Die Potsdamer Straße hat viele Gesichter. Am gleichnamigen Platz präsentiert sie sich schick und aufgeräumt, als Schauplatz urbaner Kultur. Doch kaum ist der Landwehrkanal überquert, wandelt sich das Bild. Bis auf wenige Ausnahmen flankieren charakterlose Nachkriegsbauten diesen Abschnitt der Ausfallstraße. Hier braust der Verkehr auf vier Spuren an hohen, breiten Bürogebäuden vorbei.Ungefähr dort, wo heute die Wohnungsbaugesellschaft Degewo residiert, stand bis Anfang des 20. Jahrhunderts das Haus, in dem die Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Hedwig Dohm (1831-1919) einige Jahre ihres Lebens verbrachte. In der damals gutbürgerlichen Wohngegend veranstalteten Hedwig Dohm und ihr Mann Ernst in den 1860er-Jahren einen Montags-Salon, in dem Lassalle und Fontane verkehrten. Hedwig Dohm, Mutter von vier Töchtern und einem früh verstorbenen Sohn, forderte bereits 1873 das Wahlrecht für Frauen. Ihre Begründung war so einfach wie überzeugend: "Die Menschenrechte haben kein Geschlecht." In den Artikeln, Romanen und Theaterstücken, die das Multitalent Hedwig Dohm im Verlauf von fünf Jahrzehnten veröffentlichte, war Emanzipation immer wieder zentrales Thema.In der Potsdamer Straße erinnert bislang nichts an die Frauenrechtlerin, stattdessen grüßt ein Denkmal des "Eisernen Gustavs" die Kolonnen von Autofahrern vom Mittelstreifen aus. Der Verkehrslärm und der damit verbundene Smog seien das einzige Manko der zentralen Wohngegend, sagt der Anwohner Dieter Krüger. "Aber ich wohne ja nach hinten raus." Trotz moderater Mieten zwischen fünf und zehn Euro pro Quadratmeter lassen sich nur wenige Mieter wie Krüger auf Dauer in den anonymen Wohnkomplexen nieder, die hier das Bild beherrschen. Attraktiver als die Vorderhauslage ist eine Bleibe in den lichten Hinterhöfen, die zwar vielfach von Gewerbebetrieben genutzt werden, aber auch einige Mietshäuser mit viel Charme beherbergen.Die Gegensätze auf der Potsdamer Straße setzen sich in Richtung Lützowstraße fort. Während das ehemalige Refugium des Tagesspiegels leer steht und auch so mancher Club schnell wieder verwaist, sind Hotels und Galerien im Kommen. Institutionen wie das Café Roth, ein Jugendstil-Kleinod mit charmanter Atmosphäre, trotzen ohnehin allen Konjunkturschwankungen.Einkaufen, sich amüsieren oder einfach nur arbeiten, dafür zieht es viele Berliner an die Potsdamer Straße. Wohnen, so scheint es, möchten hier aber nur die wenigsten.------------------------------Foto: Auf der Potsdamer Straße pulsiert das Leben -und rauscht der Verkehr.