Sollen Intellektuelle, Forscher und Sozialwissenschaftler in die Politik eingreifen? Unter welchen Voraussetzungen können sie dies erfolgreich tun? Welche Rolle nehmen sie in den sozialen Bewegungen ein? Und welchen Beitrag leisten sie zur Gestaltung einer neuen Politik? Damit kein Missverständnis aufkommt: Forscher, Künstler oder Schriftsteller, die sich zu politischen Fragen äußern, werden deshalb nicht zu Politikern. Sie handeln, entsprechend der Rolle Émile Zolas in der Affäre Dreyfus, als Intellektuelle, die ihre Kompetenz, fachliche Autorität und die ihrem Berufsethos verbundenen Werte wie Wahrhaftigkeit und Uneigennützigkeit in die politische Auseinandersetzung einbringen. Damit ist auch gesagt, dass der oft betonte Unterschied zwischen Sachautorität und Engagement unbegründet ist: Öffentliche Einmischungen von Künstlern, Schriftstellern oder Wissenschaftlern - etwa Einstein, Russell oder Sacharow - haben ihre Wurzeln in einer Gemeinschaft, die Objektivität, Regeln der Nachprüfbarkeit und einer vorausgesetzten Unabhängigkeit von Sonderinteressen verpflichtet ist. Die soziale Autorität des Gelehrten gründet sich ebenso auf seinen mutmaßlichen Respekt vor diesen ungeschriebenen moralischen Gesetzen wie auf seine fachliche Kompetenz. Indem er als Intellektueller handelt, verstößt der Wissenschaftler gegen die an ihn gestellten Erwartungen. Um es deutlicher zu sagen: Er schockiert - zunächst diejenigen in seiner unmittelbaren Umgebung im akademischen Elfenbeinturm, die im Engagement einen Verstoß gegen die viel zitierte Werturteilsfreiheit sehen, welche gemeinhin als Voraussetzung für wissenschaftliche Objektivität gilt. Er schockiert ebenso die Politiker, die in seiner Einmischung eine Bedrohung ihres Monopols sehen, und er verärgert all diejenigen, die sich durch seine Intervention gestört fühlen. Damit setzt er sich dem unter den Mächtigen dieser Welt verbreiteten Anti-Intellektualismus aus, der bei Bankiers, Arbeitgebern, hohen Beamten, Journalisten und (besonders linken) Politikern, kurz bei allen, die heute über kulturelles Kapital verfügen, in unterschiedlicher Ausprägung zu finden ist. Diese Geistfeindlichkeit zu verdammen, darf den Intellektuellen jedoch nicht dazu verleiten, sich und seinesgleichen von der Kritik auszunehmen. Die Fähigkeit der Selbstkritik ist Voraussetzung für jede politische Handlung. Die intellektuelle Welt muss sich andauernd der Kritik an jeglichem Gebrauch intellektueller Autorität als politischer Waffe stellen. Ebenso andauernd muss die scholastische Blindheit kritisiert werden, deren perverseste der Hang zu einem intellektuellen Revoluzzertum, einer abstrakten Radikalität ohne direktes Ziel und sichtbare Wirkung ist. Ich bin der festen Meinung, dass ein ebenso edler wie unrealistischer Elan eine ganze Reihe Gelehrter meiner Generation dazu gebracht hat, blindlings Parteirichtlinien zu folgen, und in einer Art Hörsaal-Radikalismus (wie Marx es unerbittlich formulierte) die Dinge der Logik mit der Logik der Dinge zu verwechseln, oder, um näher an der Gegenwart zu bleiben, Revolutionen in Wort und Schrift mit tatsächlich stattfindenden Revolutionen zu verwechseln.Politisch engagierte Künstler, Schriftsteller und Wissenschaftler sind in der sozialen Auseinandersetzung unersetzlich, besonders heute, da die Herrschaft völlig neue Formen annimmt. Es gibt genügend historische Untersuchungen über die Rolle akademischer Denkfabriken bei der Entstehung und Ausbreitung der neoliberalen Ideologie, die die heutige Welt bestimmt. Den