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Forscher untersuchen Urin: Schimpansen haben clevere Strategien gegen die Affenhitze

Ein Schimpanse erfrischt sich im Zoo von Bangkok.

Auch Affen haben gelernt, der Hitze zu trotzen. Ein Schimpanse erfrischt sich im Zoo von Bangkok.

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imago/ZUMA Press

Wärmegeplagte haben verschiedene Methoden, mit Hitze klarzukommen: Sie legen sich in den Schatten, verdösen die Mittagshitze in einer ausgiebigen Siesta oder stürzen sich in den nächsten Pool. Solche Szenen kann man allerdings nicht nur bei menschlichen Sommerurlaubern erleben. Die Wissenschaftler Erin Wessling, Hjalmar Kühl und ihre Kollegen haben sie auch bei Schimpansen beobachtet.

Denn auch unsere nächsten Verwandten kennen offenbar etliche Strategien, um der Hitze ein Schnippchen zu schlagen. Das ist für die Primatologen vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig hochinteressant. Denn sie wollen herausfinden, wie der Mensch eine der größten Herausforderungen der Evolution gemeistert hat: den Übergang vom schattigen, feuchten Regenwald in die Hitze und Trockenheit der Savanne.

Unterwegs im Senegal

„Die Knochen und Werkzeuge, die von unseren frühen Vorfahren geblieben sind, verraten nur wenig über ihr Verhalten“, erklärt Hjalmar Kühl. Deshalb suchen er und seine Kollegen nach entsprechenden Indizien bei der noch lebenden Verwandtschaft. Denn auch Schimpansen haben sich in einigen Regionen in die heißen und trockenen Savannen vorgewagt, obwohl das Leben dort keineswegs ein entspanntes Sommervergnügen ist.

Erin Wessling hat das am eigenen Leib erfahren. Die Forschungsstation Fongoli im Senegal, in der sie gearbeitet hat, liegt in einer solchen Savannenlandschaft mit eher schütterem Baumbewuchs. „Vor allem in der Trockenzeit kann das Wetter dort brutal sein“, sagt die Forscherin. Monatelang fällt dann kein Regen und die Temperaturen klettern auf 45 Grad Celsius. Wenn die Biologin zu dieser Jahreszeit dort unterwegs ist, um Schimpansen zu beobachten, braucht sie mindestens fünf Liter Wasser am Tag. 

Verlust der Behaarung

Und sie muss ständig aufpassen, keinen Hitzschlag zu bekommen. Denn die besten Schattenplätze in den Galeriewäldern entlang der Flüsse sind meist schon von Schimpansen besetzt. Wenn sie Pech hat, bleibt für die Forscherin dann manchmal nur die brennende Sonne.

Auf deren Gefahren hat sich die Menschheit im Laufe der Jahrmillionen allerdings eingestellt. „Als unsere Ahnen die Wälder verließen, entwickelten sie eine ganze Reihe von anatomischen Anpassungen, um nicht zu überhitzen“, erklärt Erin Wessling. Sie legten sich zum Beispiel mehr Schweißdrüsen am ganzen Körper zu und verloren den größten Teil ihrer Behaarung. Sogar den aufrechten Gang interpretieren manche Anthropologen als Beitrag zum Hitzeschutz.

Nachtaktivität als Schutz vor der Hitze

Die Schimpansen von Fongoli können auf solche anatomischen Tricks bisher nur in begrenztem Maße zurückgreifen – wenn überhaupt. So richten sie sich nur ab und zu auf zwei Beine auf und haben weniger Schweißdrüsen als Menschen. Ob sie weniger Haare besitzen als ihre Artgenossen im Wald, hat bisher niemand systematisch untersucht. Erin Wessling hält das aber für möglich: „Ihr Fell sieht auf den ersten Blick schon ein bisschen dünner aus.“

Viel auffälliger sind allerdings die speziellen Verhaltensweisen, mit denen die Fongoli-Schimpansen der größten Hitze zu entgehen versuchen. So verlegen sie einen guten Teil ihrer Aktivitäten in die Nacht und halten sich tagsüber gern in Höhlen auf, in denen die Temperaturen ein paar Grad niedriger liegen als in der sonnendurchglühten Landschaft ringsum.

