MOSKAU, 2. Januar. Den Beginn des neuen Jahrtausends und seiner Amtszeit verbringt der neue russische Präsident hoch über Tschetschenien. Im dichten Nebel. Der Hubschrauber, mit dem Wladimir Putin sich in der Silvesternacht in die von der russischen Armee kontrollierte tschetschenische Stadt Gudermes fliegen lassen will, kann wegen des schlechten Wetters nicht landen. Wladimir Putin muss kurz vor dem Ziel umkehren. Um punkt null Uhr lässt er schließlich den Korken der Sektflasche Traditionsmarke "Sowjetskoje Schampanskoje" im fliegenden Hubschrauber knallen, um mit Ehefrau Ludmilla, der Besatzung und seiner Begleitmannschaft anzustoßen. Es kommt selten vor, dass Putins Pläne nicht klappen. Aber auch diesmal findet er einen Ausweg, der für Boris Jelzin schon seit Jahren unmöglich gewesen wäre: Putin lässt sich kurzentschlossen auf den dunklen Landstraßen des Kaukasuses zweihundert Kilometer weit nach Gudermes fahren.Am Neujahrsmorgen früh um fünf kann er schließlich mit der Ordensverleihung an Soldaten und Offiziere beginnen. "Sie verteidigen in Tschetschenien nicht nur die Würde und Ehre Russlands. Es geht darum, den Zerfall Russlands zu beenden", sagt Wladimir Putin vor den Soldaten. Das erste DekretDiese ersten Worte Putins im neuen Jahr sind auch sein Programm. Wenige Stunden zuvor hat er im Kreml schon sein erstes Präsidenten-Dekret unterschrieben, mit dem er einen politischen Sprengsatz an der russischen Staats- und Gesellschaftsspitze entschärfte, dessen enorme Kraft wohl ausgereicht hätte, den Staat von oben her zu spalten. Putins Dekret Nummer Eins garantiert Boris Jelzin lebenslange Immunität vor Strafverfolgung. Boris Jelzin darf nicht festgenommen, verhaftet, zur Fahndung ausgeschrieben oder durchsucht werden. Er kann nicht zur strafrechtlichen Verantwortung gezogen werden. Die Immunität gilt für Wohnungen und Büroräume, für Dokumente, Gepäck und Post des ehemaligen Präsidenten. Was auch immer staatsanwaltliche Ermittlungen oder Nachforschungen der Opposition zu Tage fördern werden, Jelzin ist nun für immer sicher vor einer Verfolgung. Das Immunitätsdekret des Thronfolgers Putin gilt nicht nur für den zurückgetretenen Präsidenten sondern auch für die Mitglieder seiner Familie. Unterzeichnet hat Putin den Ukas, der nach der russischen Verfassung Gesetzeskraft genießt, mit Jelzins Kugelschreiber an Jelzins Schreibtisch im Kreml, unmittelbar nachdem Jelzin dort seine eigene Rücktrittserklärung unterschrieben und seinen Arbeitsplatz freigemacht hatte. "Absolut beispiellos"Der Macht- und Wachwechsel im Kreml war wie im Handumdrehen geregelt. Und alle Probleme scheinen auf einen Schlag gelöst: Der sterbenskranke und seit langem amtsmüde Boris Jelzin macht einem Nachfolger Platz, der die Sicherheitsprobleme der Präsidentenfamilie löst und für Kontinuität im Kreml bürgt. Wladimir Putins Schwindel erregende Popularität wird ihn mit fast hundertprozentiger Sicherheit bei den vorgezogenen Präsidentenwahlen im März ins Amt bringen. Putin bleibt ein langwieriger und aufreibender Wahlkampf erspart. Und Boris Jelzin kann im Gehen noch einmal seinen Platz in der Geschichte des vergangenen Jahrtausends dramatisch markieren. "Fantastisch und genial, mutig und absolut beispiellos" so kommentierte etwa Jelzins ehemaliger Kronprinz Anatoli Tschubais das Geschehen