Für den männlichen Blick, den Nicht-Feministen ja gern leugnen, gibt es eine schöne Definition: Wie viele Filme kennt man wirklich, in denen sich Frauen auch mal untereinander unterhalten, ohne dass es dabei um einen Mann geht? Es sind entsetzlich wenige. Schon darum wäre ein Film, der die Vorzeichen der Männerkomödie einfach umdreht, eine kleine Sensation. In "Brautalarm" geht es tatsächlich mal nicht um Männer, und eigentlich geht es auch nicht ums Heiraten. Die ältesten Klischees des Frauenfilms sind hier nur der Anlass für ein paar gestandene Weibsbilder, gründlich die Fassung zu verlieren, einander schlimmstmöglich zu beleidigen und sich überhaupt wie Bekloppte zu benehmen.Der Witz dabei ist, dass zu der wunderbaren Annie (Kristen Wiig) nichts weniger passt als ein alberner Zickenkrieg. Annie hält es nur einfach nicht mehr aus. Das schönste Brautkleid, die feierlichsten Reden, das tollste Brautpaar und die besten Gäste aller Zeiten - Annie wird schon bei dem Gedanken an all das kotzübel. Warum plant ihre beste Freundin Lilian (Maya Rudolph), eine grundvernünftige Person, ihre Hochzeit als sündteuren Tüll-Albtraum in Weiß und Pink?! Annie versteht es nicht, sie versucht aber mitzumachen bei dem regressiven Getue - und scheitert kläglich. Hochzeitsvorbereitungen sind nichts für sie.Helen (Rose Byrne) ist Annies Konkurrentin um den Platz der perfekten Brautjungfer und der überforderten Blondine sowieso in jeder Disziplin überlegen. Neid spielt eine Rolle; ein elendes Single-Dasein voller sexueller Demütigungen und geplatzter Träume hat Annie mürbe gemacht. Und so hört die mit Abstand netteste Person des ganzen Films irgendwann auf, nett zu sein. Das ist nicht nur der eigentliche Kick dieses etwas anderen "Chick Flicks", sondern auch ein Riesenspaß.In den USA hat "die erste Frauenkomödie ab 18" (so die Werbung) in den vergangenen Wochen für Furore gesorgt, obwohl "Brautalarm" weit weniger simpel gestrickt ist als derzeit im Genre Komödie üblich. Es wäre ja auch gelacht, wenn der Erfolgsproduzent Judd Apatow ("Beim ersten Mal") nicht auch den Damen was zu bieten hätte! Tatsächlich ist der Film anders - und weit besser - als das, was man erwarten durfte. In den durchaus verdienstvollen Apatow-Komödien benehmen sich geschlechtsreife Männer wie pubertäre Kindsköpfe, Frauen sind hübsch anzusehendes Beiwerk. In "Brautalarm" hingegen wird eine erwachsene, verdammt echt wirkende Frau mit Herz und Hirn von einer kindischen Umgebung in den Wahnsinn getrieben. Der gedankliche Fortschritt ist enorm, nicht nur im Hinblick auf die leidige Geschlechterfrage. Es sei hier mal als Zufall betrachtet, dass das mit platten ebenso wie mit brillanten Gags am Fließband aufwartende Drehbuch von zwei Frauen geschrieben wurde.Eine davon ist Kristen Wiig, die auch als Hauptdarstellerin alles gibt. Hierzulande fast unbekannt, hat sie sich ihre Sporen in der Komödiantenschmiede der US-Fernsehshow "Saturday Night Live" längst verdient. In einer schon jetzt klassischen Szene versucht Wiig in "Brautalarm" die Aufmerksamkeit eines Polizisten zu erregen, indem sie während der Fahrt - am Steuer ihres Wagens laut johlend, demonstrativ telefonierend, schließlich mit dem BH in der Hand - wirklich jede Verkehrsregel übertritt. Der Rest sind verschiedene Stufen der Verbitterung, tiefer Frustration und existenzieller Unsicherheit, von der 37-jährigen Wiig mit unvergleichlicher Mimik gnadenlos durchexerziert. Die Kunst des Augenrollens hat eine neue Meisterin!Nicht alles in "Brautalarm" ist gleichermaßen gut gelungen. Die filmische Form etwa bleibt mitunter am Sketch hängen, ein Markenzeichen des zuletzt ja nicht mehr so erfolgreichen Apatow. Eine unbeschreibliche Kotz- und Durchfallorgie im Boudoir eines Brautausstatters hätte vielleicht nicht sein müssen. Wie man inzwischen weiß, wurde sie von Apatow und dem Regisseur Paul Feig nachträglich verlangt, um mehr männliches Publikum zu binden.Als ob das nötig gewesen wäre! Das Brautjungfern-Ensemble funktioniert jedenfalls durch die Bank prächtig; es serviert seine schweinischen Witze mit unverhohlener Lust. Und über den "Mad Man" Jon Hamm als tumber Playboy lacht - außer Annie - wirklich jeder. Was den vieldiskutierten weiblichen Humor angeht, ist es schlicht gut zu wissen, dass zwischen romantischer Komödie und dem Gucci-Feminismus von "Sex and the City" noch eine gewaltige Lücke klafft. Wer sich mit beidem nicht anfreunden kann, ist bei "Brautalarm" goldrichtig.-----------------------Brautalarm (Bridesmaids) USA 2011. Regie: Paul Feig, Drehbuch: Annie Mumolo, Kristen Wiig, Kamera: Robert Yeoman, Darsteller: Kristen Wiig, Maya Rudolph, Rose Byrne, Melissa McCarthy u.a.; 124 Minuten, Farbe. FSK ab 12.Ab Donnerstag im Kino------------------------------Foto: Freundinnen kurz vor einer furchtlosen Attacke auf den Brautmodenausstatter: Megan (Melissa McCarthy), Becca (Ellie Kemper), Helen (Rose Byrne), Rita (Wendi McLendon-Covey), Lilian (Maya Rudolph), Annie (Kristen Wiig, v. l.).Foto: Wen ahmt Annie (Kristen Wiig) hier wohl nach?