Und jeder kleine Quelltümpel übt eine geradezu magische Anziehungskraft auf sie aus. Manchmal sitzen die Tiere stundenlang bis zur Brust in solchen Pools – und zwar in einer ganz ähnlichen Haltung, wie Menschen es auch tun würden. Das erste Baderecht haben dabei die erwachsenen Männchen, Weibchen und Jungtiere müssen warten, bis Platz für sie ist. Dann aber entwickeln die kleinen Schimpansen eine ähnliche Begeisterung für Wasserspiele wie ihre menschlichen Pendants – Sprünge und Planschen inklusive.

Zwar ist nicht jedes Tier eine echte Wasserratte. Erin Wessling kennt zum Beispiel ein erwachsenes Männchen, das sich nur ins kühle Nass wagt, wenn es sich am Rand irgendwo festhalten kann. Doch das Misstrauen ist auch in diesem Fall nicht groß genug, um auf die Abkühlung zu verzichten.

Urin soll Aufschluss geben

Was aber bringt das alles? Kommen die Savannen-Schimpansen tatsächlich besser mit Hitze zurecht als ihre Artgenossen im Wald? Um das herauszufinden, haben die Max-Planck-Forscher den körperlichen Zustand von Tieren in Fongoli und im Regenwald des Taï Nationalparks an der Elfenbeinküste verglichen. In beiden Gebieten haben sie unter den Schlafnestern der Tiere Urin gesammelt und diesen auf verschiedene Biomarker untersucht.

Kreatinin zum Beispiel ist ein Nebenprodukt des Muskel-Stoffwechsels und zeigt an, wie gut der Körper mit Wasser versorgt ist. Hohe Kreatinin-Werte deuten auf einen hochkonzentrierten Urin und damit auf Wassermangel hin. Das sogenannte C-Peptid dagegen wird zusammen mit Insulin von der Bauchspeicheldrüse ausgeschüttet. Hohe Werte zeigen hier an, dass der Körper gut mit Energie versorgt ist. Als dritten Faktor haben die Forscher noch das Hormon Cortisol untersucht, das bei der Stressbewältigung zum Einsatz kommt.

Savannenbewohner stehen unter Stress

Die Ergebnisse zeigen, dass die Savanne zwar weniger zu fressen bietet als der Regenwald. Trotzdem können die Tiere in Fongoli ernsthaften Stress infolge von Nahrungsmangel vermeiden. „Sie haben offenbar schon Strategien entwickelt, um damit umzugehen“, sagt die Forscherin Erin Wessling. So fressen sie in kargen Zeiten neben Früchten auch Termiten, Blumen und Rinde.

Ein viel größeres Problem aber haben sie trotz aller Abkühlungstricks mit Hitze und Wassermangel. So zeigen die Untersuchungen, dass die Savannenbewohner in der Trockenzeit massiv unter Stress stehen – und zwar deutlich stärker als ihre Kollegen im Regenwald.

Klimawandel fördert Trockenstress

Zu ihrer Überraschung haben die Forscher allerdings festgestellt, dass auch die Taï-Schimpansen zu manchen Jahreszeiten stärker gestresst sind als zu anderen. „Das liegt wohl am Klimawandel“, vermutet Hjalmar Kühl. Immerhin fallen in Taï heute 500 Liter weniger Niederschlag pro Quadratmeter und Jahr als noch vor 40 Jahren.

Es gibt dort inzwischen eine ausgeprägte Trockenzeit, in der auch größere Flüsse zu unappetitlichen Tümpeln zusammenschrumpfen. Trockenstress ist also auch für Regenwald-Schimpansen kein Fremdwort mehr. Sowohl in der Savanne also auch im Wald könnten die Tiere daher Probleme mit dem rasant fortschreitenden Klimawandel bekommen. Ob sie auf diese Herausforderung rechtzeitig mit neuen Anpassungen reagieren können, ist fraglich. „Wir Menschen hatten dazu ja Millionen von Jahren Zeit“, gibt Hjalmar Kühl zu bedenken. „Und trotzdem ist unsere Wohlfühlnische bis heute ziemlich klein.“

Als angenehm empfinden die meisten Menschen Temperaturen zwischen 15 und 25 Grad. Darüber und darunter schleicht sich nicht nur ein leichtes Unbehagen ein, auch die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit sinkt. „Was unsere Temperaturvorlieben angeht, sind wir erstaunlich konservativ“, sagt Hjalmar Kühl. „Deshalb versuchen wir, mit Kleidung, Klimaanlagen und Heizungen immer in unserer Nische zu bleiben“. Das dürfte den Schimpansen eher nicht gelingen.