in Moskau.Aber der Amtsverzicht des russischen Präsidenten, der für die Welt so überraschend kam, war wohl kaum eine einsame Entscheidung des Boris Jelzin, auch wenn bislang noch nicht klar ist, welchen Anteil daran seine engste Umgebung aus Familienangehörigen, Beratern und deren Geschäftspartnern hatte, die mal als Küchenkabinett, mal als "Kollektiver Jelzin" oder als "Große Familie" bezeichnet wurde und über deren Wohl und Wehe Boris Jelzin mit seinem Amtsverzicht schließlich entschied. "Großväterchen Jelzin", wie er im Kreml oft genannt wurde, hat seinen Schritt zumindest mit Ehefrau Naina besprochen, die ihren kranken Mann schon seit langem dazu gedrängt hatte, das Amt aufzugeben, um endlich leben zu können "wie normale Menschen". Wochenlang, so berichtet Naina, habe Jelzin in letzter Zeit vor sich hingebrütet, bevor er ihr endlich unter dem Siegel der Verschwiegenheit seine Entscheidung mitteilte, vorzeitig zurückzutreten. Auch für die "Große Familie" gab es mehr als deutliche Vorzeichen dafür, dass Boris Jelzin nach den gewonnenen Duma-Wahlen die erste beste Gelegenheit nutzen werde, um sich endgültig aus dem Kreml zurückzuziehen und die Geschäfte ganz an Waldimir Putin zu übergeben, den er schon im August als seinen Wunschnachfolger benannt hatte. Am 28. Dezember des vergangenen Jahres erlaubte es Boris Jelzin schließlich erstmals seinem Premierminister, an seiner statt im Kreml Orden und Auszeichnungen zu verleihen. Eine Amtshandlung, die sich Jelzin in der Vergangenheit nie hatte nehmen lassen. Am 30. Dezember überließ er es Putin sogar, an Stelle des Präsidenten den pompösen Silvesterempfang im Kreml zu eröffnen. Am darauf folgenden Silvestermorgen schließlich bestellte Jelzin seinen Premierminister und den Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche zu sich in den Kreml, um ihnen seine Entscheidung mitzuteilen. Den Text für die Fernsehansprache an die Nation, die er gleich danach zum letzten Mal hinter seinem Schreibtisch sitzend aufzeichnen ließ, hatten seine Ghostwriter zu dem Zeitpunkt schon längst fertig formuliert. "Ich habe verstanden, dass ich gehen muss. Ich habe getan, was ich tun konnte. Russland wird nie wieder in die Vergangenheit zurückfallen. Russland wird sich nur noch vorwärts entwickeln. Ich darf jetzt diesem natürlichen Gang der Geschichte nicht im Wege stehen. Warum sollte ich noch ein halbes Jahr warten, wenn es doch einen starken Menschen gibt, der würdig ist, Präsident zu werden."Mit stockender Rede bat er die Russen um Vergebung dafür, dass er überzogene Hoffnungen auf einen schnellen Sprung aus der Vergangenheit in die Zukunft nicht habe erfüllen können, bevor er dann schließlich Wladimir Putin ordnungsgemäß die Amtsgeschäfte übergab. Zwei Stunden brauchte Jelzin, um seinem Nachfolger endgültig die Insignien der Macht zu überreichen: Den Kugelschreiber für Dekrete, Gesetze und Ernennungen, die geheimen Akten des Präsidenten und vor allem jenen Koffer mit den Codes für die russischen Atomwaffen, den er bisher nur ein einziges Mal aus der Hand gegeben hatte. Als Jelzin sich im Herbst des Jahres 1996 einer fünffachen Bypass-Operation unterziehen lassen musste, übergab er dem damaligen Premierminister Viktor Tschernomyrdin den Atomkoffer, kurz bevor er sich in die Narkose verabschiedete. Kaum war er aus der