Zuwanderung von Fachkräften: Schwäbisch Hall auf portugiesisch

„Überwältigend“, sagt Martin Kaspar und spricht dabei jede Silbe langsam und fast genussvoll aus. „Mit so etwas haben wir nie und nimmer gerechnet“, meint der Mitarbeiter im Rathaus von Schwäbisch Hall. „Vorgestern stand sogar einer vor meiner Tür.“

Schwäbisch Hall in Baden-Württemberg, 37.500 Einwohner, hat ein Problem: Die Wirtschaft brummt, die Arbeitslosigkeit liegt zwischen zwei und drei Prozent, es gibt vielleicht zehn Jugendliche ohne Job, in der Gegend sind etwa 2.750 Stellen unbesetzt. Weil sich schon lange keine geeigneten Bewerber finden, versuchte man im Rathaus etwas Neues: Schwäbisch Hall lud Wirtschaftsjournalisten aus Griechenland, Portugal, Italien und Spanien ein. Die sahen sich Ende Januar in Schwäbisch Hall um und schrieben danach in ihren Heimatblättern über die Vorzüge der baden-württembergischen Stadt.

Übertriebene Bilder

Einiges ging aber schief. Man verwechselte Brutto- und Nettolöhne und teilte den Portugiesen mit, ein einfacher Arzt würde monatlich 6.000 bis 8.000 Euro verdienen. Das Bild der Stadt geriet überaus farbenfroh und prächtig, vor allem in der portugiesischen Zeitung „Diario Economico“, die ihren Lesern auf mehreren Seiten auch noch mitteilte, die Beherrschung der deutschen Sprache sei in Schwäbisch Hall nicht unbedingt erforderlich. Über die hohen Lebenshaltungskosten wurde kein Wort verloren. Das grandiose Bild von Schwäbisch Hall wurde noch verstärkt durch Hunderte Facebook-Einträge und einen Bericht des portugiesischen Senders TVI. Zuschauer mussten anhand der Grafiken den Eindruck gewinnen, die Reise aus dem Südwesten Europas nach Schwäbisch Hall sei ein Klacks.

Was danach passierte, überstieg die Vorstellungskraft von Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim. „Ich freue mich“, meint der überwältigte Rathauschef. Aus Portugal trudelten über 13.000 Bewerbungen in Schwäbisch Hall ein, als E-Mails, als Anrufe, schriftlich. Im Rathaus, in der Arbeitsagentur, bei Firmen, bei Handwerkern – aber auch auf der privaten E-Mailadresse von Mitarbeiter Kaspar. „Woher die meine Adresse haben, ist mir schleierhaft.“

Bewerbungslawine kommt ins Rollen

Eine Bewerbungslawine hat die Kleinstadt überschwemmt. Es sind sogar Portugiesen einfach losgefahren nach Schwäbisch Hall und dort auf Jobsuche gegangen. „Unglaublich“, meint Herr Kaspar. Ein Barkeeper ist schon da und eingestellt, auch eine Küchenhilfe aus Portugal schält demnächst Kartoffeln in Schwäbisch Hall. Angeblich sind die ersten 18 Arbeitsverträge unterschrieben.

Jetzt muss der hohe Berg aus Bewerbungen abgetragen werden. Maler, Handwerker, Metallfacharbeiter, Ingenieure – fast alles wird gebraucht. „Das wird ein bisschen dauern“, heißt es im Rathaus. Warum vor allem Portugiesen kommen wollen und kaum Spanier oder Griechen, das hat man noch nicht herausgefunden.

Die Landesregierung in Stuttgart ist nicht so angetan. Ein gut gemeinter Versuch, heißt es im Wirtschaftsministerium. Gezielte Anwerbung müsse aber anders gehen. Auch Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände sind unfroh. Es gebe immer noch junge, vor allem aber ältere Arbeitslose, die nichts bekämen, heißt es. Auch werde es eine Menge Portugiesen geben, die enttäuscht würden.

Im Rathaus von Schwäbisch Hall stört man sich allerdings nicht an der Kritik. Vor fünf Jahren hatte man Ähnliches unternommen in der brandenburgischen Partnerstadt Neustrelitz: „Wir brauchen Sie!“, hieß die Anwerbe-Aktion im Juli 2007. Sie war ein Fehlschlag, trotz der hohen Arbeitslosigkeit im Nordosten. Damals kamen keine zehn Bewerber.