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Wissen & Forschen: Göttliche Stufen für den Pharao

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Grafik: Isabella Galanty

Seine Brüste wirken fast weiblich, er blickt entspannt und freundlich. Die Beine jedoch sind angeschwollen, der Mann hat offensichtlich Wasser in den Füßen. Anzeichen einer Herzschwäche oder von zu viel Alkoholgenuss. Kein Wunder, Prinz Hem-iunu hatte enormen Stress hinter sich. Denn der Wesir leitete die gewaltigste Großbaustelle der Antike, er vollendete vor rund 4 500 Jahren den Bau der Cheops-Pyramide, die von der gottgleichen Macht des Pharao künden sollte.

Hem-iunus überlebensgroße Statue aus feinem Kalkstein wird heute in Hildesheim aufbewahrt. Die Hieroglyphen auf der Fußplatte verraten seine enorme Machtfülle und die Wertschätzung durch Cheops. „Der Fürst, der einzige Freund des Pharaos, Meister der Schreiber, Vorsteher aller Bauarbeiten des Pharao, der leibliche Königssohn Hem-iunu“, heißt es dort.

Vor allem die Ernennung zum leiblichen Sohn ist bedeutsam, denn tatsächlich war Hem-iunu nur ein Neffe oder Cousin von Cheops. Die durch ihn organisierte Bauleistung mit Hilfe von rund 20 000 Arbeitern ist bis heute ehrfurchtgebietend. Auf Anhieb gelang Hem-iunu der Bau der mit ursprünglich 146,5 Metern Höhe größten jemals errichteten Pyramide. Rund 20 Jahre benötigten die Steinmetze dafür. Fast 4 000 Jahre lang blieb sie das höchste Gebäude der Erde.

Die sechs Pyramiden der 4. Dynastie (2639–2504 v. Chr.), zu der auch die von Pharao Cheops gehört, stellen drei Viertel der Gesamtmasse ägyptischer Pyramiden dar. In nur 80 Jahren wurden zwölf Millionen Steinblöcke aufgetürmt. Im Schnitt waren das 400 Blöcke am Tag, alle eineinhalb Minuten ein Brocken von 50 bis 120 Zentimetern Länge.

Die Klage der Hildesheimer Ägyptologin Bettina Schmitz aus den Achtzigerjahren, man wisse nur, dass die Ägypter die technischen Probleme bewältigt hätten, aber leider nicht wie, gilt im Grunde bis heute. Zwar gibt es Darstellungen zum Transport mit Schiffen auf dem Nil und mittels Rollen oder Schlitten an Land. Doch wie wurde die Pyramide selbst errichtet, das einzige erhaltene der Sieben Weltwunder der Antike?

Die Vorschläge gehen zumindest für den unteren Teil der Pyramide von einer Rampe aus, um die bis zu 50 Tonnen schweren Steinplatten der Grabkammer zu transportieren. Diese liegt im ersten Drittel der Pyramide, in der bereits 80 Prozent der Gesamtmasse stecken. Höher konnte man die Rampe allerdings kaum bauen, denn dann wäre sie bei einer Steigung von fünf Prozent am Ende drei Kilometer lang geworden und hätte das Zehnfache des Volumens der Pyramide selbst erreicht. Auch Erklärungsversuche mit sich um die Pyramide hinaufwindenden Rampen oder Aufgängen innerhalb der Pyramide lassen sich kaum real umsetzen. Der direkte Transport auf Schienen, wobei Menschen als Gegengewicht nach unten an Seilen ziehen, ist Teil einer plausibleren Theorie, aber durch keine Funde belegbar.

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Das Institut für Ägyptologie der Universität Münster hat eine andere Theorie zum Steintransport entwickelt. Demnach hatten die Pyramiden vor dem Glattschliff der äußeren Verkleidungssteine eine stufige Struktur, über die die Steine nach oben gehebelt worden seien. Aber wie?

Eine verblüffend einfache Methode, für die alle notwendigen Hilfsmittel zur Zeit des Pyramidenbaus nachweislich vorhanden waren, kommt jetzt von einem Außenseiter. Der Berliner Fechtsport-Techniker Bruno Jerebicnik nahm sich den göttlichen Käfer Skarabäus zum Vorbild, der Mistkugeln durch die Gegend wälzt. Der Historiker Herodot hat zwar von Maschinen und kurzen Balken berichtet, die eingesetzt worden seien. Es gibt dazu aber scheinbar keine archäologischen Funde. Oder vielleicht doch, wurden sie nur nicht als Maschinen interpretiert? Denn sowohl hochfeste Seile als auch Führungshölzer waren nachweislich im Einsatz.