Narkose erwacht, forderte er als Erstes dieses Erbe der sowjetischen Supermacht wieder zurück. Seit dem Silvestertag weichen die zwei Marineoffiziere, die den Koffer tragen, nun Wladimir Putin nicht mehr von der Seite. Nicht mehr der Armee-Oberst Boris Jelzin, sondern der KGB-Oberst Wladimir Putin ist jetzt der Oberkommandierende der russischen Streitkräfte. Residenz und LeibwachenKnapp zwei Stunden nach seiner letzten Fernsehansprache war Boris Jelzin schon als Privatmann auf dem Weg zur Neujahrsfeier auf seiner Landresidenz Gorki-9 vor den Toren Moskaus während Wladimir Putin den Ukas unterzeichnete, dass Jelzin eine standesgemäße Residenz auf Lebenszeit ebenso zur Verfügung steht wie eine Leibwache und kostenlose medizinische Betreuung. Als Boris Jelzin sich schließlich im Familienkreis darauf vorbereiten konnte, wie jedes Jahr den Weihnachtsmann zu spielen, leitete Putin schon als amtierender Präsident die ersten kurzen Sitzungen des nationalen Sicherheitsrates und der Regierung. Wenig später demonstrierte er auch in seiner ersten Neujahrsansprache für das Fernsehen, dass er fest entschlossen ist, die Macht nicht wieder aus der Hand zu geben. Mit einem leicht drohendem Unterton versicherte er knapp und kurz, es werde nicht für eine Minute lang ein Machtvakuum in Russland geben. "Ich warne, dass alle Versuche, den Rahmen der Gesetze und der russischen Verfassung zu überschreiten, entschlossen vereitelt werden." Er werde es schon verstehen, Angriffe auf die Demokratie, die Pressefreiheit und die geltende Verfassung mit den Mitteln abzuwehren, die ihm die russische Präsidialverfassung zur Verfügung stellt. "Die Streitkräfte und die Rechtsschutzorgane arbeiten wie üblich."Jahre in DresdenIn dem kleinen Oberst Wladimir Putin hat Boris Jelzin einen Nachfolger gefunden, der ihm trotz aller Unterschiede in vielem verblüffend ähnlich ist: Ein Mann von schnellen und unkonventionellen Entscheidungen, der aber dennoch berechenbar bleibt. Ein Politiker ohne eine eigene Hausmacht, der darum auf Gedeih und Verderb an die "Große Familie" gebunden ist, die ihn schließlich zum Präsidenten gemacht hat. Ein Mann, der es wie zuvor auch Boris Jelzin verstehen muss, mit bonapartistischem Geschick zwischen den Machtblöcken zu lavieren.Statt des unbeweglich starren Jelzin hat Russland jetzt einen amtierenden Präsidenten, der einen schwarzen Gürtel im Judo trägt, die elegante Kunst der weichen Verteidigung beherrscht und zugleich ein meisterhafter Pistolenschütze ist. Anders als Jelzin hat Putin in der Vergangenheit keine sowjetische Parteikarriere hinter sich gebracht, sondern vierzehn Jahre aktiven Dienstes in der sowjetischen Auslandsaufklärung, vor allem in Dresden zu Zeiten der DDR. Dass Putin fließend Deutsch spricht, ist da ebenso wenig erstaunlich wie sein Vermögen, sich in jede Uniform einzupassen, so wie er es als Premier bei den unzähligen Truppen- und Flottenbesuchen in den vergangenen Monaten unter Beweis gestellt hat. Manche halten den neuen Präsidenten daher für eine modernere Ausgabe des früheren KGB-Chefs und KPdSU-Generalsekretärs Juri Andropow. Sicher aber ist vor allem, dass Wladimir Putin die Macht, die ihm die "Große Familie" angeboten hat, nehmen und nutzen wird wenn es sein muss, auch gegen sie.

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