Zwanzigerjahre: Berlin – plötzlich Weltstadt

Jetzt gilt’s. Die Stimmung ist angespannt unter den Abgeordneten im Sitzungssaal der Preußischen Landesversammlung an der Prinz-Albrecht-Straße (heute Abgeordnetenhaus von Berlin an der Niederkirchnerstraße). An diesem zukunftsweisenden Dienstag, dem 27. April 1920, liegt das umstrittene „Gesetz über die Bildung einer neuen Stadtgemeinde Berlin“ zur Abstimmung vor, in dritter und letzter Lesung; bislang hat es keine Mehrheit gefunden.

Befürworter und Gegner des Gesetzes stehen sich unversöhnlich gegenüber, auf der einen Seite Sozialdemokraten (SPD) und Sozialisten (USPD), auf der anderen Nationalkonservative (DNVP), Nationalliberale (DVP) und Abgeordnete der Zentrumspartei sowie einerseits und andererseits Linksliberale (DDP).

Ein Zusammenschluss von Berlin und seiner Nachbarstädte und -gemeinden bietet sich seit längerer Zeit an und drängt sich in jüngerer auf. Das rasche Wachstum der Reichshauptstadt und seiner Vororte sowie die damit einhergehende territoriale Verflechtung schreien nach einer gemeinsamen Siedlungs- und Verkehrsplanung sowie einem gemeinsamen Verwaltungs- und Steuerwesen.

Seit langem pflegen die Städte und Gemeinden im Nebeneinander ein Gegeneinander, mitunter ein schilda-eskes. In Niederschöneweide liegen die Leitungen dreier verschiedener Gaswerke Seite an Seite in der Erde. Den Tegeler See nutzt Berlin als Trinkwasserquelle, Tegel und Reinickendorf leiten ihre Abwässer hinein.

Preußen selbst beabsichtigte eine Zeit lang, Berlin zu erweitern, um der Hauptstadt zu Größe und Glanz zu verhelfen, scheiterte aber an den herrschenden bürgerlichen Parteien in der Stadt, bei denen lokalste Interessen überwogen. Als sich Stadtvertreter für eine Eingemeindung aussprachen, war es zu spät. Der Aufschwung der Berliner Sozialdemokraten, ab 1893 ununterbrochen im Reichstag vertreten, bewog die konservative preußische Regierung, ihre Haltung zu ändern.

Und so zankten sich die Berliner und ihre Nachbarn weiter über Territorial- und Verwaltungsgrenzen, über Polizeibezirke, Zuständigkeiten von Stadt- und Kriminalgericht, Geldeinnahmen und ihre Verteilung.

Der Zweckverband Groß-Berlin, den die Städte Berlin, Neukölln, Lichtenberg, Charlottenburg, Schöneberg, Cöpenick, Wilmersdorf und Spandau sowie die Landkreise Teltow und Niederbarnim 1912 bildeten, sollte zumindest in Sachen Siedlungs- und Verkehrsplanung etwas bewegen; er erfüllte die Erwartungen nicht.

Gegensätzlich sind die Erwartungen der Städte und Gemeinden an ein einheitlich geleitetes, einheitlich versorgtes und einheitlich besteuertes Groß-Berlin. Die einen, die Ärmeren, hoffen zu profitieren, die anderen, die Wohlhabenden, fürchten draufzuzahlen. Mehr noch: Das alte Dreiklassenwahlrecht, das bis November 1918 bestand, garantierte die Vormacht der Besitzenden in den Kommunalvertretungen; das neue geheime, gleiche und direkte Wahlrecht, das auch für Frauen gilt, könnten dazu führen, bisherige Positionen zu verlieren.

Reinickendorf ersucht das Innenministerium schriftlich, die Eingemeindung „so schleunig wie möglich herbeiführen zu wollen“. Spandau hingegen beschwert sich: „Die Stadt Spandau soll trotz einmütigen Protestes ihrer Selbständigkeit beraubt und ohne zwingenden Grund eingemeindet werden.“ Rosenthal und Neukölln wiederum sprechen sich für eine Eingemeindung aus. Charlottenburg und Wilmersdorf werben für eine Vorortgroßstadt mit Steglitz, Friedenau, Schmargendorf und Grunewald.

Jetzt also gilt’s. Die Preußische Landesversammlung schreitet zur Abstimmung. In die Urnen rascheln blaue Ja- und rote Nein-Karten. Nicht alle Parteien sind in Sollstärke vertreten. Von den 402 Abgeordneten fehlen 84, davon 67 unentschuldigt. Innerhalb von zehn Minuten erfolgt die Auszählung: 165 Ja- zu 148 Nein-Stimmen bei 5 Enthaltungen. Bravo-Rufe auf der Linken, Zischen auf der Rechten. Am 1. Oktober 1920 tritt das Gesetz in Kraft.

