In der Zalando-Zentrale wird noch in diesem Herbst der erste Betriebsrat gewählt.
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BerlinDie Berliner Smartphone-Bank N26 gilt bis heute als der Shootingstar der jungen deutschen Fintech-Szene. Mit einer App sollte die analoge Bankenwelt mit ihren Filialen und Formularen aufgemischt werden. Hatte das Unternehmen die Geldgeschäfte zunächst noch über einen Zahlungsdienstleister abgewickelt (Wirecard übrigens), so bekam N26 im Jahr 2016 als erstes deutsches Start-up eine Bankenlizenz. Investoren wie der chinesische Internet-Riese Tencent fütterten das Unternehmen regelmäßig mit mehrstelligen Millionenbeträgen. Fünf Millionen Kunden zählt die Bank inzwischen.

Dabei ist N26 gar nicht so radikal anders, wie es das Unternehmen gern darstellt: Kunden wurden Konten gekündigt, wenn sie nach N26-Verständnis zu häufig Geld abgehoben hatten. In dringenden Fällen wie etwa Geldverlust war die Bank nicht erreichbar. Zeitweise konnten sogar Ausweisdokumente abgefischt werden.

Während die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht bereits 2018 eine ungenügende Personalausstattung rügte, ist die Situation bei N26 in der Klosterstraße in Mitte inzwischen eskaliert. Vor einigen Wochen formulierten Mitarbeiter, dass das Vertrauen in die Geschäftsführung einen „historischen Tiefstand“ erreicht habe. Ein Betriebsrat sollte gegründet werden, doch wurde das per einstweiliger Verfügung durch die Geschäftsführung blockiert.

Die Begründung lieferten die N26-Chefs Valentin Stalf und Maximilian Tayenthal in einer internen Mail, aus der das Onlinemagazin „Finance Forward“ zitierte. Demnach verlangsame ein Betriebsrat das unternehmerische Agieren, mache die „Zusammenarbeit komplexer und hierarchischer“ und  untergrabe eine „Kultur des Vertrauens“. Ein Betriebsrat sei einfach „kein zeitgemäßes Instrument des Mitarbeiterengagements“.

Wenngleich sich Bankenchef Stalf inzwischen für die Blockade entschuldigte und eine Betriebsratsgründung ausdrücklich unterstützt, so stellt sich doch die Frage, ob sich in der Situation zugleich der Zustand der allgemein gefeierten Berliner Start-up-Landschaft manifestiert. Zumal Forscher des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung gerade erst über eine Studie zu dem Ergebnis kamen, dass etwa jede sechste Neugründung von Betriebsräten in Deutschland behindert wird. Kandidaten seien eingeschüchtert, Kündigungen angedroht worden.

Wie viele der Berliner Start-ups tatsächlich über einen Betriebsrat verfügen, das vermag interessanterweise niemand exakt zu sagen. Dass es sehr wenige sind, gilt aber als sicher. Während laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung ohnehin in nur neun Prozent aller Unternehmen in der Bundesrepublik ein Betriebsrat besteht, schätzt Daniel Wucherpfennig, Start-up-Experte bei der hiesigen Regionalvertretung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), den Betriebsrats-Anteil unter Berliner Start-ups auf „vielleicht fünf Prozent“.

Fragt man unter Firmengründern nach, lautet die Standard-Antwort, dass von den Mitarbeitern noch niemand nach einem Betriebsrat gefragt habe. Wer in einem Start-up arbeitet, schätzt die flachen Hierarchien, die flexiblen Arbeitszeiten und die Gelegenheit, neben Tisch-Kicker und bei Gratis-Obst an der Revolutionierung einer Branche mitzuarbeiten. Dafür gibt man offenbar gern. Laut DGB-Mann Wucherpfennig sei Selbstausbeutung die Regel. „Es geht um 50- bis 60-Stunden-Wochen bei einer Bezahlung am unteren Rand“, sagt er. Turbokapitalismus in der Hippie-WG mit mehr oder weniger starken Ausschlägen in die eine oder andere Richtung.

Allerdings gibt es in vielen kleinen Start-ups durchaus Formen von Mitbestimmung. Hat ein junges Unternehmen nur höchstens zwei, drei Dutzend Mitarbeiter, werden selbst Themen wie neue Geschäftsfelder und Unternehmensstrategien mit einem Hauch von Basisdemokratie im großen Kreis diskutiert. Laut Wucherpfennig sei das sogar bei den meisten der kleinen Start-ups der Fall.

Oliver Hauser hält von dieser Art Mitbestimmung nicht viel. „Schülervertretungen“ nennt er die Gremien, die als Betriebsrats-Alternativen verstanden werden sollen. „Das funktioniert nur, solange der Direktor reden will“, sagt Hauser. Wenn nicht, sei die Vertretung machtlos, so der Verdi-Gewerkschaftssekretär für IT- und Telekommunikationsunternehmen. Viele säßen den ganzen Tag beim Arbeitgeber auf dem Schoß. Das habe nichts mit einem Betriebsrat zu tun, sagt der 33-jährige Gewerkschafter.

Nach Hausers Erfahrungen entstünden Probleme vor allem, wenn die Unternehmen größer werden und Servicebereiche benötigen. Dort seien schlechte Bezahlung und befristete Arbeitsverträge der Normalfall. Dass in Start-ups aber ausschließlich prekäre Arbeitsverhältnisse bestehen, will Hauser nicht bestätigen. Softwareentwickler würden in Berlin gut bezahlt werden. Allerdings gibt es laut Hauser innerhalb der Unternehmen große Einkommensunterschiede, für die aber auch die gepriesene Internationalität von Mitarbeitern und deren Unkenntnis deutscher Arbeitnehmerrechte ausgenutzt werde.

„Wenn ein deutscher Softwareentwickler 80.000 Euro im Jahr bekommt, dann verdient eine Softwareentwicklerin aus Südamerika oft nur halb so viel“, sagt der Verdi-Mann. Die Lohngestaltung sei völlig intransparent, und die Leute haben dann natürlich bald das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden. „Das macht unzufrieden“, sagt Hauser. Auch bei N26 sei das eines der Probleme. „Solche Konflikte löst man nicht mit einer Schülervertretung.“

Wenngleich beim Bundesverband Deutscher Start-ups wenigstens die „grundsätzliche Sinnhaftigkeit eines Betriebsrates“ als „unbestritten“ gilt, wollen große Start-ups über das Thema nicht einmal reden. „Wir lehnen einen Kommentar höflich ab“, lautet etwa die Antwort des bei Investoren sehr beliebten Start-ups Getyourguide auf die schlichte Frage, ob im Unternehmen ein Betriebsrat existiere. Bei Home24 mit mehr als 500 Beschäftigten in Berlin gibt es zwar seit 2019 einen Betriebsrat. Allerdings ist dieser keine Vertretung im Sinne des Betriebsverfassungsgesetzes. Konkret und namentlich wollten sich weder Geschäftsführung noch „Betriebsrat“ äußern.

Derweil wird in der Zalando-Zentrale in Friedrichshain die Wahl eines Betriebsrats vorbereitet. Dieser soll mehr als 5000 Beschäftigte aus 130 Nationen vertreten und entsteht offenbar mit Unterstützung der Geschäftsführung. Jedenfalls wurde für die Wahl des Wahlvorstands die Mercedes-Benz- Arena gemietet. Im November soll der Betriebsrat seine Arbeit aufnehmen, zwölf Jahre nachdem Robert Gentz und David Schneider das Unternehmen gründeten. Beide sind übrigens auch an der Smartphone-Bank N26 beteiligt.