Die großen Straßen rund um den S-Bahnhof Steglitz sind um die Mittagszeit belebt: Auf dem Platz vor dem Steglitzer Kreisel ist Markt, an den Bushaltestellen stehen Schulkinder und in den zahlreichen Geschäften auf der Schloßstraße herrscht Hochkonjunktur. Fährt man mit dem Bus die Albrechtstraße etwas weiter herunter in Richtung Steglitzer Friedhof, kommt man zur Walsroder Straße.Im Gegensatz zum emsigen Treiben im Zentrum des Bezirks, ist es hier angenehm ruhig. Die Reihenhäuser, die von der Walsroder Straße abgehen, liegen am Hünensteig und grenzen mit ihrer Stirnseite direkt an den Steglitzer Friedhof. Man kann sich gut vorstellen, wie der russische Komponist Leo Borchard während der Nazizeit im Schutze des Friedhofs leise die Tür der Nummer sechs geöffnet hat, um die Mitstreiter seiner Widerstandsgruppe "Onkel Emil" hereinzulassen.Zu den geheimen Nacht- und Nebelaktionen von Borchards Widerstandsgruppe passt auch der Name der hiesigen Siedlung, die in den Jahren 1931 und 1932 von den Architekten Paul Emmerich, Paul Mebes und Heinrich Straumer gebaut wurde: feuer- und rauchlose Siedlung. "Die Siedlung war die erste in Deutschland, die über eine Zentralheizung sowie fließend warmes Wasser verfügte", berichtet Wolfgang Holtz, "das war damals eine echte Sensation!" Der ehemalige Museumsleiter des Heimatvereins Steglitz muss es wissen: Er hat schon einige Chroniken über den Bezirk verfasst und stellt gerade sein neuestes Buch über den Steglitzer Friedhof Bergstraße fertig, auf dem auch Borchard begraben ist. Weil man also zwischen Bismarckstraße und Munsterdamm vergeblich nach den von Brennholz rauchenden Schornsteinen suchte, bekam die Siedlung ihren ungewöhnlichen Namen."Die Wohnungen in der rauchlosen Siedlung verfügten meist nur über zwei oder zweieinhalb Zimmer und waren daher nur für wenige Personen geeignet", berichtet Holtz. "Aber da sie von der gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft Heimat, der späteren Gehag, erbaut wurden und deshalb vergleichsweise günstig waren, zogen nach dem Krieg auch Flüchtlinge mit großen Familien dort ein." Heute sind viele Wohnungen privatisiert und stehen teilweise zur Miete frei. Ohne Nebenkosten bezahlt man um die 320 Euro für eine Zweizimmerwohnung mit 55 bis 60 Quadratmetern Wohnfläche. Die Häuser sind mit Flachdächern ausgestattet und haben größtenteils schöne Grünflächen zwischen den Anlagen. "Damals waren diese lichtdurchfluteten Mietwohnungen echte kleine Perlen", sagt Holtz. Heute muten die Reihenhäuser in ihrem einheitlichen Grau nicht mehr ganz so einladend an. Aber der Friedhof mit seinem imposanten Wasserturm, den vielen alten Bäumen und bewachsenen Grabstätten macht aus den einfachen Mietshäusern eine besondere Siedlung, die über einen eigenen "Park" in der direkten Nachbarschaft verfügt.Zurück auf den belebteren Straßen, trifft man vielleicht wieder auf Schulkinder -und diese sind vielleicht auch auf dem Weg in die Martin-Buber-Straße 21. Dort befindet sich nämlich die Leo-Borchard-Musikschule, die im Jahr 1990 gegründet wurde.------------------------------Foto: Der Wasserturm des Friedhofs gehört zu den Sehenswürdigkeiten im Kiez.

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