Berlin ist jetzt janz jroß. Die neue Stadt, aufgeteilt in 20 Bezirke, ist von einem Tag auf den anderen ihrer Fläche nach die zweitgrößte Stadt der Welt (hinter Los Angeles) und ihren Einwohnern nach die drittgrößte (hinter London und New York).

Durch die Eingemeindung von 7 Städten, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirken verdreizehnfacht sich das Stadtgebiet auf 878,1 Quadratkilometer. Die Bevölkerung verdoppelt sich nahezu: von knapp zwei Millionen (1 928 432 Einwohner) auf 3,7 Millionen (3 690 131). Fünf Jahre später, im Juni 1925, leben in der Stadt über vier Millionen Menschen (4 024 286) und Ende 1942 so viele wie nie zuvor und nie danach: fast viereinhalb Millionen (4 478 102).

Keine Zeit! Keine Zeit! Keine Zeit!

Wer hätte gedacht, dass aus einer Furt über die Spree eine Weltstadt entspringen würde?

Es sei von der Geschichte wirklich nicht vorgesehen gewesen, schreibt der Verleger und Schriftsteller Wolf Jobst Siedler, „daß sich Berlin an dem eigenen Schopf aus der Banalität zog“. Ironie der Geschichte: dass ein Aufschwung stets in einen Zusammenbruch mündete: Preußen ging fast unter in den Napoleonischen Kriegen, das Kaiserreich ging unter im Ersten Weltkrieg, die Weimarer Republik im Nationalsozialismus.

Der französische Philosoph und Soziologe Raymond Aron sagte 1945 in den Ruinen von Berlin zum amerikanischen Historiker Fritz Stern: „Ach, wenn man denkt, dies hätte das Jahrhundert der Deutschen sein sollen. Deutschland hat alles selber zunichte gemacht. Und dabei schickte Berlin sich doch gerade an, die älteren und glanzvolleren Metropolen Europas an den Rand zu spielen.“

Über der Weimarer Republik hängen die Schatten des Kaiserreichs, das in der Revolution 1918/19 endete, der Mär vom im Felde unbesiegten, von den Revolutionären hinterrücks gemeuchelten Heer (Dolchstoßlegende) und des Friedensvertrags von Versailles 1919, der den Deutschen die Alleinschuld am Krieg gibt und ihnen Gebietsabtretungen und Reparationsforderungen auferlegt, welche die Wirtschaft auf Jahre belasten.

Doch das Reich bleibt bestehen; und die Republik hat ein Potenzial, das viele Deutsche erst wahrnehmen, als es nicht mehr zu nutzen ist.

Deutschland wird zu einem Laboratorium der Zwanzigerjahre, und Berlin wird zum größten Experiment. Die Stadt pulsiert und vibriert, zischt und zuckt, sprudelt und spritzt, knallt und schallt. Schnelllebig sind diese Jahre. Der Schriftsteller und Satiriker Walter Mehring bedichtet das „Berliner Tempo“, der Kabarettist Paul Graetz rezitiert es: „Mit der Uhr in der Hand, Mit’m Hut uff’m Kopf, Keine Zeit! Keine Zeit! Keine Zeit! … Mach Kasse! Mensch! Die Großstadt schreit: Keine Zeit! Keine Zeit! Keine Zeit!“

Es ist eine verwirrende Zeit, befreiend und beängstigend, geistreich und gespenstisch, glanz- und unheilvoll zugleich, eine Zeit, in der die einen sich auf die Tage und Nächte stürzen, lebenslustig, -hungrig, -gierig, und die anderen sich durch die Alltage schleppen, vom Leben gebeutelt, am Leben verzweifelnd, des Lebens müde.

Sefton Delmer, 1904 in Berlin geboren, ab 1929 als Korrespondent der Tageszeitung Daily Express tätig, verstand „den irrsinnigen Wirbel“ in der Stadt „als eine Art pompejanisches Gelage am Vorabend des Ve-suvausbruchs“. Niemand konnte sich dem Tanz am – nicht selten auf dem – Vulkan entziehen.

Es ist, als gäb’s kein Morgen mehr. Alles ist möglich, im Guten wie im Bösen. Berlin, befreit von wilhelminischen Konventionen, ist im Höhenrausch. Der Rausch ist beglückend, seine Nebenwirkungen sind beängstigend.

