Wir erinnern uns: Als direkte Konsequenz aus den Finanzmarktturbulenzen ziehen mit den Minustemperaturen im Winter 2008 (weit vor 2020 also und der Pandemie) die Themen Therapie und Sinnstiftung in international besetzte Politikrunden ein. Die Systemfrage wird nicht mehr länger nur in den Feuilletons der Presse behandelt, auch in den Wirtschaftsspalten wird Platz gemacht für Grundsatzkritik. In der Bevölkerung keimt der Gedanke, ob vielleicht grundsätzlich etwas faul sein könnte im System. Ob es wirklich reicht, nur die Banken besser zu kontrollieren, Konjunkturprogramme zur Stützung aufzulegen und vielleicht den Hartz-IV-Regelsatz zu erhöhen. Bedarf es nicht eines größeren Lösungsansatzes, eines grundlegenderen Wandels, um dem vermeintlich entfesselten Kapitalismus beizukommen?

Rezessionen gab es im 20. Jahrhundert einige, aber mit der Finanzkrise kehrt 2008 das erste Mal nach dem Zweiten Weltkrieg die Erinnerung an die Fragilität der eng vernetzten, globalen Wirtschaft schlagartig ins öffentliche Gedächtnis zurück. Im gleichen Zeitraum vermeldet der Berliner Karl Dietz Verlag, Karl Marx' „Kapital“ sei ausverkauft. Angesichts des krankenden Zustands der Weltwirtschaft wird das Erbe des Urvaters aller Kapitalismuskritiker offensichtlich als Vorlage für notwendige Kurskorrekturen der Gegenwart wiederentdeckt.

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