Erzeugnissen dieser konservativen Denkfabriken und ihrer Experten müssen wir kritische Denkfabriken entgegensetzen, in denen sich "spezifische Intellektuelle" (im Foucault schen Sinn, also fach- und sachkundige Denker) zu einer intellektuellen Gemeinschaft (im Original: intellectuel collectif, d. Red.) zusammenfinden, die in der Lage ist, Gegenstand und Ziel ihrer Handlungen selbst zu definieren, die also autonom ist. Diese Gemeinschaft muss zunächst negative, kritische Aufgaben wahrnehmen: Sie kann die Instrumente zur Verteidigung gegen die symbolische Herrschaft liefern, die sich heute immer öfter mit wissenschaftlicher Autorität rüstet. Sie kann, mittels der Kompetenz und der Autorität der Wissenschaftler, Künstler und Schriftsteller, den herrschenden Diskurs einer logischen Kritik unterziehen, die in erster Linie am öffentlichen Vokabular ("Globalisierung", "Flexibilität" usw.) ansetzt, aber genauso bei den gebräuchlichen Argumentationsmustern und den verwendeten Metaphern.Weiterhin kann sie diesen herrschenden Diskurs mit den Mitteln der Soziologie kritisieren, indem sie offen legt, von welchen Abhängigkeiten und Interessen seine Produzenten (hier wären zunächst die Journalisten, vor allem die Wirtschaftsjournalisten zu nennen) und ihre Produkte beeinflusst sind. Schließlich kann die Gemeinschaft der Intellektuellen der angeblich wissenschaftlichen Autorität von Experten, besonders der Wirtschaftsexperten, eine wissenschaftliche Kritik entgegensetzen.Aber die Funktion der Gemeinschaft ist nicht nur negativ und kritisch. Ihre positive Funktion liegt in ihrem möglichen Beitrag zur politischen Erneuerung. Der Zusammenbruch von Staatsordnungen sowjetischer Prägung und die Schwächung der kommunistischen Parteien in den meisten europäischen und südamerikanischen Staaten hat das kritische Denken befreit. Aber die dadurch entstandenen neuen intellektuellen Freiräume wurden schnell von der neoliberalen Dogmatik besetzt, und die Kritik hat sich in das akademische Getto zurückgezogen und berauscht sich dort an sich selbst.Das politisch-kritische Denken muss grundlegend neu aufgebaut werden. Dies kann jedoch, anders, als man es früher noch glaubte, nicht das Werk eines Einzelnen sein. Bei der Schaffung sozialer Rahmenbedingungen für eine kollektive Produktion realistischer Utopien vermag die Gemeinschaft der Intellektuellen eine unersetzbare Rolle zu spielen. Sie kann als Geburtshelfer politisch und sozial aktive Gruppen in ihrem Bemühen unterstützen, sich darüber bewusst zu werden, was sie sind, was sie sein könnten, was sie tun sollten. Indem sie die scheinbar isolierten und unterschiedlichen Ereignisse und Problemfelder als Auswirkungen ein und derselben Ursache (der neoliberalen Politik) begreifen lehrt, schafft sie einen Zusammenhang zwischen den Betroffenen in den gesellschaftlichen Bereichen wie Medizin, Bildungswesen, Sozialdienste, Justiz.Diese Aufgabe ist von äußerster Dringlichkeit und zugleich extrem schwierig. Die Wahrnehmungen und die Darstellungen der sozialen Wirklichkeit, die es zu bekämpfen gilt, sind das Ergebnis einer konservativen Revolution (ein Begriff, der im Deutschland der dreißiger Jahre auf die Vorläuferbewegungen der Nazis angewandt wurde). Um den Bruch mit dem Wohlfahrts- und Sozialstaat herbeizuführen, mussten die Denkfabriken, denen die politischen Programme eines Ronald Reagan oder einer Margaret Thatcher und, in ihrer Nachfolge, eines Blair, Schröder oder Jospin entstammen, eine symbolische Gegenrevolution ins Werk setzen und widersinnige