Es gibt Umsturzversuche von links außen, den Januaraufstand und die Märzkämpfe 1919, und rechts außen, den Kapp-Putsch im März 1920.

Es gibt Radikalismus: 376 Menschen werden zwischen 1919 und 1922 umgebracht; 354 Taten sind Rechtsradikalen zuzuschreiben, darunter die Morde an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht sowie Reichsaußenminister Walther Rathenau.

Es gibt Regierungskrisen: Die Republik hat innerhalb von 14 Jahren 21 Regierungen.

Es gibt Verelendung durch Inflation und Weltwirtschaftskrise.

Unter Gustav Böß (DDP), von Januar 1921 bis November 1929 Oberbürgermeister von Groß-Berlin, steht der Magistrat vor drei großen Herausforderungen: Wohnungsnot lindern, Energiebedarf decken, Verkehrsnetz ausbauen.

Der Bedarf an Wohnungen stellt den Magistrat vor gewaltige Herausforderungen. Zwischen 1919 und 1923 entstehen noch nicht mal 10.000 Wohnungen; vor 1914 waren es 20.000 – jährlich.

Das Kaiserreich hatte den Wohnungsbau weitgehend Geschäftemachern überlassen, die mit dichtester Bebauung höchsten Gewinn machten. So entstand, wie der Architekt und Stadtplaner Werner Hegemann 1930 schreibt, die „größte Mietskasernenstadt der Welt“, die „vier Millionen künftiger Berliner zum Wohnen in Behausungen verdammte, wie sie sich weder der dümmste Teufel noch der fleißigste Berliner Geheimrat oder Bodenspekulant übler auszudenken vermochte“.

Die Mietskasernenstadt Berlin zwängt, statistisch betrachtet, 78 Menschen in ein Haus (Paris 38, London 8). Die Unterschiede zwischen den wohlhabenden Bezirken im Westen und Südwesten zu den übrigen sind erheblich: In Zehlendorf sind es 10, in Wedding 93 Menschen.

Der Berliner Magistrat erlässt 1925 eine Bauordnung, die den Bau von Mietskasernen verbietet und die Randbebauung ohne Quer- und Seitengebäude nach modernen sozialen und hygienischen Erkenntnissen verlangt, und er kauft Grund und Boden. Der städtische Wohnungsbau fördert das „Neue Bauen“, getragen von gewerkschaftsnahen oder -eigenen Unternehmen und geprägt von sozial engagierten Architekten wie Bruno Taut, Walter Gropius und Hans Scharoun.

Der soziale Wohnungsbau kann die Not nicht beseitigen. Die Mieten in den Großsiedlungen sind trotz aller Anstrengungen, die Baukosten so gering wie möglich zu halten, nicht niedrig genug. Nur Facharbeiter, Angestellte und Beamte können sich eine Neubauwohnung leisten.

Die Bemühungen der Stadt, die Energieversorgung zu sichern, sind erfolgreicher. Im November 1923 gelingt die Umwandlung der Gas-, Wasser- und Elektrizitäts-Werke in kommunale Aktiengesellschaften: Berliner Städtische Gaswerke AG (Gasag), Berliner Städtische Wasserwerke AG (Wassag) und Berliner Städtische Elektrizitätswerke AG (Bewag).

Bei der Aufgabe, den städtischen Verkehr zu ordnen, treibt der Magistrat den U-Bahn-Bau voran, bindet die Arbeiterviertel im Norden und Osten sowie die Industrieviertel an den Stadträndern an die Innenstadt an, sodass sich das Liniennetz von vor dem Krieg bis Ende 1930 verdoppelt. Zudem gelingt es 1929, alle privaten Verkehrsbetriebe zur Berliner Verkehrs-Aktiengesellschaft (BVG) zusammenzuschließen. Der Berliner an sich nutzt Bahnen und Busse, doch immer mehr leisten sich ein Kraftfahrzeug, das die Droschke aus den Straßen verdrängt.

Monate zuvor, im Frühsommer 1928, machte ein Berliner mit seiner Kutschfahrt nach Paris auf das „Droschkensterben“ aufmerksam: Gustav Hartmann, genannt „Eiserner Gustav“.

Zentrum der Wirtschaft

Die Zahl der Automobile steigt sprunghaft an: 1922 gibt es 17.000, Anfang 1929 schon 82.000 Kraftfahrzeuge, wie den Hanomag 2/10 PS, den ersten deutschen Kleinwagen, wegen seiner Form „Kommißbrot“ genannt, oder den Horch 12/60 PS, das erste deutsche Serienfahrzeug mit Achtzylindermotor.

