsetzen“, sagte Brücker. Die Zuwanderung von Menschen geschehe nicht von einem Tag auf den anderen. „Die Zuwanderungsströme brauchen Zeit sich zu entwickeln.“

Außer aus Griechenland und Spanien stieg vor allem die Zahl der Einwanderer aus den ost- und mitteleuropäischen Ländern an, die in den vergangenen Jahren der Europäischen Union beigetreten sind. Dies dürfte den Statistikern zufolge am Wegfall der Einschränkungen zum Arbeitsmarktzugang liegen. Anfang Mai ist die Arbeitnehmerfreizügigkeit auch für Bulgarien, Estland, Lettland, Litauen, Polen, Rumänien, die Slowakei, Slowenien, Tschechien und Ungarn umgesetzt worden. Die Zuwanderung aus diesen Ländern stieg im ersten Halbjahr nur um gut 30 Prozent und blieb damit weit hinter den Erwartungen zurück.

„Der Alptraum einer Masseninvasion aus dem Osten war eine Chimäre“, sagte der Migrationsforscher Klaus J. Bade, Vorsitzender des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR), der Deutschen Presseagentur.