Wissenschaft: Warum uns Filme faszinieren

Kino ist herrlich, hat aber selten etwas mit der Wirklichkeit zu tun. Das wird zumindest immer wieder behauptet. Der Traumfabrik Hollywood, aber auch Filmen und erzählten Geschichten überhaupt wird seit jeher sogenannter Eskapismus vorgeworden: Wirklichkeitsflucht. Clevere Illusionsverkäufer, heißt es argwöhnisch, belieferten uns mit Heile-Welt-Orten, an denen wir für eine Weile den Zumutungen des realen Lebens entfliehen. Kino als narratives Opium für das Volk. Doch irgendetwas ist faul an dieser These. Denn Kino und Literatur zeichnen keineswegs bloß schöne Welten und versorgen das Publikum auch nicht ausschließlich mit erbaulichen Gefühlen. Was da erzählt wird, geht den Menschen zu Herzen wie das echte Leben – obwohl sie ja wissen, dass alles bloß ausgedacht und nicht real ist. Allmählich ergründen Forscher, wie die Faszination der Menschen für Filme und Geschichten zu erklären ist.

Die US-amerikanischen Kommunikationsforscher Jane Ebert von der Brandeis University und Tom Meyvis von der New York University zum Beispiel gaben ihren Probanden eine tragische Geschichte zu lesen, etwa über einen jungen Mann, der an Krebs stirbt. Dann fragten sie die Teilnehmer, ob sie sich trauriger oder weniger traurig fühlen würden, wenn sie wüssten, dass die Geschichte wahr und nicht nur erfunden ist. Fast alle waren überzeugt, dass eine wahre Begebenheit sie stärker mitnehmen würde. Das erwies sich aber als Trugschluss. Denn nun präsentierten die Forscher dieselbe Geschichte anderen Versuchspersonen und verkauften sie manchen vorab als fiktiv, anderen als wahr. Das Ergebnis: Es machte keinen Unterschied – die Story stimmte die Teilnehmer gleichermaßen traurig, egal, ob sie diese für echt oder erfunden hielten.

Egal, ob echt oder erfunden

So verhielt es sich auch, als Ebert und Meyvis das Medium wechselten und einen bewegenden Film vorführten, den sie wiederum entweder als Dokumentation oder als Drama ankündigten. Lief der Film ohne Unterbrechung, so spielte es keine Rolle, ob die Teilnehmer die Handlung für echt oder erfunden hielten: Das Geschehen nahm sie so gefangen, dass sie nicht anders konnten, als emotional mitzugehen. Nur wenn die Forscher kleine Unterbrechungen in die Vorführung einbauten, wurde der vermeintlich fiktive Film als etwas weniger aufwühlend bewertet als der vermeintlich echte – wohl deshalb, weil die Zuschauer in den Pausen Gelegenheit hatten, innerlich Abstand zu nehmen nach dem Motto „Kein Grund, sich aufzuregen, ist alles nur ausgedacht, keiner musste wirklich leiden!“ Ohne diese bewusste Distanzierung sind Geschichten für uns zunächst erlebte Wirklichkeit.

Wahrscheinlich ist unser Erlebnisapparat sogar so beschaffen, dass wir Geschehnisse – egal, ob real oder erfunden – automatisch in Geschichten übersetzen, ihnen also einen Plot geben. „Menschen nehmen fälschlicherweise an, dass ihre Einstellungen, Überzeugungen und Handlungen stärker von Fakten als von Fiktionen beeinflusst werden“, schreibt die amerikanische Sozialpsychologin Melanie Greenwald, die seit vielen Jahren die verblüffende seelische Durchschlagskraft von Erzählstoff erforscht. „Doch tatsächlich werden wir in Erzählungen hineingezogen, in faktische wie in fiktive gleichermaßen.“ Daten, Zahlen, Statistiken lassen uns kalt. Erst wenn sie in eine Story eingebettet werden, erhalten sie eine emotionale Bedeutung.