In keiner anderen deutschen Stadt wird so viel über den Autoverkehr gesprochen wie in Berlin. Dabei kann 1926 erst einer von hundert Berlinern ein Kraftfahrzeug sein Eigen nennen; in dreizehn anderen deutschen Städten liegt die Zahl der Fahrzeuge pro Kopf der Bevölkerung höher. „Geradezu lächerlich“ sei, spottet Kurt Tucholsky in der Weltbühne im November 1926, „was zur Zeit in dieser Stadt aufgestellt wird, um den Verkehr zu organisieren, statistisch zu erfassen, zu schildern, zu regeln, abzuleiten, zuzuleiten … Ist er denn so groß? Nein.“ An seinen Brennpunkten entspreche er „einer mittlern Pariser Straße abends um 6 Uhr“.

Größe zeigt die deutsche Hauptstadt woanders. Berlin ist Zentrum der deutschen Wirtschaft, ist Sitz der Reichsbank und der Wertpapierbörse. Mehr als ein Viertel aller deutschen Aktiengesellschaften hat ihre Hauptniederlassung in der Stadt. Die Reichshauptstadt ist Mitte 1925 die größte Industriestadt Europas, mit annähernd 300 000 Betrieben und 1,8 Millionen Beschäftigten.

Die elektrotechnische Industrie steht an der Spitze, mit Firmen wie AEG, Siemens, Bergmann-Elektrizitäts-Werke, Telefunken und Osram; gefolgt von der Metallindustrie mit Maschinen-, Apparate- und Fahrzeugbau in Gestalt von Borsig, Orenstein & Koppel, Knorr-Bremse und Nationale Automobil-Gesellschaft (NAG) sowie dem Bekleidungsgewerbe mit Klein- und Alleinbetrieben.

Aufsehen erregt Berlin in Wissenschaft, Forschung und Technik. Am Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik ist Albert Einstein seit 1917 Direktor, am Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie forschen Otto Hahn und Lise Meitner. An der Charité entschlüsselt Otto Heinrich Warburg 1926 den Stoffwechsel in Tumoren; damit setzt er einen Meilenstein in der Krebstherapie. Und bei der Funkausstellung 1928 gibt es am Stand von Telefunken die erste öffentliche Vorführung von Fernsehbildern.

Die Entwicklung der Stadt zu einer Weltmetropole ist auf keinem Gebiet so offenkundig wie auf dem der Kultur: Es gibt zeitweise vier Opernhäuser und drei große Revuetheater, drei Varietés, zahlreiche Theater, Kabaretts und Kleinkunstbühnen, manche mit Nackttanzauftritten von Anita Berber, der Femme fatale jener Jahre schlechthin.

Eine ungehemmte Lebenslust bricht sich Bahn. Freizeit ist eine große Sache. Zerstreuung finden Berliner bei Ausflügen ins Jrüne, in Sport- und Gesangsvereinen, auch in der Freikörperkultur-Bewegung. Junge Leute frönen dem Shimmy, Charleston und Black Bottom; die Tänzer schütteln sich Langeweile oder Sorgen vom Leib. Besucher aus aller Welt strömen in die Stadt, ganz im Sinne des Schlagworts (und Liedes) „Jeder einmal in Berlin“, mit dem das Ausstellungs-, Messe- und Fremdenverkehrsamt wirbt.

„Es gab kaum noch eine Straße, in der sich nicht ein Nachtlokal etablierte, manchmal nur mit sechs oder acht Tischchen“, erinnert sich der Journalist und Schriftsteller Curt Riess. Und: „Es war schick, Rauschgifte zu nehmen. Kokain war eine Zeit lang Mode. Man bekam es in jedem zweiten Nachtlokal bei der Toilettenfrau …“ Kleinste (gestreckte) Mengen gab es in der südlichen Friedrichstraße ab 1,50 Mark.

Das Babel der Welt

Auch das Geschäft mit der käuflichen Liebe boomt. Erlaubt ist, was gefällt, auch gleichgeschlechtliche Liebe. Von der Elends- bis zur Edelprostitution: Sex kann sich fast jeder leisten. Jeder kommt vornehmlich aus der Provinz oder dem Ausland. Und jedes Verlangen wird gestillt. Jedes. Zur Verfügung stehen Frauen und Mädchen, Männer und Jungs, Schwangere, Greise, Versehrte ... Der Schriftsteller Stefan Zweig sieht in Berlin „das Babel der Welt“.