Dogmen aufstellen. In der Sache konservativ, geben sie sich als fortschrittlich aus; in der neoliberalen Dogmatik wird der Rückfall in archaische Formen der Vergangenheit (insbesondere in den wirtschaftlichen Verhältnissen) als "Reform", "Revolution" oder "Modernisierung" ausgerufen. Dies lässt sich umfassend am Abbau des Wohlfahrtsstaates studieren, der mit der Zerstörung demokratischer Errungenschaften im Arbeitsrecht, im Gesundheitswesen, sozialen Schutzrecht und im Bildungswesen einhergeht. Wer heutzutage gegen diese "rückwärts gewandt-progressistische" Politik kämpft, wird alsbald mit dem Vorwurf des "Konservativen" etikettiert, weil er die fortschrittlichsten Errungenschaften der Vergangenheit verteidigt.Diese Situation ist umso paradoxer, weil man in der politischen Auseinandersetzung gezwungen ist, Einrichtungen zu verteidigen, die man eigentlich verändern will: den Nationalstaat ebenso wie die Gewerkschaften oder auch das öffentliche Schulwesen, die es allesamt zu retten und gleichzeitig schonungslos zu kritisieren gilt.Den Wissenschaftlern kommt im Kampf gegen das neue Dogma und den rein formalen Kosmopolitismus derjenigen eine bestimmende Rolle zu, die mit Begriffen wie "Globalisierung" oder "globale Wettbewerbsfähigkeit" einen oberflächlichen Universalismus predigen, der nur den Interessen der bestehenden Ordnung dient. Das wird gut daran sichtbar, dass die Vertreter dieses "Globalismus" den Nationalstaat als politisch nicht korrekten Rückschritt hin zum Nationalismus verurteilen - denselben Nationalstaat, der doch, solange es keinen Weltstaat gibt und keine über eine Kapitalumlaufsteuer finanzierte Weltbank, die einzige Kraft bleibt, die so genannte Entwicklungsländer wie Südkorea oder Malaysia dem Einfluss multinationaler Unternehmen entgegensetzen können. Ein weiteres Beispiel dieser Art von "Globalismus" bietet seine Verteufelung und Stigmatisierung der Anstrengung einiger südlicher Länder, ihre "Identität" zu finden oder wiederherzustellen, vermittels des infamen Etiketts der "Islamisierung". Diesem verbalen Universalismus, der sich auch verheerend auf die Beziehung zwischen den Geschlechtern auswirkt und die Bürger angesichts der internationalen ökonomischen Kräfte isoliert und ohne Verteidigungsmöglichkeit lässt, können die Wissenschaftler einen neuen Internationalismus entgegensetzen. Einen, der mit wirklich internationaler Kraft Probleme angehen kann, etwa Umweltfragen wie CO2-Ausstoß, Ozon, nicht erneuerbare Ressourcen oder radioaktive Wolken - alles Phänomene, die keine Staatsgrenzen oder Klassenschranken kennen. Dasselbe gilt für ökonomische Konflikte wie die Schuldenfalle der Entwicklungsländer oder für kulturelle Probleme wie den Einfluss des Geldes auf die Erzeugung und Verbreitung von kulturindustriellen Gütern (wie sie in der zunehmenden Konzentration im Filmbereich oder im Verlagswesen deutlich wird). Diese Herausforderungen könnten zu einem Zusammenschluss universal denkender Intellektueller führen, die sich, über die Staatsgrenzen und insbesondere über das Nord-Süd-Gefälle hinweg, für eine universelle Teilhabe an universellen Gütern einsetzen.Dafür müssen Schriftsteller, Künstler und vor allem Wissenschaftler, die schon auf Grund ihrer Tätigkeit eher als Angehörige anderer Berufe willens und fähig sind, nationale Grenzen zu überwinden, die geheiligte Grenze zwischen Kompetenz und Engagement überwinden, die sich, je nach nationaler Tradition, mehr oder weniger stark in den Köpfen festgesetzt hat. Es geht darum, den akademischen