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Digitale Medizin: Absolute Überwachung oder hilfreiches Werkzeug?

Intelligente Präparate

Sogenannte intelligente Präparate könnten die Medizin revolutionieren und zugleich eine Rundumüberwachung ermöglichen (Symbolbild).

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imago/Science Photo Library

Wenn der Arzt morgens anruft und schimpft, ist es wahrscheinlich wieder passiert. Die Tablette hat gepetzt. Gestern wurde sie vergessen, willentlich oder aus Versehen, und jetzt wissen es alle: die Eltern, die Freunde, der Hausarzt. So ähnlich könnte eine Zukunft mit sogenannter Digitaler Medizin aussehen.

Im November 2017 hat die Food and Drug Administration (FDA) in den USA beschlossen, das erste digitale Präparat der Geschichte zu genehmigen. Es heißt Abilify MyCite und soll ab Mitte 2018 auf dem Markt sein. Es ermöglicht dem Arzt zu verfolgen, ob der Patient auch regelmäßig und pünktlich seine Pille eingenommen hat. Das Medikament soll bei Krankheitsbildern wie Schizophrenie und bipolarer Störung eingesetzt werden. Es ist ein Produkt des japanischen Pharmakonzerns Otsuka und der US-Firma Proteus Digital Health.

Sensor registriert die Einnahme

Die Tablette enthält einen winzigen eingebauten Smartphone-Sensor aus Kupfer, Magnesium und Silizium, der ein elektrisches Signal erzeugt, wenn er mit Magenflüssigkeit in Berührung kommt. Das Smartphone sendet daraufhin Datum und Uhrzeit der Tabletteneinnahme per Bluetooth an den behandelnden Arzt.

In der App kann der Patient zudem angeben, wie er sich fühlt und ob er Hilfe benötigt. Alle Daten werden in einer Cloud gespeichert, zu der neben Ärzten auch Betreuer Zugang erhalten. Konkurrenzunternehmen entwickeln derweil sensorbasierte und visuelle Technologien, mit denen bereits erkannt werden kann, ob ein Patient eine Pille auf die Zunge gelegt und diese dann auch geschluckt hat.

Absolute Überwachung oder hilfreiches Werkzeug? Erinnerung für die Vergesslichen oder Big-Brother-Pille für die Unwilligen? Experten in den USA schätzen, dass die Nichteinnahme von Medikamenten einen Schaden von 100 Milliarden Dollar pro Jahr anrichtet – Patienten werden kränker, benötigen zusätzliche Behandlungen oder Krankenhausaufenthalte. 

Theoretisch auch in Deutschland möglich

Mit einer Technologie wie der von Abilify könnte sichergestellt werden, dass Patienten beispielsweise ihre Opioidmedikation nach einer Operation nicht übertreiben oder dass Teilnehmer einer klinischen Studie ihre Medikamente korrekt einnehmen. Außerdem könnte man auf diese Weise einen Großteil stationärer Aufenthalte einsparen, da die Pillen-Einnahme keine direkte Beobachtung vom Personal mehr erfordert, sagte ein Sprecher der Firma Otsuka. Es sei bequemer für alle Beteiligten und spare Kosten für den gesamten Gesundheitsbetrieb.

Der Zulassung eines Präparates wie Abilify MyCite stehe prinzipiell auch in Deutschland nichts im Wege, sagt Christian Johner, Hochschulprofessor und Chef des Johner Institutes in Konstanz. „Wir haben in Europa explizit die Anforderung einer Nutzen-Risiko-Abwägung und müssen im Rahmen einer klinischen Bewertung sicherstellen, dass der Nutzen gegeben ist und die Risiken überwiegt. Diese Abwägung ist sehr vom jeweiligen Krankheitsbild abhängig“, sagt der Physiker, der mit seinem Team Medizintechnikhersteller in Europa und den USA bei der Entwicklung und Zulassung medizinischer Software berät.

Datensicherheit als Hindernis

Bei Medizinprodukten mit Sensorik müsse man laut Johner außerdem Auswirkungen wie elektromagnetische Strahlung sowie mechanische Gefährdungen bedenken, darunter etwa scharfe Kanten oder die ausbleibende Ausscheidung. Hinsichtlich der Datensicherheit gebe es ganz gewiss Hürden – die man jedoch bewältigen könne. „Die Datenspeicherung in der Cloud ist nicht ausgeschlossen“, sagt Christian Johner. „Es handelt sich aber um besonders schützenswerte Daten. Hier bedarf es einer expliziten Einwilligung der Patienten sowie eines Systems, das Anforderungen wie zum Beispiel IT-Sicherheit und Datensparsamkeit erfüllt.“

Im Falle des Präparats Ablify MyCite müssen die Patienten für den Einsatz vorab unterzeichnen, dass sie ihren Ärzten und bis zu vier anderen Personen erlauben, die Medikamenteneinnahme zu verfolgen. Doch reicht das? Oder wird hier dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet? Was geschieht, wenn zum Beispiel die Krankenversicherungen in der Zukunft die Kostenübernahme eines Präparates an den Einsatz der Kontroll-App koppeln? Was, wenn Arbeitgeber von einem krankgeschriebenen Mitarbeiter ein Protokoll der App verlangen? Wird nun jeder gezwungen, auch möglichst schnell gesund zu werden? Solche Einwände mögen noch in weiter Ferne liegen, sie sind jedoch nicht außerhalb des Denkbaren.

„Ein seltsamer Behandlungsansatz

In ihrem Roman „Corpus Delicti“ beschreibt Autorin Juli Zeh eine Gesundheitsdiktatur, in der Bürger monatlich Schlaf- und Ernährungsberichte vorlegen, sich den Blutdruck messen lassen und Urinproben abgeben müssen. Eine Kontroll-Pille, die sicherstellt, dass man auch seinen medizinischen Pflichten gewissenhaft nachgeht, scheint da ins Bild zu passen.

Paul S. Appelbaum, Direktor der Abteilung für Recht und Ethik an der Fakultät für Psychiatrie der Columbia University, zeigt sich außerdem irritiert, dass ein Pilotprojekt wie Abilify gerade an Patienten mit psychotischen und bipolaren Störungen getestet wird. „Es ist ein seltsamer Behandlungsansatz, paranoiden Patienten, die oft befürchten, verfolgt oder überwacht zu werden, eine Pille zu geben, die genau das tut“, so Appelbaum. „Der Arzt vermittelt seinem Patienten damit den Eindruck: Ich vertraue dir nicht.“

Missbrauch von Daten

Zudem unterliegen digitale Medikamente genau den gleichen Gefahren wie alle Produkte des Internets der Dinge, das man bisher meist mit intelligenten Kühlschränken oder selbstfahrenden Autos in Verbindung bringt. Auch Medikamente, die mit dem Internet verbunden sind, produzieren eine Unmenge an Daten und Metadaten, sind anfällig für staatliche Überwachung und können unter Umständen gehackt werden.

In seiner Rede auf dem diesjährigen Weltwirtschaftsforum im Februar in Davos widmete sich auch der israelische Historiker und Sachbuchautor Yuval Noah Harari dem Thema digitaler Medizin und intelligenter Medikamente.

Geht es nach Harari, überwiegen die Risiken hier eindeutig die Vorzüge: „Wenn man die Errungenschaften der Infotechbranche mit der Biotech-Revolution verbindet, erhält man die Fähigkeit, Menschen zu hacken“, sagte er. Computer, so Harari, würden den Menschen bald körperlich und seelisch besser kennen als er sich selbst.