Personalisierte Geschichten ziehen

Politiker wissen das. Journalisten ebenso. Was längst zu deren Handwerkszeug gehört, hat Mary Beth Oliver von der Pennsylvania State University jüngst in einer Studie bestätigt: Personalisiere deine Geschichte, das weckt die Empathie der Leser und hält sie bei der Stange. Die Forscher stellten fest, dass Artikel über alte Menschen, Migranten oder Strafgefangene bei Testlesern nicht nur besser ankamen, sondern auch mehr Wirkung entfalteten, sobald die Sachaussagen an einem persönlichen Schicksal festgemacht wurden. Die Teilnehmer, die eine solche Story gelesen hatten, zeigten anschließend mehr Hilfsbereitschaft gegenüber der betreffenden Klientel als jene, denen ein reiner Faktenreport vorgesetzt worden war.

Was muss eine Geschichte mitbringen,der das gelingt? In einer gewaltigen Fleißarbeit haben Forscher der ESCP Europe Business School in London und der Universität Maastricht die Datensätze von 76 Studien zur Wirksamkeit von Erzählungen (Narrationen) gebündelt. Das Team um Tom van Laer kam zu dem Schluss, dass drei Kriterien dafür ausschlaggebend sind, wie stark eine Geschichte ihre Leser oder Zuschauer in den Bann zieht: Sie sollte mit prägnanten Charakteren aufwarten, in deren Motive und Seelenleben man sich einfühlen und mit denen man sich identifizieren kann. Ihr Plot, also die Sequenz der Ereignisse, sollte die Vorstellungskraft anregen. Das Schlüsselelement dazu sind gut ausgearbeitete Szenen, die einem bildlich vor Augen treten. Drittens kommt es auf die Plausibilität an. Auch die fantastischste Geschichte sollte echt, lebensnah, glaubhaft herüberkommen, nicht zwangsläufig in naturwissenschaftlichem Sinne glaubhaft, sondern subjektiv überzeugend.

Van Laer und seine Kollegen stellten aber auch fest, dass es nicht allein an der Story liegt, wie stark sie jemanden fesselt – sondern es kommt eben auch auf diesen Jemand an, der sich fesseln lässt. Es funktioniert besser, wenn diese Person mit Thema und Genre der Erzählung schon vertraut ist und nicht in Neuland vorstoßen muss. Auch fällt das Eintauchen in eine Geschichte Menschen leichter, die ohnehin konzentriert bei der Sache, gebildet – und weiblich sind. Es stimmt: Frauen können sich allgemein besser in andere einfühlen – auch wenn diese Personen fiktive Charaktere sind.

Emotionen aus zweiter Hand

Bleibt die Frage, was Menschen davon haben, sich mit erfundenen Gestalten zu identifizieren. Tatsache ist: Wer sich in eine Figur einfühlt, empfindet mit, was sie empfindet. Es sind quasi Emotionen aus zweiter Hand. Nicht von ungefähr spricht man vom Gefühlskino. Filme – und Geschichten – erlaubten uns, starke Emotionen an sicheren Plätzen zu erleben, sagt der Medienwirkungsforscher John Sherry von der Michigan State University. Meist erleben wir diesen Zustand als angenehm, sogar dann, wenn es traurige Gefühle sind, von denen wir überwältigt werden.

In einer aktuellen Studie haben Asmir Gracanin und sein Team an der Universität Tilburg 60 Zuschauerinnen und Zuschauern zwei bewährt-bewegende Filme gezeigt: Roberto Benignis Tragikomödie „Das Leben ist schön“ sowie „Hachiko“, ein zu Tränen rührender Film über einen Hund, der seinem Herrn über den Tod hinaus treubleibt. 28 der Teilnehmer weinten während der Vorstellung. Anders als die 32, die keine Tränen vergossen hatten, durchlief ihre Gemütskurve nach dem Filmerlebnis ein heftiges Auf und Ab, oder besser: Ab und Auf. Unmittelbar nach dem Abspann waren sie ziemlich down. Doch schon nach 20 Minuten war ihre Stimmung wieder auf dem Ausgangsniveau wie vor dem Film, und nach 90 Minuten fühlten sie sich sogar besser als zuvor: Irgendwie hatte der Schub von schmerzlichem Mitgefühl, das der Film anstieß, also eine Art therapeutische Wirkung.