Und in diesem Babel blüht die organisierte Kriminalität, deren Säulen die Ringvereine sind. Ende 1929, als die Weltwirtschaftskrise Fahrt aufnimmt, gibt es in Berlin 60 Ringvereine mit 1 600 Mitgliedern: Taschenkrebse (Taschendiebe) und Öler (Wechselgeldbetrüger), Schutzgeldeintreiber und Wettbetrüger sowie, ganz oben in der Hierarchie, Schränker (Safeknacker).

Berlin bleibt „ein Konglomerat zusammengebündelter Städte und Dörfer unterschiedlichster Struktur“, wie die Schriftstellerin Annemarie Lange schreibt. Und noch etwas bleibt: die soziale Kluft zwischen den Bezirken. Die nördlichen, östlichen und südlichen Stadtgebiete, wo viele Arbeiterfamilien hausen, sind besonders arm dran.

Suche nach dem Absoluten

Golden sind die Zwanziger nur für eine Minderheit.

Die Gebrüder Max, Leo und Willi Sklarek sind Teil dieser Minderheit. Und als Textilunternehmer, die auf Geheiß von Berlins Oberbürgermeister Gustav Böß alle Stadtbediensteten einkleiden dürfen, sind sie verantwortlich für den größten Kreditbetrugs- und Korruptionsskandal der Republik. Er kostet die Stadt zehn Millionen Mark und Böß das Amt. Und stärkt die demokratiefeindlichen Kräfte.

Als „Chaos von Städten“ schätzt der Arzt und Schriftsteller Alfred Döblin, der an der Frankfurter Allee wohnte, Berlin. Das „rebelliert, konspiriert, brütet rechts, brütet links, demonstriert. Mieter, Hausbesitzer, Juden, Antisemiten, Arme, Proletarier, Klassenkämpfer, Schieber, abgerissene Intellektuelle, kleine Mädchen, Demimonde, Oberlehrer, Elternbeiräte, Gewerkschaften, zweitausend Organisationen, zehntau- send Zeitungen, zwanzigtausend Berichte, fünf Wahrheiten. Es glänzt und spritzt. Ich müßte ein Lügner sein, wenn ich verhehle: Öfter möchte ich auskneifen, das Geld fehlt; aber ebenso oft würde ich zurückkehren.“

Die zwanziger Jahre sind glanz- und unheilvoll zugleich. Was auch geschieht und nicht geschieht – schuld ist die Republik. Als ihr Ende maßgeblich beeinflussend erweisen sich die Jahre 1923: Hyperinflation; 1925: Tod des Reichspräsidenten Friedrich Ebert und Wahl Paul von Hindenburgs als Nachfolger, der die Dolchstoßlegende miterfand, die Demokratie mitauszehrte und Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannte; 1929: Tod des Reichsaußenministers Gustav Stresemann, der 1926 zusammen mit seinem französischen Amtskollegen Aristide Briand den Friedensnobelpreis erhalten hatte, und Beginn der Weltwirtschaftskrise.

Von einer nie dagewesenen intellektuellen Fruchtbarkeit seien die zwanziger Jahre gewesen, „genährt von dem nervösen, neurotischen Gefühl der Unsicherheit und Unbehaustheit“, schreibt der Historiker Hagen Schulze. „Die Suche nach dem Absoluten, dem zeitlos Gültigen, der großen Einheit, nach dem vollkommen Neuen und der neuen Vollkommenheit eint die Richtungen über alle weltanschaulichen Abgründe hinweg.“

Viele Großstädte erlebten diese Fruchtbarkeit: New York, London, Paris. Bei den Amerikanern und den Briten hießen jene Jahre „The Roaring Twenties“, die stürmischen, wilden, unberechenbaren Zwanziger; bei den Franzosen hießen sie so, wie sie wirklich waren: „Les Années Folles“ – Die verrückten Jahre. Für Peter de Mendelssohn, der 1926 in Berlin eine Karriere als Journalist begann, waren die Zwanziger „eigentlich das Jahrzehnt Berlins (…) In diesen Jahren gab Berlin sein Bestes; und das war viel. Natürlich war ein guter Teil davon ,Größenwahn‘ und ,Schall und Rauch‘, Betrieb, Geschwätz, ,Tempo‘ um seiner selbst willen. Aber was an solider Leistung und Anregung blieb, hat die übrige Welt auf Jahre und Jahrzehnte hinaus befruchtet.“

Am Ende der Zwanzigerjahre häufen sich aber auch die faulen Früchte. Und in ihnen gärt ein Größenwahn, der Verderben über die Welt bringt.