PARIS, 26. Juli. Am Morgen des 13. Juli war "L Equipe", Frankreichs auflagenstärkste Tageszeitung, schon nach wenigen Stunden ausverkauft. Eine Schlagzeile auf der Titelseite dieses Zentralorgans des französischen Sports: "Ein historischer Tag". Frankreich war Weltmeister. Im Fußball und überhaupt. "L Equipe" druckte nach und erreichte seine höchste je erreichte Auflage: 1 956 573 Millionen Exemplare. In der Nachkriegsgeschichte halten den Vergleich damit nur die beiden Ausgaben von "France Soir" stand, in denen der Fall von Dien Bien Phu der Tod De Gaulles gemeldet wurde.Dennoch erlebten die Redakteure von "L Equipe" den Sieg mit gemischten Gefühlen. Für einige war der "historische Tag" eine persönliche Niederlage. Wie viele französische Sportjournalisten hatten die Fußball-Experten dem Nationaltrainer Aimé Jacquet diesen Erfolg nicht zugetraut. Aber nur in "L Equipe" hatte über ihn gestanden, er sei "nicht der richtige Mann". Nur dort nannte man die Nationalmannschaft einen "Krämerladen". Und als der Trainer schließlich bei der Vorauswahl nicht 22, sondern 28 Spieler präsentierte, hatte nur L Equipe so bissig reagiert: "Wie wär s, wenn wir zu dreizehnt spielten?"FehleinschätzungenSo konnten nach dem WM-Sieg peinliche Szenen nicht ausbleiben: Redaktionsdirektor Jérôme Bureau zerknirschte sich: "Ein Glückwunsch auch an Aimé Jacquet. Wir haben vor der WM ausreichend Mißtrauen kundgetan und schulden im jetzt eine Hommage. Weiterhin sind wir mit einigen seiner grundsätzlichen Entscheidungen nicht einverstanden, aber beim Sport zählt sicher nur der Erfolg." Aber der gezauste Trainer zeigte sich unerbittlich. Er revanchierte sich, indem er seine Rivalen des "Monopols der Dummheit" zeihte und im Fernsehen wissen ließ: "Ich werde das nie vergeben." Am Abend bat Jérôme Bureau in einer Live-Sendung mit geröteten Augen um Verzeihung, am Morgen des 14. Juli stand ein umfangreiches mea culpa in der Zeitung. Er kämpfte um seinen Job und um seinen Ruf als Journalist. Auch am folgenden Tag geißelte er seine Fehler ein weiteres Mal im Blatt. Er hätte seinen Rücktritt angeboten, teilte er mit, doch der Verlag habe ihn nicht angenommen.Auch Jacquet setzte ein weiteres Mal nach: "Leider wurde die Redaktion von einigen Gangstern besetzt", sagte er in einem Zeitungsinterview: "Ich stelle mir vor, was passiert wäre, wenn ich verloren hätte. Ich hasse diese Leute, weil sie vor nichts Achtung haben." Die "französische Soap-opera", wie es das Blatt "Libération" nennt, dürfte noch einige Folgen haben. Inzwischen spielt dabei sogar mutwillige Sachbeschädigung eine Rolle: Die Fahrzeuge von "L Equipe", die die Tour de France begleiten, müssen vor Steinewerfern geschützt werden. Und das ausgerechnet bei der Tour de France, die doch eine Erfindung von "L Equipe" ist. Victor und Henri Desgrange, die Gründer von "L Auto", wie die Zeitung 1903 noch hieß, hatten sich nicht verrechnet: Die Auflage ihrer Publikation stieg von 33 000 auf 65 000 Exemplare. 1944 wurde "L Auto" in einem großen ideologischen Aufwasch verboten. Am 28. Februar 1946 ließ Victor Goddets Sohn Jacques das Blatt unter dem Namen "L Equipe" ("Die Mannschaft") wiedererstehen. Der heute 96jährige Jacques Goddet war von 1936 bis 1987 Generaldirektor der Tour. Sein Nachfolger Jean-Marie Leblanc ist ebenfalls mit "L Equipe" verbandelt: Er war zuvor Leiter der Radsport-Redaktion.Daß das Blatt als indirekter Mitveranstalter der Tour bei der Berichterstattung in einen Interessenkonflikt kommen könnte, wird aber ungefragt bestritten. Im Gegenteil: "L Equipe" wolle das "Gesetz des Schweigens" brechen. Vorerst erfolglos: In einem "Omerta" überschriebenen Artikel war vor wenigen Tagen zu lesen, daß einer der Fahrer einem "L Equipe"-Journalisten erschreckende Enthüllungen machte und dann darum bat, das Interview nicht zu drucken.Aus den sieben Sportarten Autorennen, Radfahren, Leichtathletik, Segeln, Ballonfahrt, Fechten und Reiten , über die "L Auto" zuletzt berichtete, sind in "L Equipe" über dreißig geworden dabei gilt die Zeitung als konservativ, wenn es um die Anerkennung neuer Sportarten geht. Mit Erfolg wiederholte Goddet auch das Experiment seines Vaters: Die Sportzeitung schafft sich Ereignisse, über die sie schreibt, darunter die Autorallye Paris Dakkar, der Basketball-Europacup und der Ski-Weltcup, selbst.Die Gesellschaften, die wie die "Société du Tour de France" als Veranstalter dieser Sportereignisse auftreten, sind heute in der "Amaury Sport Organisation" (ASO) zusammengefaßt. ASO wiederum ist eine Tochter der Editions Philippe Amaury, dem viertgrößten Printmedienkonzern Frankreichs mit insgesamt 1 600 Beschäftigten. "L Equipe" und das seit 1980 existierende Magazin für die Sonnabendausgabe, diverse spezialisierte Sportzeitschriften wie "Tennis de France" und "France Football" sowie eine eigene Sport-Fotoagentur sind dabei nur ein Standbein des Konzerns. Das andere ist die Pariser Lokalzeitung "Le Parisien", die zusammen mit der nationalen Ausgabe "Aujourd hui" die größte allgemeininformierende Tageszeitung Frankreichs ist. InteressenkonflikteNach der Jacquet-Affäre drückt jetzt der Festina-Skandal auf die Stimmung bei "L Equipe". Nachdem die angesehene "Le Monde" einen Abbruch gefordert hat, konterte "L Equipe" mit einem flammenden Kommentar: "Nein, man darf auf keinen Fall die Tour stoppen", schrieb Chefredakteur Jérôme Bureau. Dieses Huhn legt mehr goldene Eier als je zuvor. Die rund 200 Journalisten sind am Umsatz beteiligt, und der stieg dank der Fußball-Weltmeisterschaft in unerwartete Höhen. "Über Zahlen reden wir nicht so gern, wir bleiben lieber bescheiden", erfährt man in der Redaktion. Verheimlichen können die Mitarbeiter ihre Erfolge allerdings auch nicht: Die Sonntagsausgabe von "L Equipe", zu der sich die Redaktion aus Anlaß der Fußball-WM entschloß, fand unerwartet großen Absatz und soll nun weitergeführt werden. So gut geht es der Zeitung, daß man sich jetzt das Wagnis eines über Kabel zu empfangenden Sportkanals, "L Equipe TV", leisten wird. Sendestart ist der 31. August.Vor allem aber beginnt "L Equipe" bereits, mit Macht für das nächste sportliche Großereignis nach der WM zu werben: Paris soll Austragungsort der Olympischen Sommerspiele 2008 werden. Die Geschichte von "L Equipe" wird aller Kritik zum Trotz weitergehen und dem olympischen Motto folgen: "Schneller, höher, weiter."