MAGDEBURG. Monique Lampe sagt, von der Sache mit der Pappschachtel sei sie begeistert. Ein Satz Skatkarten liegt drin, ein Gutschein über Karten für das Magdeburger Theater, ein blauer Stoffbeutel mit dem Logo der Hochschule Magdeburg-Stendal, ein Päckchen Knäckebrot mit Sesam und zwei Absinth-Trüffel-Pralinen aus einer Magdeburger Zuckerbäckerei. "Das ist eine tolle Idee, eine nette Geste, mit der man nicht rechnet", sagt die 25 Jahre alte Frau.Monique Lampe stammt aus Magdeburg in Sachsen-Anhalt. Seit vier Jahren arbeitet sie in Gütersloh in Nordrhein-Westfalen. Sie ist die beste Emigrantin aus Ostdeutschland, die man sich wünschen kann. Sie hat studiert, sie ist engagiert. Sie möchte zurück in den Osten, sie will wieder dort leben, wo sie aufgewachsen ist - in Magdeburg. "In Gütersloh hab ich alles - nur meine Heimat nicht, nicht meine Familie, nicht meine Freunde", sagt sie. "Dort drüben ist in erster Linie mein Job."Weil es viele junge Frauen wie Monique Lampe gibt, gibt es jetzt die Heimatschachtel. Monique Lampe steht am Montag im 17. Stock eines Hochhauses in Magdeburg, sie ist eingeladen, weil sie als eine der ersten einen der Kartons bekommen soll. In den nächsten Wochen werden tausend Männer und Frauen zwischen 18 und 30 Jahren, die sich auf den Weg in den Westen der Republik machen, eine solche Schachtel erhalten."Sie wollen zurück"Christiane Dienel ist sozusagen die Mutter der Heimatschachtel. Dienel ist Professorin an der Hochschule Magdeburg-Stendal, sie forscht über Abwanderung aus Ostdeutschland. Sie sagt, es gehe auch um folgende Frage: "Wie kann man den Humanfaktor im Aufbau Ost konkret in den Blick nehmen?" Vielen Besuchern der Präsentation des Heimatschachtel-Projekts klingt das jetzt zu sehr nach Wissenschaftsdeutsch. Wolfgang Tiefensee aber nickt verständig. Er ist schließlich Bundesverkehrsminister und Beauftragter für den Aufbau Ost. Und er hat die Sache mit der Pappschachtel bezahlt.Man wird nun Zeuge des jüngsten Versuchs, der Abwanderung aus dem Osten Einhalt zu gebieten. Magdeburg hat seit der Wende fast 60 000 Einwohner verloren, ganz Sachsen-Anhalt zehn Prozent seiner Bevölkerung. Professorin Dienel sagt, die Heimatbindung der jungen Menschen sei sehr groß. Bei einer Umfrage habe sich ergeben, dass "fünfzig bis sechzig Prozent der Angerufenen sagten, sie wollten wieder zurück". Es gelte nun, eine positive emotionale Stimmung herzustellen - das gute Gefühl, aus Magdeburg zu kommen. "Wie an der Börse", sagt Dienel. Da seien auch Emotionen der Händler verantwortlich für Ab- oder Aufschwung der Aktien. Eine Agentur für Rückkehrwillige, ein Internetforum, in dem sich die West-Wanderer über die alte Heimat austauschen können, und die Heimatschachtel sollen das nun richten. Als könnte ein Paket mit Haloren-Kugeln einen Hallenser zur Rückkehr bewegen, ein Glas mit Senf einen Bautzener, eine Streichholzschachtel einen Riesaer. "Natürlich nicht", sagt Dienel. Es brauche auch Arbeitsplätze. Sie habe aber in ihren Studien festgestellt, dass viele der Abwanderer zu Hause einen Arbeitsplatz gehabt hätten.Es ist nun an Minister Tiefensee, sich der Sache mit der Pappschachtel anzunehmen. Er sagt, in den letzten 15 Jahren habe die Stadt Magdeburg "eine atemberaubende Entwicklung durchgemacht". Das ist ein Standardsatz, den Bundespolitiker im Osten benutzen. Dann sagt Tiefensee aber auch: "Uns drücken nach wie vor ganz große Sorgen." Eine davon ist das Fehlen von Arbeitsplätzen. Tiefensee, der frühere Leipziger Oberbürgermeister, sagt also an diesem Montag in Magdeburg: "Wer meint, die Probleme des Ostens ließen sich lösen, weil eine Heimatschachtel versandt wird, der geht in die Irre." Das darf man als Antwort des Ministers auf die Kritik verstehen, die einige CDU-Politiker aus dem Osten an der Sache mit der Pappschachtel geübt haben. Tiefensee lächelt, wirkt aber, als wolle er sagen: "Ich habe schon begriffen. Aber was, um Himmelswillen, kann falsch daran sein, in den jungen Menschen das Heimatgefühl zu wecken?"Arbeiten für die HälfteEine dreiviertel Stunde lang hat sich Monique Lampe die Vorstellung der Pappschachtel angehört. Ein süßer Gruß aus der Heimat, das ist schön. Da regt sich das Heimweh. Einen Job in Magdeburg wird ihr das aber wahrscheinlich nicht bringen. Denn es gibt einen Grund für die Abwanderung junger Leute aus dem Osten. Monique Lampe hat erzählt, sie habe vor vier Jahren eine Arbeitsstelle in der Nähe von Magdeburg angeboten bekommen. "Ein Jahresgehalt von 21 000 Euro", sagt die Frau, die Gesundheitsmanagement studiert hat. In Gütersloh gab es mehr als das Doppelte.------------------------------Foto: "60 Prozent wollen zurück" - Professorin Dienel und die Heimatschachtel.

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