Doch nicht jedem ist das Mitfühlen beim (Kopf-) Kino das Wichtigste. Das stellten Annabel Nijhof und Roel Willems von der Radboud-Universität in Nijmegen fest, als sie die Gehirne ihrer Versuchspersonen mit einem Magnetresonanzscanner durchleuchteten, während diese verschiedenen Audiobuchgeschichten lauschten. Die neuronalen Aktivierungsmuster verrieten, dass manche Teilnehmer vor allem darauf bedacht waren, die Intentionen und Gefühle der Hauptcharaktere zu verstehen. Anderen war die Action wichtiger. Zwar waren auch sie emotional dabei, doch noch mehr war ihr Gehirn damit beschäftigt, sich visuell vorzustellen, was den Akteuren gerade wo und wie zustieß. So waren sie mitten im Geschehen.

Fokussiert wie ein Laser

Dass die großen Meister des Suspense-Kinos, das die Zuschauer in Unsicherheit schweben lässt, die Aufmerksamkeit ihrer Zuschauer an Schlüsselstellen des Plots wie einen Laser fokussieren können, demonstriert eine weitere Studie. Forscher des Georgia Institute of Technology zeigten ihren Probanden Thriller wie Hitchcocks „Der unsichtbare Dritte“, Ridley Scotts „Alien“ oder Rob Reiners „Misery“. In Momenten, in denen sich etwa das Alien durch die Bauchdecke biss oder das Sprühflugzeug den ins Maisfeld flüchtenden Cary Grant attackiert, verengte sich die visuelle Wahrnehmung der Zuschauer zu einem Tunnel: Das Gehirn bearbeitete fieberhaft, was sich im Zentrum ihres Sehfeldes abspielte – und ignorierte vollständig das Geschehen am Rande, geschweige denn jenseits des Bildschirms. „Das Gehirn“, sagt der ebenfalls an der Studie beteiligte Eric Schumacher, „steuerte sie direkt in die Story hinein.“

Geschichten hinterlassen messbare Spuren im Gehirn, die zumindest eine Nacht lang vorhalten. Neurowissenschaftler der Emory University um Gregory Berns gaben ihren Probanden an neun Abenden jeweils 30 Seiten von Robert Harris’ Thriller „Pompeji“ zu lesen. Wie sich herausstellte, spukte das Romangeschehen den Lesern auch am folgenden Morgen noch im Kopf herum. Die Forscher registrierten eine noch immer anhaltende Betriebsamkeit im sprachverarbeitenden linken Schläfenlappen. Auch in motorischen Hirnarealen traten die Nervenzellen verstärkt miteinander in Verbindung, ganz so, als wären die Teilnehmer gedanklich nach wie vor im Körper des Protagonisten und folgten ihm in seinen Bewegungen.

Kein Wunder, dass wir als Leser oder Zuschauer selbst in den Pausen fiebern, wie es weitergeht, etwa bei einer TV-Serie unseres Vertrauens. Wenn dann die letzte Staffel ausläuft und keine neue mehr gedreht wird, trauern die Fans um ihre fiktiven Gefährten, als wären es echte Freunde gewesen. Besonders groß ist ihr Unmut, wenn eine Serie offen oder mehrdeutig endet wie seinerzeit David Lynchs Kultreihe „Twin Peaks“. Christel Russell von der American University in Washington führt das darauf zurück, dass solche Geschichten in der Psyche als offene Gestalt zurückbleiben – sie sind irgendwie unfertig wie eine noch nicht ganz abgearbeitete To-do-Liste und lassen einen deshalb nicht los. Erst ein eindeutiges Ende gibt einer Story Geschlossenheit. Erst dann, sagt Russell, könnten die Fans von ihren geliebten Charakteren lassen und ihr Hinwegscheiden betrauern wie das eines Freundes „nach einem gut gelebten Leben“.