Jerebicnik fügte all das neu zusammen und präsentiert nun eine überzeugend einfache Methode. Zwei Seile werden im bereits aufgebauten Teil der Pyramide verankert und umlegen den Stein von unten nach oben. Mittels Querbalken, Wippbalken und Kantenschützern kann der Stein Stufe für Stufe leicht nach oben gewälzt werden. „Um ein Abstürzen des Steines durch Reißen des Seils oder bei Pausen der Arbeiter zu verhindern, wurden kurze Hölzer als Abstützung eingesetzt“, erläutert Jerebicnik. Seile und Steinkanten habe man wohl mit Auflagen aus Stoffen, Leder oder Fell geschützt. Zudem konnten mehrere Baugruppen mit solchen Wälzbahnen an der Pyramide gleichzeitig arbeiten. Dass die Roll- und Wälztechnik funktioniert und schnell ist – immerhin musste ja alle eineinhalb Minuten ein Stein angeliefert werden –, hat Jerebicnik mit einem kleinen Modell gezeigt.

Auch für den komplexen Innenaufbau der Pyramide mit Grabkammer, Entlastungsdecken, Galerie und Gängen schlägt Jerebicnik eine einfache Methode vor: die Schichtbauweise. „Das vorher erstellte Modell wurde horizontal in feine Scheiben zerschnitten“, erläutert er. Es gebe kein Gebilde, welches nicht in Schichtbauweise hergestellt werden könne – und sei es noch so kompliziert. „So entstand mit jeder Steinstufe der gesamte Innenausbau“, sagt Jerebicnik. „Hierdurch würde für die Einsetzung der enormen Steingrößen der Galerie automatisch ein steinernes Arbeitsgerüst durch die bereits gesetzten Stufen zur Verfügung gestanden haben.“

Eines der größten Rätsel ist weiterhin, wie der Schlussstein, der zehn Meter hohe Pyramidon, auf die Spitze der Pyramide gelangt ist. Hier schlägt Jerebicnik vor, dass der Stein bereits zu Beginn der Bauarbeiten hergestellt worden ist und Schicht für Schicht mit der anwachsenden Pyramide nach oben gezogen worden ist.

Doch woher stammen die gewaltigen Steinmassen? Die Ägyptologin Rosemarie Klemm und ihr Mann, der Geologe Dietrich Klemm, sicherten von 1977 bis 1981 in mehreren Feldkampagnen Gesteinsproben aus rund 400 antiken Steinbrüchen. Zwar hatte schon der griechische Ägyptenreisende Herodot um 450 v. Chr. geschrieben, die Steine für die Cheops-Pyramide seien aus ganz Ägypten zusammengeholt worden. Das wurde jedoch immer wieder angezweifelt. Den Beweis lieferten erst Rosemarie und Dietrich Klemm. Dank ihrer Arbeit kann heute sogar die Herkunft vieler Kunstwerke genau bestimmt werden.

Auch wenn es aus heutiger Sicht fast unvorstellbar erscheint: Die Steine wurden tatsächlich bis in die Zeit um 1500 v. Chr. mit vergleichsweise weichen Kupfermeißeln aus dem Fels gelöst. Für harte Steine wie Granit war das nicht möglich, sie wurden mit Steinhämmern herausgeschlagen, die aus dem extrem harten Basaltgestein Dolerit bestanden. Erst danach gab es Meißel aus Bronze, später auch aus Eisen. Für all das gibt es unzählige archäologische Belege, außerirdische Technologie ist dafür nicht notwendig.

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Widerlegt ist auch die Vermutung, für die Arbeiten seien hauptsächlich Sklaven herangezogen worden. Inschriften in den Gräbern der Arbeiter zeigen, dass gut für sie gesorgt wurde. Knochenfunde belegen zudem, dass sie medizinisch betreut wurden. Vom baufreudigen Pharao Ramses II. (um 1303–1213 v. Chr.) ist eine Botschaft an seine Steinmetze überliefert. „Ich kenne eure schwierigen und korrekten Arbeiten. Man jubelt bei der Arbeit nur, wenn der Leib voll ist. Deshalb fülle ich euch das Vorratshaus mit allen guten Dingen, mit Brot, Fleisch und Kuchen.“

Die gemeinsame Arbeit für den Pharao einte Ober- und Unterägypten, denn hier arbeiteten Menschen aus allen Provinzen an einem gemeinsamen nationalen Monument, auf das sie stolz sein konnten. Vor allem aber ist die Cheops-Pyramide das Werk eines Mannes, des Wesirs Hem-iunu. Seine Statue hat, wie auch seine Pyramide, die Jahrtausende überdauert.

Vom großen Gottkönig Cheops hingegen ist neben der Pyramide nur eine winzige Elfenbeinstatuette erhalten geblieben. Sein Leichnam und die Schätze für die Wiedergeburt fielen bereits früh Grabräubern in die Hände.