Mikrokosmos zu verlassen und mit der Außenwelt in Verbindung zu treten, vor allem mit Gewerkschaften, Bürgervereinen und politisch aktiven Gruppen. Es geht darum, sich nicht mehr mit den gleichermaßen intimen wie ultimativen, immer leicht irrealen Konflikten der scholastischen Welt zufrieden zu geben und eine seltene Kombination von Talenten zu erfinden: Kompetenz und Engagement. Damit ließe sich eine Politik der Intervention begründen, die so weit als möglich den geltenden Regeln des wissenschaftlichen Feldes folgt - also die wissenschaftlichen Methoden und ihre Gründlichkeit auf allen in Frage stehenden Gebieten nutzt. Dies ist jedoch, angesichts der Mischung aus Dringlichkeit und Verwirrung, die in der Welt der Politik herrscht, nur mittels einer Organisation möglich, die es versteht, die kollektive Arbeit einer internationalen Gemeinschaft von Forschern, Künstlern und Gelehrten zu koordinieren. In diesem kollektiven Unternehmen nehmen die Gelehrten heute zweifellos eine maßgebliche Rolle ein, gerade weil sich die heutige Politik und Wirtschaft beständig auf die Autorität der Wissenschaft, besonders der Ökonomie, berufen. Aber auch Schriftsteller und Künstler (darunter solche wie Hans Haacke und Nancy Frazer, um nur zwei meiner hiesigen Freunde zu erwähnen, die sich schon in den Dienst kritischer Auseinandersetzungen gestellt haben) spielen hier eine unersetzbare Rolle. Denn "der wahren Idee allein wohnt keine eigentliche Kraft inne", sagt Spinoza, und der Soziologe möchte ihm hierin zustimmen. Er kann jedoch auch nahe legen, dass Schriftsteller und Künstler im Rahmen der neuen politischen Arbeitsteilung eine unersetzbare Rolle spielen: Sie können, mit den Mitteln der Kunst, den Ideen und kritischen Analysen symbolische Kraft verleihen und den noch unsichtbaren, aber wissenschaftlich vorhersehbaren Folgen der Politik eine spürbare Form geben. Man darf die Bedeutung dessen, was im vergangenen Winter auf den Straßen in Seattle und gleichzeitig weltweit im Internet geschehen ist, sicher nicht übertreiben; ich denke jedoch, dass in den dortigen Demonstrationen exemplarische Erfahrungen gemacht wurden, die es zu analysieren gilt, um daraus rationale Prinzipien abzuleiten, die dann für die Strategien des politischen Kampfes genutzt werden könnten - als Grundlegung einer neuen internationalen Bürgerinitiative oder, wenn das alte Wort noch gilt: einer neuen Internationalen.Aus dem Französischen von Jörg Ohnacker.Pierre Bourdieu // Pierre Bourdieu, Jahrgang 1929, lehrt Soziologie am Collège de France in Paris.Zur Koordinierung des politischen Engagements einer internationalen Gruppe von Forschern, Künstlern und Gelehrten hat Bourdieu die internationale Gruppe "Raisons d Agir" gegründet, die zum 1. Mai 2000 ein Manifest für die Einberufung von "Generalständen der sozialen Bewegung in Europa" veröffentlicht hat.DIESE CHARTA kann im Internet unter "www. raisons. org. " eingesehen werden.BOURDIEU SPRICHT IN BERLIN am heutigen Sonnabend, 10. Juni, an der Humboldt-Universität über "Neoliberalismus und neue Formen der sozialen Herrschaft" (Audimax, 19 Uhr). Am morgigen Sonntag um 12 Uhr hält er in der Schaubühne am Lehniner Platz einen Vortrag über den "Fünften Stand und das Ende der Arbeitsgesellschaft"Künstler und Wissenschaftler müssen die geheiligte Grenze zwischen Kompetenz und Engagement überwinden.Künstler und Gelehrte, die sich erfolgreich in die Politik eingemischt haben: Sartre, Einstein, Russell, Beauvoir, Havel, Sacharow, Arendt (Reihenfolge im Uhrzeigersinn).