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Tödlicher Unfall in Mitte: Dürfen Menschen mit Epilepsie überhaupt Auto fahren?

Epilepsie-Symbolfoto

Gehirnströme bei Epilepsie (Symbolfoto). 

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imago/Science Photo Library

Nach dem tragischen Unfall in der Invalidenstraße am Freitagabend gibt es offenbar Hinweise, dass der 42-jährige Fahrer am Steuer einen epileptischen Anfall erlitten hat. Das wirft die Frage auf, warum und unter welchen Bedingungen Menschen mit Epilepsie überhaupt Auto fahren dürfen.

„Dafür gibt es klare Regelungen: Wer eine Epilepsie hat, darf eine bestimmte Zeit nicht Auto fahren – und zwar muss in der Regel ein Jahr lang Anfallsfreiheit vorliegen, bevor man wieder einen PKW im privaten Gebrauch steuern darf“, sagt Susanne Knake, Leiterin des Epilepsiezentrums Hessen am Universitätsklinikum Marburg und Geschäftsführerin der Deutschen Gesellschaft für Epileptologie.

Ein Jahr anfallsfrei

Festgelegt ist das in den Richtlinien der Bundesanstalt für Straßenwesen. Ein etwas kürzeres Fahrverbot von drei bis sechs Monaten kommt dann in Betracht, wenn jemand einen ersten epileptischen Anfall hatte, im Anschluss aber gar keine Epilepsie diagnostiziert wird. „Das kommt durchaus vor. Acht bis zehn Prozent der Bevölkerung erleiden im Laufe ihres Lebens einen einmaligen Anfall, der zum Teil auch durch Schlafentzug oder einen fiebrigen Infekt ausgelöst werden kann“, sagt die Neurologie-Professorin Knake.

Wenn tatsächlich eine Epilepsie festgestellt wird, sind die Chancen relativ gut, dass die dann verordneten Medikamente so gut wirken, dass die Betroffenen anfallsfrei bleiben. „Das ist bei etwa zwei Drittel der Patienten der Fall“, sagt Susanne Knake. Die Wahrscheinlichkeit, nach einem Jahr ohne epileptischen Anfall doch wieder einen Anfall zu bekommen, liege bei etwa 20 Prozent.

Ein gewisses Restrisiko bleibt also, wenn ein Epilepsiepatient Auto fährt, aus Expertensicht ist es aber ein vertretbares Risiko. „Da geht es aber um ganz grundsätzliche Abwägungen“, sagt Knake. Sie gibt zu bedenken, dass vielen Patienten schwere Nachteile entstehen, wenn sie nicht mehr Auto fahren dürfen. „Wer nicht gerade in einer gut mit Nahverkehr ausgestatteten Stadt wie Berlin lebt, schafft es vielleicht nicht rechtzeitig zur Arbeit, verliert unter Umständen seinen Job. Es gibt da sehr harte Schicksale“, berichtet die Marburger Expertin.

Kein Führerscheinentzug für Epilepsie-Patienten

Wenn ein Epilepsie-Patient vom Arzt gesagt bekommt, dass er ein Jahr nicht Auto fahren darf, erfolgt kein Führerscheinentzug. „Das hängt unter anderem mit der ärztlichen Schweigepflicht zusammen", sagt Knake. Ärzte ließen sich jedoch vom Patienten unterschreiben, dass sie darauf hingewiesen wurden, keine Fahreignung zu besitzen. „Sich an diesen Hinweis zu halten, liegt in der Eigenverantwortung der Patienten“, sagt die Epilepsie-Expertin.

Es gibt durchaus Fälle, in denen sich Patienten trotz einer unkontrollierten Epilepsie gelegentlich ans Steuer setzen – eine in diesem Jahr erschienene, allerdings recht kleine Studie beziffert den Anteil auf 15 Prozent. Zahlen aus größeren Erhebungen liegen nicht vor.

Das Gehirn verliert die Kontrolle

Epilepsie ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen, sie betrifft 0,7 Prozent der Bevölkerung und ist damit so häufig wie Typ-1-Diabetes. Bei einem epileptischen Anfall kommt es zu einer plötzlichen Entladung von Nervenzellen, durch die das Gehirn die Kontrolle über bestimmte Bereiche verliert. Die Folgen sind vielfältig, je nachdem, welche Hirnregion betroffen ist. Neben unkontrollierten Bewegungen und unbewussten Handlungen können auch immer wiederkehrende Sinneseindrücke Hinweise für eine Epilepsie sein.

Insgesamt zeigen Auswertungen, dass epilepsiebedingte Verkehrsunfälle relativ selten sind. „Eine Analyse von 44.000 tödlichen Verkehrsunfällen in den USA hat ergeben, dass 0,2 Prozent davon anfallsbedingt waren“, berichtet Susanne Knake.

Handynutzung am Steuer ist riskanter

Interessant in diesem Zusammenhang ist auch eine Studie aus Belgien. So hat Eric Schmedding von der Universität Brüssel ermittelt, dass bei Epileptikern verglichen mit dem Durchschnitt der Autofahrer ein 1,6-fach höheres Risiko besteht, einen schwerwiegenden Verkehrsunfall zu erleiden. Ein Handy am Steuer zu nutzen ist jedoch noch gefährlicher und erhöht das Risiko um mehr als das Vierfache. Fahrer, die älter als 75 Jahre sind, kommen auf den Faktor 3,1. Und am gefährlichsten sind Männer am Steuer, die jünger als 25 Jahre sind. Ihr Risiko für einen schweren Verkehrsunfall ist siebenmal höher.

Knake hält es daher für nicht angebracht, gut therapierte Patienten mit Epilepsien, die länger als ein Jahr lang anfallsfrei sind und die Fahreignung haben, als besonders gefährlich anzusehen: „Alkohol ist zehnmal häufiger als Epilepsie bei Unfällen im Spiel.“